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Alte Handwerke Der Wagner pflegt noch den alten Stil

Im oberbayerischen Großrohrsdorf haucht Andreas Hauck der alten Handwerkskunst des Wagners neues Leben ein. Er ist einer der Letzten seines Standes.

Wagner
Andreas Hauck ist mit Herzblut Wagner. 15 komplette Kutschen hat er bereits gebaut. Foto: Schöll -

Andreas Hauck steht im Innenhof seines kleinen, selbstrestaurierten Bauernhofs im beschaulichen Großrohrsdorf. 68 Einwohner und mehr
Gehöfte als Wohnhäuser zählt das kleine Dorf südöstlich von München. Hauck blickt auf eine seiner ganz besonderen Kutschen: einen norddeutschen Badewagen. "Diese Wägen wurden früher gebaut, damit sich die hohen Damen dort für ihr Bad im Meer umziehen und direkt ans Wasser gefahren werden konnten", erzählt der Wagner.
Hauck ist einer von nur noch ganz wenigen seines Standes. In Oberbayern gibt es gegenwärtig noch 22 Wagner. Und gerade deswegen will Hauck dieses rare Handwerk in Ehren halten.

Der 54-jährige Handwerker meldete sein Gewerbe 1997 an, nach der bestandenen Prüfung in der Handwerkskammer für München und Oberbayern. "Eine merkwürdige Geschichte war das damals", erinnert sich der großgewachsene Großrohrsdorfer, der seine Worte auf eine angenehm ruhige Art wählt. "Es gab ja praktisch niemanden, bei dem ich in die Lehre gehen konnte."

Handwerk selbst beigebracht

So musste sich Hauck das meiste selbst beibringen – aus alten Büchern und Aufzeichnungen, in denen die Bauweise von Kutschen aus dem frühen 20. Jahrhundert detailliert dargestellt wurde. "Wir haben selbst Pferde, und die erste Kutsche, die ich mir damals zulegte, war in keinem guten Zustand. Die Naben waren schlecht, die Räder nicht mehr allzu gut." Und das ließ Hauck, der im Hauptberuf Lärmschutzwände konzipiert und baut, keine Ruhe. Er musste einfach selbst Hand anlegen und brachte, soweit es ihm damals möglich war, seine Kutsche wieder auf Vordermann. "Ich kam aber bald an meine Grenzen", sagt Hauck.

Er beschloss, diese Arbeit professionell zu betreiben. Hauck hatte Glück, denn in Grünwald südlich von München gab es einen der letzen Wagner-Betriebe in Bayern. Zu diesem Wagner ging er sozusagen in die Lehre, schaute sich Arbeitstechniken und Handgriffe ab und kam vorbei, wenn er nicht mehr weiterwusste. 1997 fühlte sich Andreas Hauck bereit für die Prüfung zum Wagner. Ein seltenes Ereignis, denn diese Prüfung wurde laut Handwerkskammer in den vergangenen 25 Jahren nur zwölfmal abgehalten, die Meisterprüfung sogar nur ein einziges Mal.

Ein Rad an einem Tag

Die Prüfung fand auf dem kleinen Hof in Großrohrsdorf in seiner eigenen Werkstatt statt, und Haucks Prüfer war derselbe Wagner, dem er in Grünwald so oft über die Schulter schauen durfte. Prüfungsaufgabe: Ein Rad entwerfen, zeichnen und bauen – an nur einem Tag. Hauck bestand die Prüfung mit Note "Eins Plus".
Seitdem hat der Wagner 15 komplette Kutschen gebaut, etwa genauso viele restauriert und unzählige Räder repariert. "Es kommen aber auch Kunden, die Erweiterungen wie Scheibenbremsen an ihre bestehenden Kutschen haben wollen", erzählt der gebürtige Rheinländer.

Oder eben dieser Auftrag, der im Frühjahr ganz unverhofft hereinschneite. Hauck bekam Besuch aus Niedersachsen. Der Besitzer eines Wellness-Luxushotels und dessen Frau kamen vorbei, um sich seinen Betrieb und seine Arbeit anzusehen. Das Ehepaar wollte eine spezielle Attraktion für sein Hotel in Auftrag geben: Zwei historische Badewägen, in denen eine Sauna sowie ein Ruheraum untergebracht werden sollten. "Ich wusste erst einmal gar nicht, was das ist", erinnert sich Hauck schmunzelnd. "Meine Schwester, die auf Nor­derney lebt, wusste es aber und berichtete, dass es im Museum dort sogar einen historischen Badewagen gäbe."

Nachdem sich der Wagner den historischen Wagen in natura angesehen hatte, nahm er die Herausforderung an: In sechs Monaten entstanden die beiden Wagen in fast kompletter Eigenarbeit. Türen und Fenster ließ Hauck von jeweiligen Spezialisten anfertigen. Aber sowohl Metall- als auch alle Holzarbeiten übernimmt Hauck bei seinen Fahrzeugen selbst. Hauck ist Perfektionist; Wenn Deichsel, Nabe oder Aufbau nicht genau seinen Vorstellungen entsprechen, wird kompromisslos nachgebessert.

Zum Leben zu wenig

Auf die Frage, ob sich denn die Arbeit als Wagner lohne und die Badewagen für ein Luxushotel ein lukratives Geschäft seien, antwortet der Mittfünfziger mit einem Lächeln. Er umschreibt seine Herausforderung so: "Eine Möglichkeit, Fahrzeuge zu bauen, die außergewöhnlich und absolut einzigartig sind. Der Kunde bekommt einfach eine Leistung, die dem Berufsstand und den Prinzipien der Wagnerei gerecht werden – das ist mir wichtig." Zu Beginn des Winters wurden die beiden Badewagen schließlich von einer Spedition abgeholt und traten ihre Reise an die Nordsee an. Und Hauck? Der spannt bereits das nächste Rad mit gebrochener Nabe ein, um einer in die Jahre gekommenen Kutsche wieder eine würdige Bedeutung zukommen zu lassen.

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