Meinung -

Leitartikel Deutschland muss seinen ländlichen Raum fördern und stärken

Viel wird aktuell über den ländlichen Raum berichtet. Wo die Probleme liegen und warum gerade das Handwerk ein Auge darauf haben sollte.

"Wir wollen lebenswerte und attraktive ländliche Räume" – so heißt es in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU/CSU und SPD. Viel wird derzeit über den ländlichen Raum geschrieben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung meint sogar herausgefunden zu haben, dass die AfD bei der Bundestagswahl häufiger in ländlichen Wahlkreisen gewählt wurde.

Die Studie enthält noch eine andere – etwas seltsame – Feststellung: "Im Osten schneidet die AfD in Regionen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an Menschen über 60 Jahren sowie in Regionen mit einer hohen Dichte an Handwerksbetrieben gut ab." Das wäre schon eine eigene Betrachtung wert. Es zeigt aber, dass der ländliche Raum wohl nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozioökonomisch eine besondere Analyse verdient.

Schon über die Definition des Begriffs finden sich kluge Abhandlungen. Aber am einfachsten ist es wohl, zwischen städtischem und ländlichem Raum zu unterscheiden. Letzteren bilden dann alle ländlichen Landkreise. Auf sie entfallen knapp 70 Prozent der Fläche und etwas mehr als 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Die wirtschaftlichen Unterschiede werden daran deutlich, dass das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in städtischen Regionen das in ländlichen Regionen um über 50 Prozent übersteigt.

Innerhalb der ländlichen Räume sind die Unterschiede dabei gewaltig. Der Landkreis München hat beispielsweise einen Wert, der den des "schlechtesten" Landkreises um etwa das Siebenfache übertrifft. Im Grundgesetz wird die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet immerhin als politisches Ziel vorgegeben. Der Koalitionsvertrag nennt die Herausforderungen von Demografie und Daseinsvorsorge als besondere Themen. Mit Demografie ist umschrieben, dass der Anteil der über 65-Jährigen gerade in ländlichen Regionen deutlich zunimmt.

Auf der anderen Seite ist der Wegzug vor allem junger Menschen in die Metropolen und Universitätsstädte nahezu ungebrochen. Die dadurch entstehenden Herausforderungen für diese Regionen sind Leerstände bei Wohngebäuden, Läden und Fabriken sowie der Abbau von Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser und öffentlicher Personen-Nahverkehr. Damit wird ein verhängnisvoller Kreislauf in Gang gesetzt, der zu noch mehr Abwanderung führt. Auf der anderen Seite droht der Kollaps in manchen Großstädten, weil Zuzug und Wohnungsangebot beispielsweise schon längst nicht mehr zur Deckung gebracht werden können.

"Die EU darf die ländlichen Räume nicht schlechterstellen"

Das Handwerk muss an alledem ein besonderes Interesse haben. Denn es ist im ländlichen Raum mittlerweile in vielen Gegenden der stärkste Wirtschaftsbereich und hat schon längst die Landwirtschaft abgelöst. Darum geht es aber nicht. Vielmehr müssen die Wirtschaftsbereiche im ländlichen Raum besonders eng zusammenarbeiten, um ihre Stärken gemeinsam zur Geltung zu bringen. Seiner Rolle kann das Handwerk nur dann weiterhin gerecht werden, wenn die Voraussetzungen dafür in einer konzertierten Aktion aller Beteiligten geschaffen werden.

Auch die EU muss sich dem stellen und darf die ländlichen Räume in Deutschland ab der Förderperiode 2020 nicht schlechterstellen. Insgesamt geht es um Fachkräftesicherung, Bildung, Nahversorgung, Gewerbestandorte und Infrastruktur. Dabei spielt die leistungsfähige Breitbandversorgung eine Schlüsselrolle. Die digitale Agenda der nächsten Bundesregierung muss gerade den ländlichen Raum stärken.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten