Bayerischer Handwerkstag -

Immaterielles Kulturerbe Bayern Die Drechsler haben es geschafft

Das Drechslerhandwerk darf jubeln: Im Schloss Schleißheim bei München wurde mit der feierlichen Urkundenübergabe die Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe Bayern besiegelt.

„Wir sind stolz und glücklich, dass damit ein echtes Traditionshandwerk die öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung erhält, die es verdient“, betont Thomas Mörtel, der im Fürther „Haus des Handwerks“ die Geschäfte des Deutschen Drechsler- und Holzspielzeugmacherverbandes führt.

4.500 Jahre alte Technik

Dass dieser bereits seit 1973 in Fürth seine Heimat hat, ist kein Zufall. Franken gilt als eines der Zentren im Hinblick auf die Weitervermittlung der handwerklich tradierten Fähigkeiten und Techniken dieser Handwerkskunst, deren erste Spuren sich vor 4.500 Jahren in Ägypten finden. Die Technik des Drehens zur Bearbeitung rotierender Werkstücke aus Holz, Horn, Bernstein oder Elfenbein wird vor allem in kleinen Betrieben bewahrt, etwa bei Drechslermeister Wolfgang Miller in Maßbach.

Der stv. Vorsitzende des 1879 gegründeten und heute etwa 100 Mitglieder zählenden Drechslerverbandes leitet im unterfränkischen Bad Kissingen auch die dreijährige Fachausbildung des Nachwuchses an der Berufsschule – einem von nur noch zwei deutschen Standorten. Denn Lehrlinge sind rar.

Der 54-jährige Miller, der die Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes initiiert und in zweijährigen Bemühungen vorangetrieben hat, glaubt an eine positive Initialzündung: „Ich hoffe, dass dadurch unsere Kollegen wieder mehr Stolz auf ihren Beruf und Standesbewusstsein entwickeln und auch wieder mehr Auszubildende in ihre Betriebe aufnehmen, um ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben.“

Handwerkliche und gesellschaftliche Traditionen zu bewahren, ist eines der Ziele des immateriellen Kulturerbes. Bayerns Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Dr. Marion Kiechle, sieht darin „lebendige kulturelle Ausdrucksformen“, die Gemeinschaft, Identität und Sinn stiften und Bayern unverwechselbar machen. Bis dato zählt das Verzeichnis 37 Einträge, darunter das Flechthandwerk oder die Mal-, Fass- und Vergoldertechniken der Kirchenmaler.

Um ihr Handwerk angemessen zu präsentieren, brachte die Drechslerdelegation ein handgedrehtes mannsgroßes Kaleidoskop mit nach Oberschleißheim. Es steht sinnbildlich für die moderne, anspruchsvolle Produktpalette der etwa 1.600 deutschen Drechslerbetriebe. Ein Viertel davon hat allein in Bayern seinen Sitz. Das Angebot reicht von kunstvollen Schalen und Leuchtern über Gebrauchsgegenstände wie Eierbecher und Pfeifen bis zu Schachfiguren und Drumsticks. Gearbeitet wird traditionell von Hand an der Drehbank – oder mit modernen CNC-Maschinen.

Mehr Lehrlinge gewinnen

Das Drechslerhandwerk sollte nach Ansicht von Geschäftsführer Mörtel auch für viele junge Leute attraktiv sein, nach Ausbildungsende schließen sich z.B. Aufstiegsmöglichkeiten zum Meister, Betriebswirt des Handwerks oder zu Studiengängen in Bereichen wie Produktdesign an. Doch dafür muss das Handwerk wieder bekannter werden.

Bundesinnungsmeister Walter Hoppe aus Hannover sieht gute Chancen, dass sich dies nun ändert: „Wir Drechslermeister werden die für die Kulturerbe-Bewerbung gesammelten Brancheninfos künftig für Werbebroschüren des Bundesverbandes nutzen. Und sollte uns eine baldige Aufnahme auch ins Bundesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes gelingen, wäre dies der nächste Schritt, um die positive Öffentlichkeitswirkung zu verviel­fachen.“

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