Meisterstücke -

Pfannen aus einem Stück Der Waidlerschmied von Waldkirchen

In einer 327 Jahre alten Hammerschmiede fertigt Schmiedemeister Josef Kindermann Unkrautstecher, Gartenhacken und Beile – und ein ganz besonderes Unikat: die Waidlerpfanne.

Josef Kindermann an der Esse
Josef Kindermann im Lederschurz an der Esse, das Roheisen liegt in der Glut. Mit einer Zange hält er das heiße Metall unter den Hammerschlag. -

Der spitze Kirchturm von Waldkirchen ragt hoch über den Ort hinaus. Einen schönen, leicht abschüssigen Marktplatz mit mittelalterlichen Fassaden gibt es hier. An einem Hauseck lehnt der "Ewige Hochzeiter" aus Granit, ein Wahrzeichen der Stadt, das die Einheimischen liebevoll "Stoanerner Hans" nennen. Keine 30 Kilometer von ihrem Städtchen im östlichsten Zipfel Bayerns liegt der Böhmerwald.

Am Fuße des Ortes, ein gutes Stück unterhalb der Pfarrkirche, führt ein schmaler Weg vorbei an einem Weiher und hinunter zu einem langgezogenen Anwesen am Bach. "Hammerwerk" prangt in eisernen Buchstaben an der Hausmauer. Die Tür zur Werkstatt steht offen. Drei breite Stufen aus Stein führen in eine andere Welt, in ein großes, rußgeschwärztes Inneres, das längst vergangene Tage wieder aufleben lässt. Wuchtige Ambosse stehen hier, die Werkbänke voller Metallstangen, Zangen in allen Größen liegen verstreut herum.

Schwere Lufthämmer tragen wagenradgroße Keilriemen, überall lehnen Schlegel, Sägen oder Hämmer, auf dem unebenen Boden verteilt sich silbrig glänzender Zunder. Nach Kohle riecht es und nach Rauch. Denn mittendrin in der Werkstatt brennt ein Feuer. Schmiedemeister Josef Kindermann steht mit dem Rücken zum Eingang an der großen Feuerstelle, der so genannten Esse, und stochert mit einem Schürhaken in der Glut herum. Jeden Morgen, winters wie sommers, führt ihn sein ­erster Weg hierher.

Jahrhundertealte ­Schmiededynastie

Mit Kohlen, zerknülltem Papier und Luft aus dem Gebläse hantiert Josef Kindermann hier zu Beginn seines Arbeitstages. Aus einem einleuchtenden Grund. "Ohne Feuer kann man nicht schmieden", sagt er und lächelt dabei verschmitzt. Der 53 Jahre alte Meister streift seine Schutzhandschuhe über, zieht einen Lederschurz über Pulli und Jeans und zeigt dann auf ein Stück Eisen, das in etwa so groß wie eine Tafel Schokolade ist. "Aus diesem Roheisen", nickt er vielversprechend und zieht dabei die Riemen seines Schurzes fest, "wird heute Vormittag eine Waidlerpfanne."

Servus nach Süddeutschland

Dieser Beitrag ist der aktuellen Ausgabe von „Servus in Stadt & Land“ entnommen. "Servus in Stadt & Land" ist ein regionales Monatsmagazin, das sich den Themen Handwerk & Brauchtum, Land & Leute, Natur & Garten, Kochen & Wohnen speziell in Bayern und im gesamten süd­deutschen Raum widmet.

Im Jahre 1686 wird die Schmiede seiner Vorfahren zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Seit Jahrhunderten also steht hier Generation um Generation an der Esse und schürt das Feuer. Bis vor 40 Jahren gehörte auch eine kleine Landwirtschaft zum Betrieb, heute existiert sie nicht mehr. Aber die Grundfesten der Werkstatt sind über viele Jahrzehnte unverändert geblieben. Nur die Hämmer, die früher mit Wasserkraft angetrieben wurden, laufen heute mit Motoren. Ein Steintrog, gleich rechts neben der Eingangstür, in den aus einem Schlauch Wasser tropft, erinnert an den unterirdisch verlaufenden Bach.

Bei 1.000 Grad Celsius aus einem Guss

Josef Kindermann greift mit der langen Zange nach dem Stück Roheisen und legt es ins Feuer. Sobald das Eisen zu glühen beginnt – mindestens 1.000 Grad Celsius muss die Glut dazu haben –, wird der Schmied das Metall unter einem Lufthammer in die Länge ziehen und dann den Stiel der Bratpfanne formen. Jede Waidlerpfanne ist aus einem einzigen Stück geschmiedet. Da wird nichts ausgestanzt, angeschweißt oder zusammengeschraubt. Beide Bratpfannen, sowohl die kleine als auch die große mit ihren 28 Zentimetern Durchmesser, sind aus einem Guss. Und das erfordert jede Menge handwerkliches Geschick. "Es schaut ja immer leichter aus, als es ist", sagt Josef Kindermann, "ein einziger Schlag – und genau der kann dann zu viel sein."

Die ersten Pfannen waren Schrott

Seine ersten selbst geschmiedeten Pfannen landeten allesamt im Schrott. Mittlerweile aber ist eine schöner als die andere. Schließlich schmiedet er 250 Stück pro Jahr, meistens gleich eine ganze Serie. Dennoch bleibt jede Pfanne ein Unikat. Regelmäßig wie ein Uhrwerk kommt das Gesenk des elektrischen Lufthammers auf das rotglühende Eisen nieder. Behände zieht der Meister das heiße Eisen, das er an langstieligen Zangen hält, so zurecht, dass es die exakte Länge erreicht. Er wendet das Metall, immer wieder hält er sowohl die eine als auch die andere Seite unter den Hammer. Flink stellt er das Eisen hochkant, dreht es unter dem Hammer, prüft dabei mit bloßem Auge die gerade Linie.

Unter dem Rhythmus der Hammerschläge nimmt der hintere Teil des Eisens die Form eines Stiels an. Jetzt wird dieser kerzengerade Stiel an der Feuerstelle neu erhitzt und unter einem anderen Hammer rundlich gebogen. "Damit er besser in der Hand liegt", sagt Josef Kindermann. Jetzt steht der schwierigste Teil der heutigen Arbeit an. Aus dem dicken Eisenrest, der vorne am Stiel hängt, muss die eigentliche Pfanne gehämmert werden.

Eine enorme Kraftanstrengung

Auch Sohn Stefan, gelernter Schmied und zudem Student des Wirtschaftsingenieurwesens, kommt an die Esse. Bis jetzt hat der 25-Jährige unter sprühendem Funkenregen am anderen Ende der Werkstatt Metallringe für Eisstöcke mit einer Flex bearbeitet. Meist zwei Tage in der Woche unterstützt er seinen Vater. Bei ihm hat er auch seine Lehrzeit absolviert.

Glühend liegt das Eisen nun auf dem Amboss. Beidhändig hält Josef Kindermann, der auf einem Schemel hockt, das Metall unter den großen, schweren Lufthammer. Sitzend lässt sich das Eisen besser mit der Zange führen. Allein der Schlagbär – jener Teil des Hammers, in dem das Gesenk befestigt wird – wiegt rund 125 Kilogramm. Eine enorme Kraftanstrengung für den Schmied, der die Wucht des Hammers bei jedem Schlag parieren muss. Obendrein lässt sich die Lautstärke seiner Schläge nur mit guten Ohrenstöpseln ertragen.

Das Eisen schlagen, so lange es heiß ist

Immer wieder hält Josef Kindermann das Eisen, das mittlerweile zur Platte geformt wurde, unter das Gesenk. Nun ist jener Moment gekommen, bei dem es auf jeden einzelnen Schlag ankommt, weil das Material an allen Stellen gleichmäßig gehämmert, regelmäßig geschlagen werden muss. Weder zu dünn noch zu dick darf die Platte sein. Und zügig muss er arbeiten, sonst wird das Eisen kalt und spröde.

Die Anstrengung steht dem sonst so gelassenen Mann ins Gesicht geschrieben. Schalter aus, Ohrenstöpsel raus, durchschnaufen. Der Pfannenboden ist geschafft. Unebenheiten klopft er händisch mit einem kleinen Hammer aus. JK, seine Initialen, schlägt er mit dem Schmiedstempel in das erneut glühend heiß gebrannte Material. Wie ein Maler sein Bild signiert auch ein Hammerschmied sein Werk. So hat es eine Generation um die andere gemacht. Und dabei nicht selten gleich den Hammer mit den passenden Initialen weitervererbt.

Auch Josef Kindermanns Vater und dessen Großvater hießen Josef. Wieso eigentlich der Sohn kein JK, sondern ein SK geworden ist? Eine hammermäßig ungewöhnliche Entscheidung. "Weil meine Frau da nicht mitgemacht hat", lächelt er und sucht den Blick des Sohnes.

Rauch, Schmalz und plötzlich Stille

Stefan Kindermann zieht mit einem weißen Griffel einen Kreis auf die gehämmerte Eisenplatte. Entlang dieser Linien schneidet er den überstehenden Rand von der Platte und legt die halb fertige Pfanne in einen kleinen Gasofen, der sich rasch erwärmt. In der Zwischenzeit installiert sein Vater das Gesenk, das die Platte zum Schluss in die endgültige Pfannenform pressen wird.

Dieser letzte Arbeitsschritt dauert nur mehr wenige Minuten. Zunder mit der Stahlbürste vom Metall lösen, das Eisen mit Olivenöl einlassen, damit es keinen Rost ansetzt und: Fertig ist die handgeschmiedete Servier- und Bratpfanne. Josef Kindermann zieht jetzt an einer Zigarette. Dabei will er eigentlich aufhören zu rauchen. "Man braucht schon Schmalz beim Schmieden." Erledigt ist er abends. Und immer erst dann zufrieden, wenn er das, was er sich vorgenommen hat, auch geschafft hat. Er sei halt ein Waidler, sagt er stolz.

Ja, sagt Sohn Stefan, gelegentlich spüre er diese Last, die Bürde der uralten Familientradition. Er hat aber noch nicht endgültig entschieden, ob er diese Geschichte fortschreiben will. Der Vater drängt ihn auch nicht. Vielleicht wird ja ein Enkel oder Urenkel irgendwann hier stehen, gibt Josef Kindermann zu Bedenken. "Keiner weiß, was die Zeit bringt", sagt der Meister. Es ist still geworden in der Werkstatt. Und zum ­ersten Mal hört man den Bach, der unter der Schmiede vorbeifließt, rauschen.

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