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Sarg- und Urnenbau als Therapie Der Schreinermeister, der Sargbaukurse anbietet

Eigentlich hatte Schreinermeister Fred Theiner dem Handwerk bereits den Rücken gekehrt. Eine schwere Krebserkrankung führte ihn über Umwege wieder zurück. Heute lehrt er, wie man sich seinen eigenen Sarg oder seine eigene Urne baut.

Kreissäge, Langband-Schleifmaschine und Dickenhobelmaschine stehen still in der Werkstatt von Schreinermeister Fred Theiner. Der Geruch von bearbeitetem Holz liegt in der Luft. Ein Ofen erwärmt den Raum mit Hobelbänken und Lebensschränken. In der geräumigen Werkstatt liegt kein einziger Holzspan auf dem Boden. Unweit steht ein roter Ohrenbackensessel neben dem Ofen. Daneben von Theiner gebaute Särge und Urnen.

In seiner "offenen Werkstatt" in Bobingen bei Augsburg bietet der 64-jährige Schreinerkurse der besonderen Art an: Die Teilnehmer können hier ihren eigenen Sarg bauen. Oder den Sarg für einen Angehörigen. Der Schreinermeister möchte in seinen dreitägigen Sargbaukursen den Menschen die Angst vor dem Tod nehmen. Der sei in der Gesellschaft noch immer ein Tabuthema.

Krebs-Diagnose, Chemotherapie, keine vielversprechende Überlebensdauer

Theiner arbeitete neun Jahre als Sonderberufsschullehrer, nachdem er 1988 seine Meisterprüfung erfolgreich abgelegt hatte. Mitten im Arbeitsleben trifft ihn im Jahr 2000 eine bestürzende Diagnose: Fred Theiner hat Krebs. Für die Behandlung durchlitt der Schreiner ein Jahr Dauerchemotherapie mit Pumpe und Port. Bei einer Operation entfernten die Ärzte seinen Magen, die Speiseröhre und Milz. Er wog nur noch 46 Kilogramm.

Theiner beendete den Lehrerberuf. Erschöpft von der Behandlung und in der Hoffnung auf Erholung kehrte er in sich. Ihm wurde klar: Ein Ortswechsel ist nötig, um durch eine neue Tätigkeit wieder Kraft fürs Leben zu schöpfen. Theiner entschied sich, von jetzt an entschleunigt zu leben. Denn bei seiner Diagnose hatte ihm der Arzt keine vielversprechende Überlebensdauer gegeben.

Also stieg der Schreiner auf eine Vespa und fuhr ins Ultental nach Südtirol. Theiner hatte ein Ziel: Ein Biobergbauernhof auf 1.750 Metern Höhe, bei dem er einen Freiwilligendienst als Erntehelfer antreten wollte. Umgeben von Bergluft arbeitete Fred Theiner als Knecht. Er stellte Butter her und erntete Kartoffeln. Diese Arbeit und die schlichte Lebensweise auf dem Bauernhof zeigten Theiner die schönen Seiten des Lebens. Die Erlebnisse beschreibt Theiner als "überlebenswichtige Station" in seinem Leben. Er wollte schlichtweg dem Ort entkommen, an dem er seine Diagnose und Behandlung bekam. Es war ein neuer Lebensblickwinkel.

Zurück zum Schreinerhandwerk: Als der Papst starb...

Den Weg zurück zum Schreinern findet Theiner zufällig bei einer Fernsehübertragung im April des Jahres 2005. Als Papst Johannes Paul II. stirbt, sieht Fred Theiner die Fernsehbilder der Beerdigung. "Das war so ein schlichter Sarg. Ich dachte mir: ‚Sowas könnte ich doch auch selbst bauen!‘. Ich wollte einfach die Welt verschönern, indem ich das Papstmodell nachbaue." Naturverbundenheit und Schlichtheit wünschte sich Fred Theiner auch für seinen eigenen Sarg.

Er wandte sich an den Bruder des Landwirts, der eine kleine Schreinerei besaß – und baute sich dort seinen Sarg. Für den Korpus griff der Schreiner zum unbehandelten Zirbenholz und fertigte die Griffe aus Hanfseil. Den Sarg legte er mit duftenden Zirbenspänen aus und bettete darüber eine Unterlage aus Baum- und Schafwolle. "Ich will nicht in Kunstseide aus China eingebettet werden, wenn es mal so weit ist. Ich denke, dass wir bei einer Bestattung der Erde wieder etwas zurückgeben. Deshalb soll das auch ganz naturverbunden bleiben", sagt der Schreinermeister.

Die Idee für einen Sargbaukurs wurde geboren

Fred Theiner mit Hobel

Beim Schreinern seines Sarges begegnete Fred Theiner wieder der Vielfältigkeit des Holzes. Hartes, weiches, harziges oder gekrümmtes Holz, das eine unterschiedliche Arbeitsweise fordert. "Wenn ich ein Möbel- oder Werkstück selbst baue, dann finde ich mich in meinem Tun wieder. Denn ich weiß, welches Holz ich verwendet habe, wie ich die Stücke zusammengefügt habe und wie viel Arbeit das alles gekostet hat. Das erfüllt mich." Schnell merkte Fred Theiner aber, dass er die Leidenschaft für das Schreinern und seine neu gewonnenen Lebenskenntnisse nach der Diagnose weitergeben möchte. Er kehrte nach Hause ins Schwabenland zurück, um seine Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen. Die Idee für einen Sargbaukurs war damit geboren.

Bevor die Kurse beginnen, vereinbart Theiner mit den Kursteilnehmern zunächst die Holzart für ihren Sarg. Das ist vorwiegend Zirben- und Eichenholz oder Fichtenholz aus heimischen Wäldern. Das Holz wird besäumt, zugeschnitten, verleimt gefräst und genutet. Mehr als drei Teilnehmer pro Kurs nimmt Fred Theiner nicht auf. Er möchte sich auf jeden Teilnehmer individuell einlassen. Die Kurskosten variieren individuell je nach Holz- und Machart. Inklusive Materialien und dem Schreinerkurs kosten drei Kurstage im Sargbau im Schnitt 1.200 Euro. Ein Urnenbaukurs kostet 450 Euro. "Da kostet eine industriell gefertigte Urne aus der Ukraine mit 890 Euro schon deutlich mehr.", stellt Fred Theiner fest. Für den Preis verlassen die Teilnehmer am Ende den Kurs mit neu erworbenen Schreinerkenntnissen und dem Sarg oder der Urne, die sie selbst hergestellt haben.

Die Sterblichkeit verarbeiten

Viele der Teilnehmer kommen zu Theiner, weil sie immer schon mit Holz arbeiten wollten. Andere, weil sie ihre eigene Sterblichkeit verarbeiten möchten und deshalb an ihrem Sarg bauen. Theiner erzählt von einer Frau in seinem Kurs, die ihren fertigen Sarg als Sitzbank für den Esstisch verwendete und innen die Spielzeuge für ihre Enkel aufbewahrte. Die direkte Begegnung mit dem Sarg habe den Kindern geholfen, früh mit dem Thema Tod vertraut zu werden. Ein weiterer Teilnehmer, ein über 70-jähriger Radfahrer, so Theiner, hat sich den Sarg als Regal zur Lebensmittelaufbewahrung in die Küche gestellt. Auf der Rückseite hängt ein Zettel: "Marmelade raus, Leo rein, Deckel zu. Auf Wiedersehen."

Doch nicht jedem fällt es leicht, sich mit dem Thema Tod zu befassen. Bei den Sarg- und Urnenbaukursen weiß Fred Theiner nie genau, was passieren wird. "Da gibt es den Kasper, der Scherze macht und nach Hause geht und dann weint. Oder den Mutigen, der sich auch mal in den Sarg legen möchte. Deshalb sind meine Sarg- und Urnenbaukursen eine Therapie für alle", sagt der Schreinermeister.

Und sein eigener Sarg? Ein paar Mal lag Fred Theiner schon zur Probe. Heute würde er sich nicht mehr hineinlegen. Denn der Sarg, der kann erstmal warten.

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