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Münchener Geigenbauermeister baut neuartige E-Geige Der Klang der Moderne

Geigenbauermeister Wolfgang Löffler aus München hat eine rein elektrisch verstärkte Geige entworfen. Das Instrument wird erstmals auf der Internationalen Handwerksmesse präsentiert.

Wolfgang Löffler
Wolfgang ­Löffler weiß, dass seine In­strumente höchsten ­Ansprüchen ­genügen ­müssen. -

Wolfgang Löffler kommt mit Hündin Monika um die Ecke. Der Wind pfeift und trotz des Sonnenscheins ist es noch empfindlich kalt. Der Geigenbauermeister schließt seinen Laden in der Kellerstraße in München-Haidhausen auf und man freut sich, ins warme Geschäft zu kommen, das durch die vielen Streichinstrumente, das Parkett und die Möbel, alles in unterschiedlichen Brauntönen, den wärmenden Eindruck verstärkt.

In seinem wohlgeordneten Chaos gibt der Laden das Bild eines typischen traditionellen Geigenbauers ab. Werkzeuge, Holz, Klebemittel und Lacke liegen auf Werkbänken und Regalen verteilt. Im Nebenraum hängen Geigen zur Präsentation an der Wand. Nur der Computer und der Anrufbeantworter, den Löffler erstmal abhört, stören den leicht musealen Eindruck. Was sollte sich auch am Bild eines Geigenbauers ändern, der seinen Beruf in der jahrhundertealten Tradition Mittenwalder Handwerkskunst gelernt hat. Löffler fertigt und repariert seine Instrumente und versorgt seine Stammkunden, von denen eine Stadt wie München mit den zahlreichen Orchestern und nachwachsenden Musikern genug bietet. Doch der Schein trügt. Der 44-Jährige baut an einer modernen Geige oder besser, an einer Geige, die den Klang der Moderne besser umsetzen soll: eine reine E-Geige.

E-Geige
© Foto: Michael Schuhmann

Vom Geigenkörper bleibt nicht viel

Wie aufs Stichwort bringt der Postbote ein Päckchen. Die neuen Tonabnehmer, die Löffler für seine Erfindung braucht, sind eingetroffen. Das Instrument steht kurz vor seiner Fertigstellung. Löffler will mit seiner Erfindung Streichinstrumente für andere Musikrichtungen wie Rock oder Pop öffnen. Gibt es doch schon längst, werden einige sage. Gibt es auch. Doch heutige E-Geigen oder gar akustische Instrumente werden nach dem piezoelektrischen Prinzip verstärkt. Die Instrumente erhalten dadurch einen schrilleren Klang ohne Volumen. Die Wärme und der Klangkörper fehlen. Löffer dagegen hat einen elektromagnetischen Tonabnehmer entwickelt, der direkt wie bei einer E-Gitarre in die Geige integriert ist. Die Saiten laufen über den mit einer Spule umwickelten Magneten. Das Anschlagen der Stahlsaiten stört das entsprechende Magnetfeld, das daraufhin einen elektrischen Impuls abgibt und durch die Lautsprecher verstärkt wird. Von einer Geige ist beim neuen Instrument nicht mehr viel zu sehen. Einen Korpus für das Klangvolumen braucht sie schließlich nicht mehr. Im Prinzip bleibt nur der Hals, das aus Ebenholz gefertigte Griffbrett und der schmale, sich anschließende Ahornkorpus.

Nach Löfflers Recherchen gibt es das System, auf dem seine Geige basiert, noch nicht. Trotzdem ist die Idee natürlich nicht ganz neu. Etwas Ähnliches hatte schon Leo Fender, der Erfinder der ersten E-Gitarre, versucht zu konstruieren. "Es gab auch andere Versuche, doch die waren entweder zu kompliziert oder das Know-how im Geigenbau hat gefehlt“, ergänzt Löffler. Auch Wolfgang Löffler hatte sich schon Jahre zuvor, während seiner Gesellenzeit in Berlin, mit dem Gedanken beschäftigt. Doch damals schien die Zeit noch nicht reif. Vor fünf Jahren befand der 44-Jährige, dass er sich mit dem Thema nun endlich auseinandersetzen müsse. Und zwar gründlich. Er nahm mit einer Firma für E-Gitarren aus der Münchner Nachbarschaft Kontakt auf und studierte akribisch die Technik der Tonabnehmer. In Abstimmung mit den Kollegen baute er die Abnehmer so auf, dass sie in die geschwungene Saitenanordnung einer Geige eingepasst werden konnten.

Schaufenster bei Geigenbau Löffler
© Foto: Frank Muck

Bei dem Bau einer E-Geige folgt Löffler jedoch nicht nur seinen eigenen Vorstellungen von guter elektrisch verstärkter Musik. "Es gibt einen Bedarf bei den Musikern“, hat er erkannt. Ein Geiger, der Herbert Grönemeyer auf Tournee begleitet, hat ihn in seinen Bemühungen unterstützt und den Klang der Geige immer wieder überprüft. Ebenso half ein befreundeter Toningenieur, die klangliche Umsetzung zu testen. Aber auch seine Kunden sowie die Popularität bekannter Geiger wie Nigel Kennedy oder David Garrett und ihre Öffnung in Richtung Pop hätten ihn darin bestärkt, das Projekt umzusetzen. Das Milieu der Musiker und der Instrumentenbauer sei längst nicht mehr so stark in der Tradition verhaftet wie zu Beginn seiner Ausbildung.

Instrument muss höchsten Ansprüchen genügen

Trotz des Zuspruchs und der guten Gründe habe er selbst noch mit sich gerungen, ob er den Pfad des streng akustisch umgesetzten Geigenbaus verlassen könne und damit seinen guten Ruf als Handwerker aufs Spiel setze. Hinzu kommt, dass er in Mittenwald, der Hochburg des Geigenbaus, ausgebildet wurde. Sein erster Impuls war deswegen: „Ich mach das anonym.“ Die Geige sollte mit seinem Namen nicht in Berührung kommen. Doch er nahm Abstand von diesem Gedanken, denn irgendwann käme doch heraus, wer die Geige gebaut hat und andererseits – warum sollte ihm sein guter Name die Markteinführung nicht erleichtern? "Das Instrument muss so oder so höchsten Ansprüchen genügen“, weiß er.

Können gepaart mit besten Komponenten

Um seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, sagt er, setze er sein handwerkliches Können mit den besten Komponenten um. Sämtliche Teile stammen aus deutscher Produktion und die Pick-ups (in dem Fall ist nicht das Auto gemeint) baut ein Spezialhersteller für Tonabnehmer. Mit dem Ergebnis ist er nach fünf Jahren Entwicklungsarbeit sehr zufrieden. "Es klingt mehr nach Geige, als ich erwartet hatte“, gibt er offen zu.

Das bereits zum Patent angemeldete Instrument will Löffler namhaften Geigern aus verschiedenen Musikrichtungen leihweise zur Probe anbieten. Neben einem eigenen Internetvertrieb könne er sich auch vorstellen, dass ausgewählte Internet-Musikhändler die Geige in ihr Programm aufnehmen.

Hündin Monika wuselt um die Beine ihres Herrchens. Sie fordert ihr Recht. Wolfgang Löffler muss hinaus in die Kälte, Gassi gehen und den vermeintlichen Hort der Tradition verlassen.

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