Meisterstücke -

Orthopädietechnik Der unangepasste Techniker

Der Orthopädietechnikermeister Wolfgang Gröpel setzt auf intensive Betreuung in schöner Umgebung, damit sich seine Patienten in Ruhe an ihre neuen Gliedmaßen gewöhnen können.

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Wolfgang Gröpel im Gespräch mit Mickey Mushinsky. Der israelische IT-Spezialist bekommt in Waldenbuch seine Prothese angepasst. -

Mickey Mush­insky geht durch den Behandlungsraum. Sähe man seine Prothese nicht, könnte man denken, dass er nur ein bisschen humpelt. Doch dem Israeli fehlt sein rechtes Bein und sein linkes ist oberhalb des Knöchels amputiert. Beide Verletzungen hat er sich im Krieg gegen Ägypten 1969 auf der Sinai-Halbinsel zugezogen. Bei Wolfgang Gröpel probiert der IT-Spezialist neue Prothesen aus. Über den Umweg Beijing und den Kontakt zum Orthopädietechnik-Hersteller Ottobock hat er von dem Orthopädietechniker-Meister und seinem Therapieansatz gehört. Die Techniker in Waldenbuch bei Stuttgart haben ihm nun neue Prothesen gefertigt, die nun Stück für Stück angepasst werden.

Passende Beine für mehr ­Lebensqualität

Ähnlich wie Mickey Mush­insky kommen viele Patienten zu Wolfgang Gröpel – aus aller Welt. Warum das so ist, lässt sich nicht so einfach erklären, aber es sind wohl am ehesten die intensive Betreuung und der Einsatz modernster Technik, die Gröpel von seinen Kollegen unterscheiden. Der gebürtige Bremer hat sich nämlich vorgenommen, seinen Kunden nicht nur ein neues technisches Hilfsmittel anzupassen. Die Prothesen sollen stattdessen körperlich möglichst optimal funktionieren und obendrein an die Bedürfnisse der Patienten angepasst werden. Das braucht Zeit. Wolfgang Gröpel nimmt sich diese Zeit, weil er weiß, dass ihn seine Patienten mit einem anderen Lebensgefühl wieder verlassen.

Beinprothese, Kniegelenk, Novavis
© Foto: Frank Muck

Etwa der Mann, der beide Arme durch einen Unfall verloren hat. Als er zu Gröpel kam, fehlte ihm neben den Armen auch jeder Lebensmut. Seine Prothesen konnten nur durch eine unnatürliche, verkrampfte Körperhaltung am Körper gehalten werden. Durch eine intensive Betreuung und die Konstruktion einer Prothesenform, die ihm eine viel freiere Handhabung ließ, verhalf ihm Gröpel zu mehr Lebensfreude.

Alltag probieren zwischen sattgrünen Wiesen, Laubwäldern und Fachwerkhäusern

Doch Gröpel setzt nicht nur auf die bessere Technik. Der 47-Jährige will den Patienten ein angenehmes Umfeld bieten. Eine Umgebung, die für eine ganzheitliche Betreuung steht und nicht nur die funktionale Kälte einer reinen Orthopädiepraxis oder eines Krankenhauses. Schließlich seien die Menschen, die zu ihm kommen, nicht krank. Im beschaulichen Naturschutzgebiet Schönbuch, nicht weit von der Schokoladenfabrik „Ritter Sport“ entfernt, wohnen die Patienten im Gästehaus seines Anwesens, das als ehemaliges Mühlengelände so gar nichts vom nüchternen medizinischen Praxisgewerbe hat. Zwischen sattgrünen Wiesen, Laubwäldern und Fachwerkhäusern können sich die Frauen, Männer und Kinder mit den neuen Prothesen in alltäglichen Dingen wie Kochen, Gartenarbeit oder einfach dem Laufen auf wechselndem Untergrund ausprobieren.

Dem Besitzer gefiel Gröpels Projekt

Schon von Anfang an sei so eine Art naturnahes Anwesen als Rückzugs- und Behandlungsraum sein Ziel gewesen, erzählt Gröpel. Doch bis zum eigenen Betrieb war es ein Weg mit einigen Hürden. Nach der Ausbildung zum Meister und zum Betriebswirt des Handwerks arbeitete Gröpel in Müns­ter. Die Arbeit an der dortigen Uniklinik war für ihn vor allem deshalb reizvoll, weil dort neben Heidelberg das zweite große Zentrum für die Behandlung von Contergan-Geschädigten eingerichtet worden war. Nach und nach reifte in ihm die Vision einer eigenen, etwas anderen Praxis.

Stammkunden waren die ­wirtschaftliche Basis

Aus privaten Gründen suchte Gröpel in Österreich, der Schweiz und in Süddeutschland nach einem entsprechenden Platz und wurde lange Zeit nicht fündig. Erst bei einer Radtour mit seiner Frau entdeckte er das alte Mühlengelände und wusste sofort: "Das muss es sein." Nach drei Wochen erreichte er den Besitzer in Libyen. Nachdem Gröpel ihm von seinem Projekt berichtet hatte, stimmte dieser dem Verkauf zu. Nachdem er sich die Rückendeckung vom Bürgermeister der Gemeinde geholt hatte, im Naturschutzgebiet ein Gewerbe einrichten zu dürfen, stellte sich nach anfänglichem Interesse allerdings die Bank quer. 70.000 Euro Eigenkapital bei einem Kaufpreis von einer Million Euro für die Gebäude plus der 22.000 Quadratmeter Grundstück waren ihr dann doch zu wenig. Zumal zu jener Zeit gerade die neuen Eigenkapitalvorschriften Basel II erlassen worden waren.

Doch Gröpel ließ sich nicht entmutigen, arbeitete freiberuflich in einer Münchener Praxis und bewies der Bank, dass er seinen ursprünglichen Businessplan umsetzen konnte. Die Basis seines geschäftlichen Erfolgs waren letztlich die Kunden, die ihm von Müns­ter über Tübingen nach München gefolgt waren.

Nach acht Jahren Selbstständigkeit mit seiner Firma "Novavis" macht ihm die finanzielle Seite keine Sorgen mehr. Der Umsatz ist von 300.000 Euro im Jahr 2005 auf für dieses Jahr angepeilte anderthalb bis zwei Millionen Euro gewachsen. Zehn Mitarbeiter versorgen die durchschnittlich maximal 30 Patienten pro Woche. "Wir konzentrieren uns lieber auf wenige Patienten, um sie schnell und optimal zu versorgen", sagt Gröpel.

Kampf mit den Krankenkassen

Ärger bereite ihm nur der alltägliche Kampf mit der Krankenkasse. Die ohnehin nicht billigen Hilfsmittel sind bei Wolfgang Gröpel unter Umständen auch mal 1.000 Euro teurer. Oft genug muss er sich dann mit den Kassen um die Erstattung streiten. Es sei nicht nötig, dass man dort zwanghaft an den Festpreisen für Hilfsmittel festhalte, sagt Gröpel. Schließlich verlängere die bessere Ausstattung und Anpassung auch die Lebensdauer der Prothesen, argumentiert er. Und nicht zuletzt auch die Lebensqualität der Patienten.

Doch nur sehr wenige Krankenkassen ließen sich von den Behandlungserfolgen überzeugen. Diese Blockadehaltung hinterlässt auch bei Wolfgang Gröpel Spuren. Er denkt inzwischen ernsthaft darüber nach, nur noch Privatpatienten zu behandeln.Für Mickey Mushinsky ist die Finanzierungsfrage zweitrangig. Er bekommt seine Prothesen von der israelischen Armee bezahlt. Rund fünf Wochen Zeit nimmt er sich fürs Probieren und Anpassen. Vergleicht man die neue Prothese mit seinem alten, fast unbeweglichen Beinersatz, weiß man, warum er der Empfehlung eines Freundes gefolgt ist, zu Wolfgang Gröpel nach Waldenbuch zu kommen. Mickey Mushinsky macht jedenfalls einen sehr zufriedenen Eindruck.

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