Lebenswege -

Mit Whiskey, Talent und Leidenschaft Der rasante Aufstieg eines italienischen Azubis

Als Azubi ohne Deutschkenntnisse reiste Giuseppe Carlucci 2015 nach Deutschland. Heute führt er seinen eigenen Herrensalon.

"Ich mache dir gleich einen italienischen Espresso", ruft Giuseppe Carlucci durch den Salon und marschiert gut gelaunt zu einer kleinen Bar, die mitten im Raum mit Bier, Säften und diversen Spirituosen aufwartet. Auch ein kleiner Humidor mit einer Auswahl an Zigarren steht auf dem Tresen.

Friseurbesuch ohne Stress

Schon früh habe Carlucci erkannt, dass Deutsche immer gestresst zu ihren Terminen kommen. In seinem Herrensalon müsse daher alles gemütlich zugehen, sagt der junge Mann mit hochgezwirbeltem Schnurrbart. Das fange bei der Vereinbarung eines Termins an. Ein solcher ist bei Carlucci nicht zwingend nötig. Wer unangekündigt kommt, nimmt wie selbstverständlich auf dem braunen Ledersofa Platz, schmökert in Männermagazinen und genießt während der Wartezeit seinen Caffé Corretto – Espresso, verfeinert mit einem Schuss Sambuca.

Seinen Herrensalon in der Erdinger Altstadt eröffnete er im September vergangenen Jahres. Als Namen wählte Carlucci eine Anspielung auf das bayerische Wort für Barbier: da Boda. Hätte der 25-Jährige vor drei Jahren einen Bayern nach dem Weg fragen müssen, er wäre kläglich gescheitert. Damals lebte Carlucci noch in einem kleinen Dorf in Süditalien – von Deutschkenntnissen keine Spur. Wohl aber von seinem Traum, eines Tages als Barbier in Deutschland zu arbeiten. "Die Idee von einem eigenen Laden in München hatte ich, seitdem ich mit dem Arbeiten begann", erinnert sich Carlucci.

Giuseppe Carlucci: Als 13-Jähriger im Salon

Schon früh startete seine Karriere. Als 13-Jähriger heuerte er bei Pietro Gallone, einem lokalen Friseur, an. "Ich hatte keine Lust auf meinen kleinen Bruder aufzupassen", sagt er und lacht. Um nicht zuhause bleiben zu müssen, sei er kurzerhand los und habe sich etwas gesucht. Halb aus Langeweile, halb aus Trotz begann er seinen ersten Aushilfsjob. Nebenher ging Carlucci weiterhin zur Schule. Als er mit 15 Jahren seinen Abschluss machte, hatte ihn die Leidenschaft für den Beruf längst gepackt.

"Man muss seine Arbeit lieben, sonst bringt es nichts", sagt der 25-Jährige heute. Und Carlucci lernte seinen Job früh lieben. Den wohl größten Anteil daran hatte Gallone, für den er auch weiterhin arbeitete. "Durch ihn bin ich so geworden wie ich heute bin", sagt Carlucci mit leuchtenden Augen. Weisheiten, die er von Gallone gelernt hat, trägt er bis heute bei sich. "Sind Haare und Bart nicht gut geschnitten, ist das wie ein schönes Gemälde mit hässlichem Rahmen", habe sein Chef immer wieder gesagt. Gallone lehrte ihm das Handwerk, den Blick fürs Detail und den Umgang mit Kunden, die sich in einem Salon "wie bei Freunden zu Besuch" fühlen müssten.

Bis heute erinnert sich Carlucci gerne an die Zeit mit ihm zurück. Nach zehn Jahren der Zusammenarbeit zog es den Italiener dennoch in die Ferne. "Ich wollte etwas Neues in meinem Leben machen", erinnert sich der Barbier. Wohin die Reise gehen sollte, wusste er ganz genau. "Viele Bekannte aus meinem alten Ort wohnen in München", sagt Carlucci. Während ihrer Heimatbesuche kamen sie immer zu ihm in den Salon. Die Geschichten, die sie alljährlich mitbrachten, imponierten dem jungen Friseur. Sie berichteten von ihrem Leben in Oberbayern, dem Oktoberfest und davon, dass sie keinen guten Barbier in München fänden. Carlucci sah seine Chance.

Förderprogramm MobiPro: Mehr als 150 Bewerber

Als ihn sein älterer Bruder auf das Förderprogramm MobiPro aufmerksam macht, das europäische Fachkräfte dabei unterstützt, eine Ausbildung in einem deutschen Friseurbetrieb zu machen, musste er nicht lange überlegen. "Ich mache das jetzt einfach und schaue was kommt", dachte sich der Barbier. Die Zusage erhielt er nach einem Assessment Center, bei dem sich Carlucci und 17 weitere Friseure gegen mehr als 150 Bewerber aus Italien, Spanien, Griechenland und Kroatien durchsetzten.

Es wurde ernst und Carlucci musste seine Familie in die Pläne einweihen. Zu dieser zählte er längst auch Gallone, der für ihn wie ein dritter Bruder geworden war. Der Abschied von ihm fiel ihm schwer. Doch der Wunsch nach Veränderung war stärker. Seine Reise führte ihn zunächst in die italienische Hauptstadt. In Rom bereitete ihn das Programm drei Monate lang auf die Ausbildung in Deutschland vor.

Sprachschwierigkeiten in Deutschland

Handwerklich machte ihm keiner etwas vor, doch mit dem Deutsch hakte es gewaltig. "Es ist schwer eine Sprache zu lernen, wenn man mit Freunden, Kollegen und der Familie nur italienisch spricht", erinnert sich Carlucci. Und so war alles, was nach drei Monaten hängen blieb, ein wenig Grammatik und die nötigsten Sätze. Mit diesen Kenntnissen flog er im Juli 2015 nach München. "Ich war schon ein wenig verrückt", grinst der Barbier heute.

Eine glückliche Fügung wollte es, dass ihn das Förderprogramm in einen Salon von Johannes Mittermeier vermittelte. Der Unternehmer ist seit 2003 Inhaber mehrerer Salons unter dem Franchiselabel von  J.7. Von Anfang an war Mittermeier von seinem neuen Schützling angetan: "Er ist ein guter Herrenfriseur und hat das Herz eines Bayern."

Was blieb, war die Sprachbarriere. Um diese zu durchbrechen, besuchte Carlucci weiterhin Sprachkurse. Es seien jedoch vor allem die Gespräche mit den Kunden gewesen, die bewirkten, dass Carlucci schon ein paar Monate später beinahe flüssig deutsch sprach. Auch wenn nicht immer alles glatt lief. So erinnert er sich noch an einen Kunden, der eigentlich nur die Seiten kurz und oben die Spitzen geschnitten haben wollte. Carlucci verstand falsch und schnitt alles kurz. Der Kunde reagierte gelassen, antwortete "passt schon" und gab sogar noch Trinkgeld. Es war einer jener Momente, in denen er sich in die Bayern und das Leben dort verliebte.

Giuseppe Carlucci lebt seinen Traum

Ein Makel blieb jedoch. In seiner Rolle als Auszubildender fühlte sich Carlucci nach wenigen Wochen unterfordert.  Schließlich suchte er das Gespräch mit Mittermeier, erzählte ihm von seiner Situation und dem Wunsch, irgendwann einmal einen eigenen Salon führen zu wollen.

Dem Unternehmer gefielen die klaren Vorstellungen des Süditalieners – und schnell entwickelte er einen Plan für ihn. "Es war schon immer ein Traum von mir, einen echten Herrensalon in München zu eröffnen", sagt der Friseurmeister. In Carlucci sah er den passenden Partner. 2017 wurde schließlich einer von Mittermeiers Läden frei, der bis dahin unter einem anderen Label lief. Der Unternehmer überließ ihn Carlucci. Im September fiel der Startschuss für "da Boda".

Carlucci kümmert sich seither gemeinsam mit drei Mitarbeitern um das Ladengeschäft, Friseurmeister Mittermeier übernimmt den administrativen Teil. "Wir sind sehr gut dabei", freut sich Mittermeier über den erfolgreichen Start. Ein Friseursalon, in dem Mann noch Mann sein kann. Ein Barbier, der mit Lederschürze, Fliege und Zylinder den Stil alter Tage pflegt. Und ein Bartschnitt, der mit Kompressen, Entspannungscreme und speziellem Bartöl beinahe einer Wellnessbehandlung gleichkommt.

Bartwaschanlage und Whiskey: Ein Erfolgsmodell

Das Konzept und den Laden haben die beiden gemeinsam mit Carluccis altem Lehrmeister Gallone entworfen. Der 48-Jährige spielt noch immer eine wichtige Rolle im Leben des jungen Barbiers und trägt sein Wissen in Schulungen inzwischen auch dessen Mitarbeiter weiter. "Die beiden haben gewisse Dinge reingebracht, die es so in Deutschland kaum gibt", sagt Mittermeier. Als Beispiel nennt er etwa die Bartwaschanlage, durch die die Rasur hygienischer und einfacher wird.

Neben den handwerklichen Finessen ist auch das freundschaftliche Miteinander ein Faktor für den Erfolg. "Viele meiner Kunden nehmen den letzten Termin, um nach Feierabend noch mit uns zusammenzu­sitzen", sagt Carlucci. Mit ihnen zieht sich der Barbier nach Ladenschluss in das Herrenzimmer am Ende des Salons zurück, zündet sich eine Zigarre an und füllt Whiskey in die Gläser. Manchmal plagt Carlucci noch das Heimweh, in Momenten wie diesen weiß er jedoch, dass er genau den richtigen Weg eingeschlagen hat.

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