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Der Formvollender

Mit viel Geduld und Improvisationsvermögen hat es Hubert Drescher an die Spitze deutscher Kfz-Restauratoren geschafft

Weit ab vom städtischem Leben, an den idyllischen Hängen des Titisees, liegt ein Betrieb, den man als solchen nur schwer von außen erkennen kann. Auf einem alten Bauerhof, dem Elternhaus seiner Mutter, hat sich Hubert Drescher eine Werkstatt eingerichtet, in der er alte Autos restauriert. Wer hier vorbeifährt, vermutet nicht, welche Schätze sich hinter den Türen verbergen. Dort im Hochschwarzwald stehen die schönsten Oldtimer der größten Nobelmarken und Cabrios von Karosseriebauern, die nur Insidern bekannt sind. Drescher betont, dass man doch bitte die Modelle und Marken nicht verraten solle. Denn die Besitzer seien mit ihren Liebhabermodellen zuweilen sehr vorsichtig und wollten nicht, dass jeder weiß, wo die guten Stücke im Moment aufpoliert werden. Denn das Geschäft, das Drescher betreibt, bedient natürlich jene, die sich aus Nostalgie, historischer Sicht oder eben aus reiner Liebhaberei mit alten Fahrzeugen beschäftigen. Den gebürtigen Hinterzartener lässt all das Aufhebens um den Fetisch Auto jedoch eher kalt. Er sieht sein Geschäft emotionslos. Die heimliche Liebe zu den doch sehr schönen Autos, die seiner besonderen Fähigkeiten bedürfen, kann er nicht ganz nachvollziehen. Eine solche Leidenschaft habe er nie verspürt. „Mir reicht die Probefahrt“, sagt er nüchtern. Sein eigenes Auto, ein Mercedes M-Klasse, ist genauso von Unauffälligkeit und Understatement geprägt wie seine ganze Art.

Feeling für das Einzigartige

Drescher spricht leise und unaufgeregt, dabei klar und überlegt. Bei all der professionellen Distanz weiß er doch ganz genau, warum er diese Arbeit macht. Seine Passion ist das Modell mit seinen Eigenheiten. Mit Akribie findet er heraus, was ein Auto ausmacht und was es ausstrahlt. Dieses Können verschafft ihm immer wieder volle Auftragsbücher. Inzwischen ist er in der Szene der Kfz-Restauratoren so bekannt, dass er Aufträge ablehnen muss. Große Autobauer überlassen ihm ganz besondere Aufgaben, die nur wenige Karosseriebauer beherrschen. Vor allem wenn es um die vollständige Rekonstruktion von Fahrzeugen geht. Ein für das Porsche-Museum gebautes Prestigeobjekt ist die vollständige Rohkarosserie des Porsche T64, auch „Berlin-Rom-Wagen“ genannt. Das Modell eines Rennwagens von 1938, von dem nur drei Stück gebaut worden waren, spricht bereits deutlich die heutige Formensprache des Sportwagenherstellers und trägt zum ersten Mal den legendären Schriftzug Porsches. Ganz entscheidend für die Arbeit Dreschers sind genau diese Formen und Eigenheiten der Fahrzeuge. Für Drescher ist es deshalb ganz wichtig, eine genaue Vorstellung von den Autos zu entwickeln, von ihrem Typ und Charakter. Zumal ihm oft genug die Konstruktionszeichnungen und Entwürfe fehlen, um eine Autolegende nach Plan nachzubauen.

Vom T64 etwa gab es nur Fotos. Zwei der drei Rennwagen waren im Krieg zerstört worden. Der dritte war erst im vergangenen Jahr, also nach der Fertigstellung des Modells, in Hamburg aufgetaucht. Und so war er darauf angewiesen, dass er die Form der Karosserie nachzeichnen konnte. Ein Foto einer Zeichnung, das ihm immerhin noch zur Verfügung stand, übersetzte er in einen Querschnitt, an dem er die entsprechende Bemaßung kennzeichnete. Aus einem Styropormodell sägte und raspelte er mit Kettensäge und Schleifpapier die Form des Autos heraus. Heute steht das Modell des Urporsche genannten Autos im Foyer des Porsche-Museums.

Geduld und Improvisation

An solche Aufträgen kam Drescher natürlich nicht gleich von Anfang ran. Zumal er einen anderen Beruf gelernt hat. Eigentlich ist er von Haus aus Kfz-Mechaniker, gelernt bei der Mercedes-Niederlassung in Freiburg. In deren Karosserieabteilung entdeckte er den Umgang mit Blech für sich. Drescher: „Dort habe ich Blut geleckt.“ Ab 1981 absolvierte er die Meisterschule für Karosseriebau in Kaiserslautern. Zwei Jahre sammelte er Erfahrungen in kleineren Karosseriebetrieben, die sich hauptsächlich mit Unfallreparaturen beschäftigten, um sich 1984 schließlich selbstständig zu machen. Anfangs hielt auch er sich mit Reparaturen über Wasser. Auf Messen akquirierte er dann jedoch erste Aufträge als Restaurator etwa den Bau eines Kotflügels für einen BMW 328, ein zweisitziges Sportcabrio aus den 30er Jahren. Seine Kontakte zu Mercedes ergaben dann erste Aufträge aus dem Klassikcenter in Stuttgart, einem Vertrieb für historische Mercedes-Fahrzeuge. Seit fast 25 Jahren, also fast von Anfang an, arbeitet Drescher Karosseriebau auch für das Mercedes-Museum.

Die gute Arbeit Dreschers und seiner vier Mitarbeiter sprach sich schnell herum in der Szene. Aber nicht nur in der Restaurierung von Autos. Denn in der Rekonstruktion, also dem vollständigen Nachbau von Autos, kann ihnen nach eigenem Bekunden keiner das Wasser reichen. „In dem Fach stehe ich so ziemlich allein da“, vermutet Drescher. Seit einigen Jahren ist unter anderem deswegen auch das Porsche-Museum guter Kunde. So kam er auch zu dem Auftrag, den „Semper-vivus“ nachzubauen. Der „Semper-vivus“ ist das erste von Ferdinand Porsche für die Firma Lohner entwickelte Auto mit seriellem Hybridantrieb aus dem Jahr 1903.

Auch davon gibt es nur noch Bilder. Drescher muss deswegen herausfinden, was der Autobauer damals gewollt hat, sagt er. Denn es gehe ja gar nicht darum, ein Auto einfach nur in Kopie hinzustellen, vor allem wenn es das Original nicht mehr gibt. Sondern fehlende Information, wie etwa die Konstruktionszeichnungen, durch Erfahrung zu ersetzen. Das Heck des „Semper-vivus“ etwa ist auf den Fotos nie zu sehen, doch durch andere Arbeiten aus der Zeit und sein Gespür für Technik und Vorlieben damaliger Autobauer kann Drescher schließen, wie das Auto von hinten ausgesehen haben muss. Über Monate sitzt er an einem solchen Fahrzeug. Bei all der Zeit und Mühe sei Geduld deshalb eine der wichtigsten Tugenden eines Autorestaurators. Improvisationstalent gehört auch dazu. Drescher gibt gerne zu, dass er sich oft genug etwas einfallen lassen muss, wenn ein altes, abgewracktes Schätzchen vor ihm steht, was jeder Ottonormalfahrer dem Schrottplatz überantworten würde. „Wir dichten dem Objekt auch manchmal etwas hinzu“, gesteht er. Dennoch ist es für Drescher Ehrensache, dass der Nachbau und die Reparatur dem Original sehr nahekommen. Das schließt auch all die kleinen Fehler, Gebrauchsspuren und Ungenauigkeiten ein, die ein Fahrzeug vom Anfang des 20. Jahrhunderts hat. Schließlich gab es damals noch keine computergesteuerten Fräs- und Schneidemaschinen, die die Bauteile exakt auf einen hundertstel Millimeter fertigen konnten. Kleine Beulen am Kotflügel dürfen also gerne fühlbar sein. Selbst Kratzer darf man sehen. Nur dass es eine Reproduktion ist, darf man nicht merken. Und so wird ein Türgriff oder ein Trittbrett gern mal über den Hof gekickt, damit er so aussieht, als wäre er schon ein paar Jahrzehnte alt.

Pflicht zur Ungenauigkeit

Dass man möglichst viel Substanz der Autos erhält, ist für Hubert Drescher selbstverständlich. Sein berufliches Ethos, das auch in anderen Branchen Leitlinie für eine hochwertige Restaurierung ist, teilen jedoch nicht alle Auftraggeber. Der eine oder andere wundert sich dann manchmal, warum eine Kofferraumklappe keinen Hydrauliköffner bekommt, auch wenn er weiß, dass ein für Rennen genutztes Auto so etwas gar nicht hatte. „Mit meinem Lackierer kriege ich mich manchmal in die Wolle“, sagt Drescher. Der Kollege möchte ein Teil natürlich möglichst perfekt einfärben, obwohl die Lackierer zur Bauzeit noch gar keine Spritzpistolen hatten. Drescher: „Bei uns muss man den Pinselstrich sehen.“

Was einem anderen Handwerker als schlechte Arbeit angekreidet würde, gerät bei Hubert Drescher zur Pflicht der Pflicht zur Ungenauigkeit und kleiner Fehler. Und so verlässt sich der Kfz-Experte gerne mal auf seine Hände, statt auf die Computermessung, wenn er sich einem Auto nähert. Eine Rundung, ein Schwung wollen erspürt sein. Damit erschließt er sich das Fahrzeug und erfährt, was mit dem Auge nicht sichtbar ist. Ganz Augenmensch wird Drescher erst, wenn er seiner eigentlichen Leidenschaft frönt: dem Segelflug. Wenn er über dem Schwarzwald kreist, kriegt Drescher den Kopf völlig frei. „Dann denke ich nicht mehr an die Arbeit.“ Bereits mit 13 Jahren setzte sich der heute 52-Jährige in den Flieger. Heute bedauert Drescher, dass er wegen der vielen Arbeit höchstens am Sonntag dazu kommt, in die Luft zu gehen. Nichts sei schöner, um Abstand zu gewinnen. Auch nach so langer Zeit fasziniere ihn jede neue Wolkenformation aufs Neue. Der Blick über die wunderbare Landschaft werde nicht langweilig und während des Fluges verschwende er keinen Gedanken an Autos und ihre Beulen. Die Werkstatt verschwindet dann endgültig in der Idylle.

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