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Porträt Der Umwelt einen Preis geben

Strom wird teurer, Gas wird teurer, Benzin wird teurer. Viele Verbraucher fragen sich, welche Kosten hier künftig noch auf sie zukommen. Claudia Kemfert liefert Antworten und Zahlen. Ein Porträt.

Vier Euro könne der Liter Superbenzin in zehn Jahren kosten, prophezeite die Energieexpertin des "Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung" (DIW) kürzlich. Ihre Kommentare zum Öl- und Benzinpreis oder dem Strom- und Gasmarkt sind in den Medien beliebt. Fachkollegen dagegen sparten zuletzt nicht mit Kritik.

In den sieben Forschungssparten des DIW ist die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt die gefragteste Expertin. Vor drei Jahren habe sie im Schnitt noch alle drei Wochen ein Interview gegeben, erinnert sich die 39-Jährige. 2007 stand sie Journalisten dagegen nach eigener Zählung nahezu jeden Tag Rede und Antwort. Nach rund 15 Jahren Forschungsarbeit freue sie sich über das zunehmende Interesse. Energieknappheit und Klimawandel gehörten zu den Herausforderungen für die Gesellschaft, erklärt die Forscherin. Da sei es klar, dass sich Experten dazu äußern müssten.

Kemfert kann auf eine steile Karriere zurückblicken. Mit 31 Jahren wurde sie 2000 zur Juniorprofessorin berufen, vier Jahre später ging sie als Abteilungsleiterin ans DIW. Gleichzeitig lehrt sie an der Berliner Humboldt-Universität und ist als Beraterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso tätig. Anfangs hätten die überwiegend 15 bis 20 Jahre älteren Herren aus der Energiewirtschaft beim Erscheinen einer jungen Frau schon "etwas irritiert geguckt", erzählt sie lächelnd. Mittlerweile gebe es aber keine "lustigen Sprüche" mehr.

Als Umweltökonomin sieht sie ihre Aufgabe darin, die Folgen von Klimawandel und Energieverknappung in volkswirtschaftlichen Dimensionen auszudrücken. Etwa 800 Milliarden Euro könne der Klimawandel die deutsche Wirtschaft bis 2050 kosten, haben sie und ihre Kollegen errechnet. Das Ziel ihrer Disziplin sei es, der "Umwelt einen Preis zu geben", erläutert die Wissenschaftlerin.

Die ewige Warnerin

Diesen "Preis" benennt Kemfert in der Regel sehr konkret. Aus ihrer Sicht wird die weltweite Ölförderung etwa um das Jahr 2020 die Nachfrage nicht mehr decken können. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) werde dann unter Umständen auf über 200 Dollar steigen und sich damit etwa verdoppeln. Häufig äußert sie sich auch zur Entwicklung der Benzinpreise. Seit über zwei Jahren warnt Kemfert in verschiedenen Medien vor einem Spritpreis von 1,50 Euro pro Liter Superbenzin. Bis heute wurde dieser Wert im Bundesdurchschnitt jedoch nie erreicht.

Erst zum Jahreswechsel wurde die DIW-Expertin in der "Frankfurter Rundschau" mit der Aussage zitiert: "Die Angst vor den 1,50 Euro je Liter Superbenzin ist nicht ausgestanden." Kemfert hält solche Zuspitzungen für legitim. Ihre Zahlen beruhten auf international anerkannten wissenschaftlichen Modellen und Berechnungen. Und zur Voraussage eines steigenden Ölpreises müsse man "kein Prophet sein", verteidigt sich die Professorin, die nach eigenen Worten im Vergleich mit dem Wettermoderator zuweilen "Jörg Kachelmann der Benzinpreise" genannt wird.

Von Fachkollegen wird sie für ihre Einschätzungen heftig angegriffen. Die Ölpreisprognosen des DIW seien "gehobene Kaffeesatzleserei", polterte der "Wirtschaftsweise" Wolfgang Wiegard zu Jahresbeginn. Und der Chef des Beratergremiums der Bundesregierung, Bert Rürup, erklärte spitz, er tue sich schwer mit Kollegen, "die genau wissen, wie hoch der Ölpreis in fünf oder zehn Jahren sein wird." Kemfert kontert die Kritik kühl: "Herr Rürup und Herr Wiegard sind keine Energieökonomen. Ich gebe ihnen gern mal Unterricht in Energieökonomie und erkläre, was dahintersteht."

Im Übrigen könne man die steigenden Preise auch als Chance verstehen, sagt Kemfert. Sie sei zu sehr Ökonomin, um nicht zu wissen, dass steigende Preise eher Veränderungen ermöglichten. Die Strategie "Weg vom Öl" sei in der Politik noch nicht wirklich angekommen, man müsse mehr in die Forschung und Entwicklung alternativer Energieformen investieren. Nur so kann nach Kemferts Meinung Energie bezahlbar bleiben und der Klimawandel wirksam bekämpft werden. Auf Mobilität müsse dann niemand verzichten: "Ich bin da sehr technikgläubig und glaube, dass man das mit alternativen Energien schon alles in den Griff bekommen kann."

Michael Draeke/ddp

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