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Demografie und Gesundheitshandwerke "Die Betriebe müssten mehr strategisch planen"

Anja Baumann vom Institut für Technik der Betriebsführung sieht Chancen durch steigende Nachfrage, empfiehlt den Gesundheitshandwerken aber verstärkt auf Dienstleistungen zu setzen. Doch das rückt ein anderes Problem in den Fokus.

DHZ: Frau Baumann, mehr alte Leute leben länger und haben mehr Krankheiten – also gute Bedingungen für die Gesundheitshandwerke. Kann man das so zusammenfassen?

Baumann: Tatsächlich überwiegen die potenziellen Chancen in allen Gesundheitshandwerken. Hintergrund sind die steigende Zahl älterer Menschen sowie die gestiegene Lebenserwartung gerade auch bei Hochbetagten mit über 80-Jährigen. Deren Anteil lag 2013 bei 4,4 Millionen. Bis 2030 steigt der Anteil um 40 Prozent an. Die Nachfrage nach Medizinprodukten und Dienstleistungen nimmt dadurch fortlaufend zu. Auch wächst bei den Älteren das Gesundheitsbewusstsein und damit der Anspruch, präventiv tätig zu werden, um im hohen Alter fit und aktiv sein zu können. Außerdem ist diese Altersgruppe kaufkräftig.

"Die Chancen sind erst nutzbar, wenn die Betriebe investieren."

DHZ: Wie können sich die Betriebe darauf einstellen?

Anja Baumann

Baumann: Die Chancen sind erst nutzbar, wenn in den Betrieben bestimmte Investitionen getätigt werden. Vor allem heißt das, dass sie gut ausgebildete Fachkräfte einstellen müssen – gerade vor dem Hintergrund des steigenden Dienstleistungsbedarfs. Die älteren Menschen haben einen hohen Anspruch an Qualität und Beratung. Das muss in den Betrieben umgesetzt werden können. Da sich die Produkte durch den technologischen Wandel fortwährend erneuern, ist auch hier viel Fachwissen erforderlich. Die Betriebe müssen dafür sorgen, dass die Mitarbeiter die erforderlichen Kompetenzen haben. Dessen sind sich die Betriebe bewusst. Die große Herausforderung besteht derzeit darin, geeignete Fachkräfte zu finden.

DHZ: Gibt es innerhalb der Gesundheitshandwerke Unterschiede, was die Auswirkungen der Demografie angeht?

Baumann: Die Alterung der Gesellschaft bringt bestimmte Bedarfsentwicklungen mit sich, die die Branchen durch ihre Spezifizierung jeweils etwas anders abdecken können. Je nach Region geht die Ärztedichte weiter zurück. Bestimmte Branchen können hier beispielsweise den Bedarf teilweise mit abdecken, zum Beispiel die Augenoptiker, die bestimmte Krankheitsbilder erkennen und eine Lotsenfunktion zu den Ärzten übernehmen können. Die Hörakustiker betreuen zunehmend auch jüngere Menschen, weil hier der Bedarf immer weiter steigt. Wichtig ist, die Auswirkungen betriebsspezifisch zu betrachten und nicht alles über einen Kamm zu scheren.

DHZ: Die Digitalisierung wird hauptsächlich als Chance verstanden, Stichwort Handwerk 4.0. Doch Sie haben auch Gefahren verortet.

Baumann: Technologische Errungenschaften wie 3D-Druck oder Scans sind zunehmend auch für ­Firmen ohne handwerklichen Hintergrund möglich. Brillengestelle oder Zahnimplantate können auf diese Weise auch von Laien ausgedruckt werden. Die Betriebe sollten sich neben der Herstellung von Produkten auf die Konzeption von Dienstleistungen, zum Beispiel einem Rundumservice, konzentrieren. Die Fachkräfte in den Betrieben haben diese Expertise und zusätzlich medizinisches Wissen. Die Chance liegt wiederum in der hochwertigen Beratung, in Wartung und Pflege der Kundenbeziehung, gerade bei älteren Menschen, die dies verstärkt nachfragen.

"Viele Betriebe tun sich im Alltag schwer, sich auf Herausforderungen vorzubereiten."

DHZ: Sehen Sie weitere Risiken?

Baumann: Die größte Herausforderung liegt tatsächlich in der Sicherung eines guten Mitarbeiterstamms. Betriebe bestätigen immer wieder, dass es eine mangelnde Ausbildungsreife bei den Schülern gibt. Dabei ist die Sicherung des Fachpersonals ein ganz entscheidendes Kriterium für die Wettbewerbsfähigkeit. Gefährlich könnten auch die steigende Alters­armut werden sowie das Finanzierungsproblem im Gesundheitswesen. Beides führt zu Sparzwängen, die die Anbieter unter Druck setzen. Viele Kleinstbetriebe tun sich außerdem im Alltag wegen Überlastung schwer, sich systematisch auf diese Herausforderungen vorzubereiten. Hier wäre sicher mehr strategische Planung vonnöten, dafür braucht es aber insgesamt mehr Zeit für die Unternehmensführung.

Die Studie zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Gesundheitshandwerke kann hier heruntergeladen werden.

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