Meinung -

Kommentar Der hohe Wert des Meisters

Um berufliche Bildung weiter zu fördern, bedarf es größerer Anstrengungen. Die Zahl derer, die eine Aufstiegsfortbildung zum Meister absolvieren, steigt. Doch die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung wird auch immer wieder angezweifelt.

Dr. Lothar Semper
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Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat gerade ihren Report "Bildung auf einen Blick" erstellt. Er wurde mit der Bundesbildungsministerin und der Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz vorgestellt. Die Bestandsaufnahme enthält viele Daten, bei deren Interpretation die Meinungen allerdings auseinandergehen.

Bundesministerin Wanka stellte fest, der Erfolg unseres Bildungssystems resultiere auch daraus, dass den jungen Menschen mit Hochschulausbildung und beruflicher Bildung zwei gleichwertige Alternativen zur Verfügung stehen. Für die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Löhrmann ist besonders erwähnenswert, dass die Studienanfänger- und Absolventenzahlen so hoch sind wie nie. Es ist einfach nicht aus den Köpfen herauszubekommen, dass der Erfolg eines Landes nicht von der Akademikerquote bestimmt wird. Auch die OECD stellt den gestiegenen Anteil der Studienanfänger positiv heraus – wovon allerdings nicht wenige beim Studium scheitern.

EU-Kommission rüttelt am Meistervorbehalt

Der Erfolg unseres Landes beweist etwas anderes: Wie Ministerin Wanka zu Recht feststellt, kommt es auf berufliche und akademische Bildung gleichermaßen an. Die OECD hat insofern schon dazugelernt, dass sie bei ihren Analysen die Meister gemeinsam mit Hochschul- und Fachhochschulabsolventen betrachtet.

Dazu passt eine neue Auswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung. Sie zeigt, dass die Zahl derer, die eine Aufstiegsfortbildung zum Meister absolvieren, wieder ansteigt. Allerdings war der Wert auch schon einmal deutlich höher. Und warum war er unter anderem gesunken? Weil die Regierung 2004 bei 53 Handwerksberufen die Meistervoraussetzung gestrichen hat!

Daran muss man gerade jetzt erinnern, wo die EU-Kommission am Meistervorbehalt rütteln möchte. Der Meister ist – und diese Schlussfolgerung lässt die OECD zu – ein genauso entscheidendes Qualifikationsmerkmal wie ein Hochschulabschluss. Auch wenn man manchmal den Eindruck hat, dass es ihr schwerfällt, so muss die OECD doch auch einräumen, dass es unser duales System der Berufsausbildung ist, das Deutschland eine geringe Jugendarbeitslosigkeit beschert.

Standesdünkel sollten Vergangenheit sein

Irritierend sind die Thesen der OECD zur Bildungsmobilität. Man könnte herauslesen, dass es als Abstieg bewertet wird, wenn die Kinder von Akademikern eine Berufsausbildung absolvieren. Standesdünkel sollten der Vergangenheit angehören. Zumal die Berufsausbildung über den Meister mittlerweile ja auch für jeden, der es möchte, die Möglichkeit zum Studium eröffnet.

Was ist zu tun? Erstens: Die Gleichwertigkeit von schulischer/akademischer und beruflicher Bildung muss noch mehr gefördert und befördert werden. Das gilt übrigens auch für die finanzielle Förderung. Wenn man sich hier mal ansieht, wie Universitäten und wie Bildungseinrichtungen des Handwerks gefördert werden, dann wird Handlungsbedarf deutlich. Und zweitens: Um Berufsnachwuchs zu gewinnen, kommt der Berufsorientierung in allen Schularten elementare Bedeutung zu. Gerade die Gymnasien haben hier noch Nachholbedarf.

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