Unterfranken -

Integration Der Traum des Abdul Safi

Ein afghanischer Flüchtling hat den Weg ins Handwerk geschafft. Abdul Safi startete im September 2015 seine Lehre als Fliesen-, Platten- und Mosaikleger.

Abdul Safi sitzt an einem grauen Nachmittag am Tisch mit seinem Chef Georg Göbel, dem Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Göbel, und erzählt über die harte Zeit in Afghanistan, über die Langeweile in den Notunterkünften, über die richtigen Weichenstellungen zur richtigen Zeit und über seinen Traum: Eine Ausbildung anzufangen als Fliesen-, Platten- und Mosaikleger. Aber der Reihe nach.

Es ist viel geschehen zwischen dem Entschluss zur Flucht und dem 1. September 2015. Dem Tag, an dem Abdul Safi seine Lehre begann. Noch vor vier Jahren war Afghanistan das Zuhause von Abdul Safi, er arbeitete bei seinem Onkel auf dem Bau, die Eltern getötet. Abdul ging nicht zur Schule, konnte weder lesen noch schreiben. Durch die lebensgefährlichen Umstände traumatisiert, entschloss er sich zur Flucht nach Europa. Einem Europa, das fremd ist und er nicht kennt. Wo es aber nicht schlimmer sein kann als Zuhause.

In Deutschland angekommen, hat er nach drei Durchgangsstationen Aub, eine Kleinstadt im Landkreis Würzburg, erreicht. Er hat die Flüchtlingsunterkunft erreicht. In den Unterkünften davor gab es nichts: keine Beschäftigung, keine Deutschkurse. Unerträgliche Langeweile. Viel Frust. Zwei Jahre lang. Er lächelt die Informationen so dahin, aber man merkt deutlich, dass er die Zeit hinter sich lassen möchte.

Ein neues Leben

Dann die Wende, der Beginn eines neuen Lebens: Abdul Safi wird in die Franz-Oberthür-Berufsschule in Würzburg aufgenommen, in eine spezielle Klasse für Flüchtlinge und Asylbewerber. „Ich konnte nicht mal meinen Namen schreiben“, blickt er zurück. Neben der Schule arbeitete Abdul Safi abends bis spät in die Nacht als Küchenhilfe in der Gastronomie, weil „ich das, was ich kaufe, von meinem Geld bezahlen möchte“.

Er kann seinen Stolz nicht verbergen, als Georg Göbel ihn lobt: „Erstaunlich, welche Entwicklung Abdul in den beiden vergangenen Jahren gemacht hat. Er kann lesen und schreiben, auf den Baustellen funktioniert die Kommunikation reibungslos. Nur für die jetzt reguläre Berufsschule müssen seine Kenntnisse noch ausgebaut werden.“ Und hier kommt die Handwerkskammer Service GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Handwerkskammer, ins Spiel.

Sie hat bereits im zweiten Jahr der Vorbereitungsklasse die Flüchtlinge mitbetreut und betreut die ehemaligen Schüler jetzt auch in der Ausbildung weiter. „Wir sind Kümmerer. Neben unseren Angeboten beim Deutschlernen und der Berufsorientierung helfen wir bei der Korrespondenz mit Ämtern, versuchen, die deutsche Kultur zu vermitteln, und sagen auch immer: Seid pünktlich“, erklärt Daniela Fritz, Leiterin berufliche Bildung der Handwerkskammer Service GmbH. Speziell die Stadt Würzburg finanziert auch in Kümmerermaßnahmen in die Lehre hinein. „Das ist wichtig, sonst werden die neuen Auszubildenden kaum eine Chance haben, die reguläre Berufsschule zu schaffen“, so Daniela Fritz.

Angestrebte Übernahme

Für das Unternehmen Georg Göbel Fliesen war es auch eine unternehmerische Entscheidung, Flüchtlinge ohne explizite Aufenthaltserlaubnis in die Ausbildung zu nehmen. „Wir nutzten die Chance. Und Abdul macht seine Sache richtig gut. Ziel ist es, ihn später als Facharbeiter zu übernehmen. Bislang können wir nur von positiven Feedbacks berichten“, sagt Georg Göbel. Das Unternehmen kämpft darum, geeignete Auszubildende zu finden.

Auch erkennt der Geschäftsführer keine großen Probleme bei den kulturellen Unterschieden seiner Mitarbeiter am Bau. „Nur manchmal, wie beim Fastenmonat Ramadan, ist es ein bisschen schwierig, da muslimische Mitarbeiter erst nach Sonnenuntergang feste Nahrung zu sich nehmen dürfen und die Arbeit am Bau schon auch körperlich anstrengend ist. Aber das kriegen wir alles hin.“ Eine Sache gibt es aber doch, die Georg Göbel beunruhigt, die der Pragmatiker gelöst haben will: „Geduldete Flüchtlinge dürfen keinen Führerschein machen. Unsere Facharbeiter müssen jedoch einen haben, da wir ihnen personenbezogene Busse mit Material und Werkzeug zur Verfügung stellen.“

Respekt

Für Abdul Safi ist dieses Problem noch klein, er hat die ersten Arbeitstage als Auszubildender zum Fliesen-, Platten- und Mosaikleger hinter sich, die Arbeit gefällt ihm, das Team hat ihn integriert. Ganz zum Schluss, das Gespräch ist eigentlich zu Ende, meldet sich Abdul Safi noch einmal zu Wort. Mit etwas gebrochener Stimme sagt er: „Ich möchte der deutschen Regierung, Deutschland, danken. Ich komme aus einem Land, in dem die Menschen keinen Respekt vor anderen haben. Hier haben die Menschen Respekt.“

Die DHZ wird in einer losen Folge von Einzelbeispielen berichten, bei denen Flüchtlinge die Integrationskraft des Handwerks erleben

Gute Beispiele gesucht

Mit einem Sonderpreis „Engagement für Flüchtlinge“ zeichnen der Verein Unternehmen für die Region und die Bertelsmann Stiftung in Kooperation mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks Betriebe aus, die die gesellschaftliche Herausforderung der Integration von Flüchtlingen in ihrer Region kreativ anpacken. Noch bis 15. Januar 2016 können sich mittelständische und familiengeführte Unternehmen um die Auszeichnung für außergewöhnliches gesellschaftliches Engagement bewerben. Eine Jury wählt unter den Teilnehmern besonders vorbildliche Unternehmen und Handwerksbetriebe aus.

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