Menschen + Betriebe -

Rasierpinsel aus Dachshaar Die Eroberung des Badezimmers

Mühle-Rasierpinsel bieten Streicheleinheiten für den pflegebewussten Mann. Wie ein Traditionsbetrieb aus Stützengrün die Renaissance der Nassrasur kultiviert.

Früher hielten "richtige Kerle" Wellness als etwas für Warmduscher. Heute soll es Männer geben, die mindestens genauso viel Zeit im Badezimmer verbringen wie ihre schönheitsbewusste Gattin. Das gestiegene Pflegebedürfnis des starken Geschlechts nutzt ein Traditionsbetrieb des Pinsel- und Bürstenmacherhandwerks, indem er mit geschicktem Marketing die Renaissance der Nassrasur kultiviert. Seither sind Rasierpinsel der Marke Mühle gefragter denn je.

"Vor zehn Jahren galten Rasierpinsel für 100 Euro noch als unverkäuflich. Das hat sich geändert", erklärt Christian Müller. Der 36-Jährige führt gemeinsam mit seinem Bruder Andreas die Firma Mühle genauer: die Hans-Jürgen Müller GmbH & Co. KG in Stützengrün, Ortsteil Hundshübel. Die Gegend im westlichen Erzgebirge gilt als Zentrum der Bürsten- und Pinselmacher. In hunderten von Kleinbetrieben wurde über knapp 200 Jahre hinweg eine breite Palette von Besen, Bürsten und Pinsel aller Art hergestellt. Bis in die Gegenwart hat sich so eine seltene Handwerkskunst bewahrt, ohne die die Rasierpinsel der Luxuslinie von Mühle gar nicht entstehen könnten. Denn ein „Silberspitz Dachszupf“ wird durchweg in Handarbeit gefertig.

Zuschauer willkommen

Höchstens 100 Stück verlassen pro Mitarbeiter und Tag die Manufaktur, in der seit vergangenem Jahr sogar Besucher den Pinselmachern bei der Arbeit zuschauen dürfen, wie diese das wertvolle Haar vom Rücken des Dachses grammgenau abwiegen und auskämmen. Wie sie in einer Büchse die 20.000 bis 40.000 Tierhaare pro Pinsel in Form bringen, mit einem Faden fixieren, in eine Ringzwinge einkleben und nach dem Aushärten das Haarbüschel mit einem stilvollen Griff aus indischem Büffelhorn, Porzellan, Palisander-, Oliven- oder Bruyéreholz kombinieren.

Ganz so edle Materialien standen Großvater Otto Johannes Müller noch nicht zur Verfügung. Als er 1945 den Betrieb gründete, wurden die Borsten noch in der heimischen Waschküche gekocht und die fertigen Haushalts- und Malerbürsten später mit dem Pferdewagen zum Markt gekarrt. Schon bald erkannte der Firmengründer das Potenzial der Rasierpinsel, die er sogar bis in die Neue Welt verschiffen ließ. Als der Betrieb anfang der 70er Jahre verstaatlicht wurde, blieb Hans-Jürgen Müller, Sohn des Firmengründers, als technischer Leiter der Pinselproduktion verbunden, bis er schließlich 1990 die Reprivatisierung erreichte.

Ob Dachshaar oder Schweineborsten – für die Gründlichkeit der Nassrasur spielt die Qualität des Pinsels weniger eine Rolle. "Aber was für Unterschiede im Gefühl", betont Christian Müller und stellt zum Beweis zwei Rasierpinsel auf den Tisch. Sanft umschmeicheln die Silberspitzen mit dem schwarzen Band, dem sogenannten Spiegel, das Kinn des Gastes. Dagegen wirken die Schweineborsten regelrecht grob. Handgefertigte Dachshaar-Pinsel sollen am besten den Schaum aufschlagen, optimal das
Gesicht massieren und dabei die Barthaare aufrichten. So wird das Rasieren von der lästigen Pflicht zu einem Wellnesserlebnis. Entschleunigung bei der Morgentoilette.

Stetiges Wachstum

Der Neustart nach der politischen Wende war für Hans-Jürgen Müller nicht leicht. Wurden in den "goldenen" 70er Jahren pro Tag 10.000 Rasierpinsel gefertigt – viele davon für Kunden in der Sowjetunion oder im Nahen Osten –, so musste die auf drei Mitarbeiter geschrumpfte Belegschaft nun quasi wieder von vorn beginnen.

Doch mit der konsequenten Pflege der Marke Mühle gelang es, das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Seit 1993/94 sind Umsatz und Beschäftigtenzahl stetig gewachsen. Es wurde kräftig in die Immobilie und die Technik investiert. In den vergangenen zehn Jahren gehörte zudem immer ein Lehrling zur Belegschaft, die inzwischen wieder auf 26 Beschäftigte angewachsen ist. „Wir haben noch nie jemand entlassen müssen“, erklärt Pinsel- und Bürstenmachermeister Christian Müller beim Betriebsrundgang. Im vergangenen Jahr habe das Unternehmen einen Umsatz von 4,5 Millionen Euro erzielt, bei einer Exportquote von 30 Prozent.

Mehr als die Hälfte der rund eine Million Rasierpinsel, die pro Jahr das Werk in Hundshübel verlassen, wandern später für rund 5 Euro in einer Drogeriekette über den Ladentisch. Nur rund 40 Prozent der Produkte tragen die Windmühlenflügel hinter einem großen M als Markenzeichen der Firma Mühle. Sie sind das Aushängeschild, ihnen verdanken die Pinselmacher von Hundshübel ihren guten Ruf. Doch wer eines dieser hochwertigen Rasierutensilien im Laden kaufen möchte, muss mitunter lange suchen.

Ansturm im Onlineshop

Schneller geht es im Internet. Seit Mühle vor sechs Jahren seinen Onlineshop eröffnet hat, wachsen dort die Umsätze im zweistelligen Bereich. 350.000 Euro waren es im vergangenen Jahr rund zehn Prozent des Gesamtumsatzes. Doch Wachstum ist nicht unbegrenzt. Das weltweite Kontingent an hochwertigem Dachshaar wird von der Population der putzigen Tierchen vorgegeben. Inzwischen gibt es aber Kunstfasern, die der Qualität der Naturhaare kaum nachstehen. Wegen Materialmangel müssen sich die Müllers also keine Sorgen machen. Und auch nicht die pflegebewusste Spezies namens Mann.

Dass die Herren der Schöpfung die Rasur heute eher als eine Wohltat für das eigene Befinden denn als lästige Pflicht ansehen, dafür sorgen bei Mühle übrigens hauptsächlich Frauen. Die wissen schließlich am besten, worauf es im Badezimmer ankommt.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten