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Kommentar Deutsche EU-Ratspräsidentschaft läutet Zeitenwende ein

Die EU nimmt immer mehr Schulden auf. Die Schuldenaufnahme ist damit kein Tabu mehr. Das Handwerk sollte jetzt die in Brüssel gesetzten Trends beherzt aufgreifen.

Viele Chefs und Mitarbeiter von Handwerksunternehmen werden ihre wohlverdienten Urlaubstage in diesem Jahr leider nicht oder kaum entspannt genießen können. Das mag mit der Sorge vor einer zweiten Corona-Welle und einem trüben Ausblick auf Wirtschaft und Gesellschaft zu tun haben. Um kurz- und mittelfristig die richtigen Entscheidungen für Jobs und Betriebe zu treffen, sollte das deutsche Handwerk aber auch auf die europäische Ebene blicken.

Denn dort deutet sich eine politische und finanzielle Zeitenwende an – im Rahmen der deutschen EU- Ratspräsidentschaft. Mit dem Segen Berlins, dem einstigen Euro-Stabilitätshüter, schicken sich die EU-Länder an, immer mehr Ausgaben mittels Schuldenaufnahme an den internationalen Finanzmärkten zu finanzieren.

Mal eben in den kommenden Monaten 750 Milliarden Euro, fordert etwa die EU-Kommission und ihre Präsidentin Ursula von der Leyen. Und die Europäische Zentralbank kennt offenbar kein Ende, mittels der Notenpresse klamme Konzerne und Staaten vor dem Bankrott zu retten. Oder, um ihn bloß hinauszuzögern?

All das kommt einem Tabubruch gleich, mit unabsehbaren Folgen auch für unsere Geldwertstabilität. Galt in Brüssel bislang doch das Verbot der Schuldenfinanzierung des Gemeinschaftshauhalts, so drohen die derzeitigen Verhandlungen der 27 EU-Regierungen mal eben fast zu einer Verdoppelung der EU-Mittel zu führen.

Mag aus der Brüsseler Kasse auch der ein oder andere Euro ins Handwerk fließen, gilt es vor allem, die großen in Brüssel gesetzten Trends beherzt aufzugreifen. Die Schlagworte lauten: Stärkung von Klimaschutz, Digitalisierung und – neuerdings – Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Dafür müssen nicht nur Politik und Verwaltungen die Rahmenbedingungen verbessern.

Auch die Unternehmenslenker sind gefordert, ihren Betriebsalltag entsprechend auszurichten. Da liegt im Handwerk enormes Potenzial, nicht zuletzt angesichts eines wachsenden Reparatur- und Sanierungsstaus. Und den Sparern sei gesagt: jawohl, handwerkliche Dienstleistungen sind vorzügliche und zukunftsfähige Formen der Geldanlage. Das ist eine weitere, wünschenswerte Lektion der Corona-Krise.

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