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Flüchtlinge im Handwerksbetrieb Der Weg eines syrischen Flüchtlings in den deutschen Arbeitsmarkt

Krieg, Verfolgung, Unterdrückung: Die Gründe aus dem Heimatland zu flüchten sind vielfältig. Wie viele andere auch hat Elias vor dem Bürgerkrieg in Syrien Asyl in Deutschland gesucht. Ein Handwerksbetrieb beschäftigt ihn seit Monaten – mit großem Erfolg.

Elias' dunkelbraune Augen huschen abwechselnd zwischen seinem Chef und seiner Chefin hin und her: "Wir haben heute unser erstes Zwischenzeugnis bekommen." Die Mundwinkel des Auszubildenden formen ein Lächeln und seine weißen Zähne kommen zum Vorschein – er weiß, dass er gut abgeschnitten hat. "Oh, dann lassen Sie mal sehen", erwidert Doris Bucher und streckt ihm beide Hände entgegen. Sie nimmt das Zeugnis in die Hand und blickt durch ihre randlose Brille auf das Notenblatt. Dann fixiert ihr Blick Elias, bevor er wieder auf den Zettel fällt. Hin und her. Ihr Mund zeigt keine Regung. Elias schaut sie an und lächelt noch immer. "Eine Eins in IT-Systeme! Prima", sagt Doris Bucher plötzlich und ihr Mundwinkel schnellen nach oben, "nur an Englisch müssen wir noch ein bisschen arbeiten."  Elias verschränkt die Arme auf dem Tisch und lehnt sich ein Stückchen vor. Dass ausgerechnet Englisch das Sorgenkind seines Notenblattes ist, ärgert ihn. Denn die Sprache lernte er doch schon in der Schule – weit weg in seiner Heimat, in Syrien.

Elias ist vor knapp vier Jahren von Hasaka nach Deutschland gekommen. Zu Fuß schlug er sich von der Türkei bis nach Griechenland durch – von dort erreichte er per Flugzeug sein Ziel. 2012 stellte er – wie knapp 78.000 andere Flüchtlinge in dem Jahr – einen Asylantrag in Deutschland. Im September 2015 hat er eine Ausbildung bei der phone GmbH in Augsburg als Kommunikationselektroniker begonnen. Auf seinem Weg zum Auszubildenden haben er und auch der Betrieb für Kommunikation und Sicherheitstechnik viel Unterstützung von unterschiedlichen Seiten bekommen, wie zum Beispiel von der zuständigen Handwerkskammer.

Deutschlernen für Flüchtlinge

Deutsch lernt er erst, seitdem er hier ist. Er spricht mit einem leichten Akzent und nur selten rollt er die Augen nach oben und sucht nach dem richtigen Wort. In Augsburg legte er von Januar bis September 2014 Sprachzertifikate eines Integrationskurses bei der Kolping Akademie bis zum B2-Niveau ab. Darüber hinaus besucht er seit Oktober 2014 den Intensivsprachkurs bei ASL – International Sprachenschule in München.

Flüchtlinge können darüber hinaus weitere Sprachkurse besuchen:

Die Kosten für die Allgemeinen Integrationskursen über das BAMF sind für Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive kostenfrei. Ist der Teilnehmer der berufsbezogenen Sprachkurse arbeitssuchend, entstehen ihm hierfür ebenfalls keine Kosten.

Elias bei der Arbeit

Schulische Bildung erleichtert den Berufseinstieg

Zusätzlich besucht Elias noch neben seiner Ausbildung einen Sprachkurs bei der Handwerkskammer und lernt abends Deutsch und Mathe – ein Integrationsprojekt der Kammer, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) gefördert wird. Seine Vorkenntnisse in vielen Schulfächern sind gut. "Ich bin in Syrien zwölf Jahre zur Schule gegangen", erzählt er. Dort hat er ein Äquivalent zum Abitur absolviert und zwei Semester Jura studiert. Auch in Deutschland hätte er studieren können. Doch dann hat er sich doch lieber zunächst für eine Ausbildung entschieden. "Studieren will ich vielleicht später nochmal", betont der 24-Jährige. Seine Chefs, Gerhard und Doris Bucher, wollen ihn dabei unterstützen.

Über grundlegende schulische Kenntnisse verfügen etwa 70 Prozent der Flüchtlinge. Das geht aus und einer Studie des BAMF mit 2.800 Teilnehmenden, die ihren Asylantrag zwischen 2007 und 2012 gestellt haben, hervor. 70 Prozent der Befragten haben die Schule zwischen fünf und 14 Jahre lang besucht. Lediglich 13 Prozent stuft die Studie als Nichtqualifizierte ein, während zehn Prozent als höherqualifiziert gelten. Aus der Asylzuwanderung ermittelte das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zudem ein höheres Erwerbspersonenpotenzial für die Bundesrepublik. Dabei nimmt das IAB an, dass es sich 2016 um 380.000 und mittelfristig um 600.000 erhöht, wenn 2015 und 2016 jeweils eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Doch es gibt auch andere Ergebnisse zum Bildungsstand. Bildungsökonomen des ifo Instituts haben Schülerleistungen in 81 Ländern, unter anderem auch in Syrien, verglichen und kamen zu dem Ergebnis, dass 65 Prozent der Syrer das PISA-Grundniveau nicht erreichen.

Arbeitsgenehmigung nach Asylstatus

Seit seiner Ankunft in Deutschland hat Elias bereits einige Ortswechsel hinter sich. Zunächst war er in München und ging dann für acht Monate nach Neu-Ulm. Dort erhielt er seine Aufenthaltserlaubnis. Seit 2013 ist er ein anerkannter Flüchtling. Bevor er die Ausbildung begonnen hat, absolvierte er ein zweitägiges Praktikum bei der phone GmbH. Für Gerhard und Doris Bucher war klar, Elias einzustellen ist die richtige Entscheidung. "Er macht sich hervorragend", meint Gerhard Bucher. Elias sei sehr offen und stets engagiert. Kulturelle Stolpersteine habe es von Anfang an nicht gegeben. Er habe sich gut in das Team eingefügt.

Ob geflüchtete arbeiten dürfen und welches die Voraussetzungen dafür sind, das ist je nach Aufenthaltsstatus unterschiedlich. Dabei ist zu unterscheiden nach:

  • Asylsuchenden mit Aufenthaltsgestattung (das Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen),
  • Anerkannten Flüchtlingen mit Aufenthaltserlaubnis (das BAMF hat über den Asylantrag positiv entschieden) und
  • Geduldeten (das BAMF hat den Antrag abgelehnt, der Geflüchtete kann aber nicht abgeschoben werden).

Möchte ein Asylsuchender, dessen Verfahren noch nicht abgeschlossen ist oder eine Geduldeter in Deutschland arbeiten, muss er gewisse Regeln beachten. Eine Arbeitserlaubnis erteilt die Ausländerbehörde nach drei Monaten. Einen konkreten Job muss die Behörde erlauben und auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) muss zustimmen. Die BA nimmt eine Vorrangprüfung vor. Das bedeutet, sie prüft, ob die Stelle nicht auch ein Deutscher, ein EU-Staatsbürger oder ein anerkannter Flüchtling bzw. Geduldeter mit einem dauerhaften Aufenthaltsstatus besetzen kann. Zudem ermittelt die BA, ob die Arbeitsbedingungen nicht ungünstiger als für inländische Arbeitnehmer sind. Die Vorrangprüfung entfällt, wenn sich der Asylsuchende oder der Geduldete seit 15 Monaten in Deutschland aufhält. Der anerkannte Flüchtling hat einen uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, ebenso wie deutsche Staatsbürger und in Deutschland lebende Ausländer mit einer Aufenthaltserlaubnis.

Gerhard Bucher und Elias

Hilfe bei der Einstellung von Flüchtlingen

"Um das Bürokratische hat sich die Handwerkskammer Schwaben gekümmert", sagt Doris Bucher. "Wir mussten uns nicht mit den Behörden auseinandersetzen." Auch wenn Problemen auftreten sollten, können sie sich stets an die Handwerkskammer wenden. Seit Mai gibt es einen Willkommenslotsen bei der Kammer, der sich speziell um Betriebe kümmert. Von Beginn an standen die Kammer und die phone GmbH in einem engen Austausch. Den ersten Kontakt hatte Elias mit der Handwerkskammer Schwaben am 1. Juni 2015 im Rahmen einer interkulturellen Laufbahnberatung. Auf Elias aufmerksam geworden sind die Buchers über das Jobcenter. Es kam zum Kontakt durch einen Mitarbeiter der Kammer.

Diese vermittelt aber noch auf einem anderen Weg Flüchtlinge an Betriebe. Ist ein Flüchtling berufsschulpflichtig, muss er eine Berufsintegrationsklasse besuchen. Die Kammer vereinbart Termine mit den Berufsschulen und besucht die Klassen. Dort prüfen Mitarbeiter, ob es Flüchtlinge gibt, die sie an Betriebe vermitteln können. Auch Betriebe selbst können aktiv werden. Sie können die Handwerkskammer kontaktieren und ihnen mitteilen, ob sie jemanden brauchen und für welche Tätigkeit. Hat sich ein Betrieb entschieden und möchte den Flüchtling einstellen, benötigt die Kammer den Aufenthaltsstatus und einen Ausweis des Flüchtlings in Kopie. Mit dem Ausländeramt steht sie außerdem in regen Kontakt – auch falls es Probleme geben sollte.

Für Elias und die phone GmbH ist alles reibungslos gelaufen. "Es war vielleicht sogar ein bisschen zu einfach", sagt Doris Bucher. Dabei schnellen ihre Mundwinkel wieder nach oben. Die Buchers möchten Elias auch gerne nach der Ausbildung übernehmen. "Wir bilden für uns aus", erklärt Gerhard Bucher. Auch Elias fühlt sich wohl. Er möchte nicht mehr zurück nach Syrien. Er ist engagiert und möchte viel lernen. Seine guten Noten beweisen das. Die Note in Englisch, die hat er sicherlich im nächsten Zeugnis verbessert.

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