Technik -

Viele Klicks und ihre Folgen "Die aus dem Video"

Lea Gross aus Bad Urach hat es in den sozialen Medien zu einiger Bekanntheit gebracht. Was macht die Zimmerin heute?

Der Begeisterung, mit der Lea Gross über ihren Beruf spricht, kann man sich kaum entziehen. "Es ist einfach spannend, sich in eine Aufgabe reinzudenken und eine gute Lösung zu finden", sagt die 22-Jährige strahlend über ihren Arbeitsalltag. Am Zimmererhandwerk schätze sie die Arbeit mit Holz, deren Vielseitigkeit, am Abend zu sehen, was man gearbeitet habe, und ganz besonders die "Freiheit, auf dem Dach zu stehen". "Es ist einfach ein schöner Beruf."

Ein Beruf, findet Gross, für den es sich lohne zu werben. Im Allgemeinen, um Schulabgänger auf dieses Handwerk aufmerksam zu machen, und nicht zuletzt als eine junge Frau, die sich vorgenommen hat, in einem typischen Männerberuf erfolgreich zu sein. Der Auftakt war die Auszeichnung zum "Lehrling des Monats" im September 2015, über den zahlreiche Zeitungen in der Region berichteten. Ein knappes Jahr später folgte ein Videoclip, der Erste einer Reihe der Handwerkskammer Reutlingen, die Auszubildende und ihre Berufe vorstellt und der mit Abstand erfolgreichste. Mehr als 500.000-mal wurde der Film bislang auf dem Portal YouTube aufgerufen.

Eine solche Resonanz hatten weder die Kammer noch die Hauptdarstellerin erwartet. Den Drehtag hat Lea Gross in guter Erinnerung behalten. "Das war schon cool, vor der Kamera zu stehen und zu erleben, wie eine Filmproduktion abläuft. Beispielsweise eine Einstellung mehrfach zu wiederholen, bis es passt. Das war neu für mich."

Folgen der Popularität

Mit dem Ergebnis ist sie noch heute zufrieden, mit den Folgen ihrer Popularität weniger. "Ich habe schnell festgestellt, das ist nicht meins", sagt Gross im Rückblick. Über die launigen, teils abwertenden Kommentare der anonymen Nutzer auf dem Portal konnte sie hinwegsehen, nicht aber über die Reaktionen von anderen Auszubildenden und Kollegen in ihrem Alltag, etwa in der überbetrieblichen Ausbildung oder im Meisterkurs.

"Du bist doch die aus dem Video. Die Leute sprachen mit mir, als ob man sich kennen würde. Erst auf der Meisterschule ist mir klar geworden, dass sie mich schon alle gesehen hatten." Diese Voreingenommenheit, ob positiv oder negativ, empfand sie als einschränkend und belastend. Für sie steht deshalb fest: "Das würde ich heute nicht mehr machen."

Was ihren beruflichen Werdegang angeht, hat Gross eine Karriere wie aus dem Bilderbuch der Nachwuchswerbung hingelegt. Engagiert, zielstrebig, vorbildlich. Nach der Ausbildung im elterlichen Betrieb in Wittlingen, einem Teilort von Bad Urach, während der sie nebenbei noch die Fachhochschulreife erwarb, machte sie ihren Meister. Diese Möglichkeit hat sie gerne genutzt. Als Meisterin ihres Fachs fühle sie sich dennoch nicht. "Es fehlt noch einiges an Erfahrung", glaubt Gross. Die will sie in den nächsten Jahren, die sie bewusst als ihre "Gesellenzeit" bezeichnet, nachholen.

Allein unter Männern

An Selbstbewusstsein mangelt es der jungen Frau nicht. Lea Gross hat gelernt, sich als Frau unter Männern Gehör und Achtung zu verschaffen. Auch diesen Teil der Ausbildung hat sie mit Bravour gemeistert. "Wenn man zeigt, dass man Ahnung hat, verschwinden die Vorbehalte", sagt Gross. In der Berufsschule, den ÜBA-Kursen und schließlich in der Meisterschule war sie meist auf sich allein gestellt. Dass mehr junge Frauen sich für Bauberufe entscheiden, fände Gross wünschenswert. Allerdings sei neben Talent und Einsatzwillen auch ein langer Atem erforderlich. "Es ist leider immer noch so, dass sich eine junge Frau beweisen muss."

Jetzt steht erst einmal die "Gesellenzeit" an. Gross, die eine Stelle als Vorarbeiterin hat, freut sich über die anstehenden Aufgaben im Betrieb und will dann schauen, was noch kommt. Weiterbildung sei immer ein Thema, so Gross, auch zu studieren könne sie sich vorstellen. Konkrete Pläne gebe es derzeit nicht. Eines steht für sie bereits fest, dass sie auch in Zukunft handwerklich arbeiten möchte und ab und an die Freiheit, auf dem Dach zu stehen, genießen möchte. "Nur im Büro, das ist nicht das, was ich will."

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten