Meinung -

Großbritanniens Austritt aus der EU "Der Brexit ist eine Lose-lose-Situation"

Europa-Experte Bert van Roosebeke, Fachbereichs­leiter des Centrums für Europäische Politik, erklärt, wie der Brexit den Mittelstand und das Handwerk trifft, den Binnenmarkt schädigt und warum es am Ende nur Verlierer gibt.

DHZ: Herr Van Roosebeke, geht der Brexit auch das deutsche Handwerk an?

Van Roosebeke: Natürlich, acht Prozent aller deutschen Exporte gehen nach Großbritannien. Mit keinem Land der Welt hat Deutschland einen höheren Handelsbilanzüberschuss. Viele Mittelständler und Handwerker, die dorthin Waren oder Dienstleistungen exportieren, sind direkt betroffen.

DHZ: Was heißt das in der Praxis?

Van Roosebeke: Schon heute erschwert die Abwertung des Pfundes Exporte auf die Insel. Künftig stellt sich zusätzlich die Frage nach dem Marktzugang: Werden die Exporte eines Mittelständlers verzollt, muss er sein Produkt den britischen Regeln anpassen oder kann er überhaupt Arbeitnehmer nach Großbritannien entsenden? Diese Fragen sind völlig offen. Je nachdem, wie frei der Handel zwischen der EU und Großbritannien nach dem Brexit ablaufen kann, könnte das Wirtschaftswachstum leiden. Das könnte sich negativ auf Zulieferer auswirken. Betroffen wäre davon primär die Automobilindustrie, aber etwa auch der Maschinenbau.

DHZ: Der Binnenmarkt war immer ein gemeinsames und starkes Interesse von Deutschland und Großbritannien. Was wird davon übrig bleiben?

Van Roosebeke: Den vollständigen Binnenmarkt zwischen der EU und Großbritannien wird es nicht mehr geben. Die Niederlassungs- und Arbeitnehmerfreizügigkeit wollen die Briten nicht länger hinnehmen, allerdings ist das teilweise Schaufensterpolitik: Die britische Wirtschaft ist auf Einwanderer angewiesen. Hauptrisiko für den künftigen Warenverkehr sind die nichttarifären Handelshemmnisse, d.h. regulatorische Vorschriften, die sich mit der Zeit immer mehr unterscheiden, oder die zeitlichen Verzögerungen durch den Zollprozess.

DHZ : Wie könnte der Worst Case des Brexit aussehen?

  Van Roosebeke: Bekommen die Briten Nachahmer, die ebenfalls aus der EU austreten wollen, dürfte sich die Dynamik der Austrittsverhandlungen schnell ändern. Dann könnte das gesamte Konzept des Binnenmarktes in Frage gestellt werden. Für die exportabhängige deutsche Wirtschaft wäre das der GAU.

DHZ: Schon jetzt zeichnet sich ein schwieriges und langes Scheidungsverfahren ab. Ist der vorgesehene Austrittstermin März 2019 realistisch?

  Van Roosebeke: Es ist völlig ausgeschlossen, dass ein Handelsabkommen zwischen London und Brüssel bis März 2019 in Kraft treten kann. Die Briten werden aber auf jeden Fall Ende März 2019 aus der EU austreten. Ich gehe davon aus, dass provisorische Übergangsregeln den Handel so lange aufrechterhalten. Möglicherweise tritt Großbritannien kurzerhand wieder dem Europäischen Wirtschaftsraum bei.

DHZ: Halten Sie einen "Ausstieg vom Ausstieg" für möglich?

Van Roosebeke: Der Brexit ist eine "Lose-lose-Situation": Sie wird für alle Seiten zu Verlusten führen. Ich sehe derzeit aber kaum Chancen dafür, dass sich die britische Bevölkerung in einem neuen Referendum für den Verbleib in der EU ausspricht. Auch die Labour-Partei will am Ausstieg festhalten. Der Brexit wird kommen: Sogar wenn die britische Bevölkerung das Austrittsabkommen in einem Referendum ablehnen würde, tritt Großbritannien aus – dann eben ohne Abkommen.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten