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Tubahersteller aus Geretsried Der Blechmaßschneider

Wenzel Meinl ist Weltmarktführer in der Tubaherstellung. Musiker aus aller Welt lassen sich in seinem Betrieb in Geretsried ihre Instrumente anfertigen.

Rund 40 verschiedene Tuben, golden, silbern, groß, klein, blitzen und funkeln in dem Raum. Etliche Fotos hängen an der Wand. Howard Johnson, Jazzmusiker, spielt Tuba. Franz Josef Strauß grinst ins Tubazimmer. Er soll hier ein Jagdhorn gekauft haben. Im Tubazimmer können die Musiker Instrumente testen.

Die Manufaktur Wenzel Meinl stellt Blechblasinstrumente her. In diesem Jahr feiert sie ihr 200-jähriges Bestehen. Profis, Künstler oder Hobbymusiker aus aller Welt reisen hierher, auf der Suche nach dem perfekten Instrument.

Es ist oft ein weiter Weg, den sie auf sich nehmen, um im Showroom Tuba, Trompete, Posaune oder Horn auszuprobieren. Von München aus geht es gen Süden, nach Geretsried. Der Weg führt vorbei an einer alten Fabrik – der Putz bröckelt schon ab, die Scheiben sind zerbrochen –, dann geht es eine verwinkelte Straße entlang. Hier, am Rande des Gewerbegebiets, wo niemand zufällig hinkommt, steht der Betrieb Wenzel Meinl. Seit 27 Jahren leitet Gerhard Meinl das Unternehmen – durchaus in dem Bewusstsein, einen guten Job zu machen. „"n Sachen Tuba sind wir Weltmarktführer“, erklärt er selbstbewusst.

Musiker werden vom Chef persönlich betreut

In dem weißgetünchten, altmodischen Betriebsgebäude testen die Musiker Intonation, Ansprache oder ergonomische Passform. "Das Instrument muss bequem sein. Auch, um Haltungsschäden vorzubeugen“, sagt Meinl. Seine Mitarbeiter passen die Instrumente an die Körpergröße der Käufer an, setzen Sonderwünsche um. "Manche Musiker bleiben für einen Tag, manche für eine ganze Woche“, erzählt der Geschäftsführer.

Der 53-Jährige betreut die Künstler oft selbst. Erst vor Kurzem war eine Musikstudentin hier, sie spielte eine Tuba im Rohbau. Die Mundrohrhöhen des Blasinstruments werden nun geändert. "Das Mundrohr wird angehoben und auf ihre Körpergröße angepasst“, sagt Meinl und verdeutlicht den Aufwand, ein Instrument passgenau für den Musiker zu fertigen.

Vom Tubazimmer aus führt eine schwere Holztür direkt in die Werkstatt. Hier sitzt Andreas Gambs, er schleift vorsichtig an einem schmalen Metallrohr, so vertieft, dass er gar nicht bemerkt, dass jemand den Raum betritt. Aus einem CD-Player schallt klassische Musik. Gambs ist Meister. Er setzt die Ideen um und baut Prototypen. Gerade entwickelt er ein ganz neues Modell. "Fotografiert werden darf hier nicht“, stellt er gleich klar. "Wegen der Konkurrenz." Sie soll nicht sehen, woran hier getüftelt wird. Gambs legt das schmale Rohr beiseite und beginnt zu erzählen. Er selbst spielt Posaune. Und wollte einen handwerklichen Beruf erlernen. Da hat eins zum anderen geführt. Also lernte er Metallblasinstrumentenbauer.

"Manchmal dauert es Monate oder Jahre, bis ein neues Instrument entwickelt ist“, berichtet Gambs. Doch das macht ihm nichts aus. Er mag es, gemeinsam mit den Kunden zu diskutieren, sich deren Wünsche anzuhören und dann zu tüfteln. Stolz erinnert er sich: "Alan Baer war mal hier.“ Der Tubist der New Yorker Philharmoniker suchte eine größere C-Tuba. Baer war so begeistert, dass er gleich einen Rohbau eingepackt hat. Und am selben Tag damit ein Konzert gegeben hat. "Obwohl er sein eigenes Instrument seit Jahren kennt“, fügt Gambs zufrieden hinzu.

Offensichtlich war Baer von der Qualität überzeugt. Denn später hat der Musiker auch eine F-Tuba bestellt. Seit jeher arbeitet der Betrieb eng mit Musikern zusammen. 200 Jahre Erfahrung stecken in den Instrumenten. "Wir haben mehr Handwerk in unserer Arbeit als anderswo. Unsere Fertigung ist traditionell“, sagt Meinl. Zum Beispiel werden die klingenden Korpusteile aufwändig mit einem Blechzuschnitt hergestellt. Auch die Schallstücke, die trichterförmigen Becher der Instrumente, werden in mühsamer Handarbeit gefertigt. "Wir bauen die Schallstücke wie ein Kupferschmied“, erzählt Meinl.

In der Werkstatt zuhause

Ein dumpfes Hämmern ist plötzlich zu hören. Im Nebenraum sitzt Martin Obermair. Etliche Rohre, Hammer, Stifte, ein Werkzeugkasten und ein blauer Ohrenschutz liegen vor ihm auf dem Tisch. In seinen Händen hält er ein Rohr. Es ist mit Blei gefüllt. "Ein hohles Rohr würde einknicken, wenn man es biegt“, erklärt der 19-Jährige. Seit September 2008 macht er bei Wenzel Meinl seine Ausbildung. Gerade baut er eine Cimbasso, eine Bass Ventil Posaune in F. "Die wird eher selten verlangt", sagt er und hämmert weiter.

Ein großer, grauer Kühlschrank steht weiter hinten in der Werkstatt. Zum Kühlen der Brotzeit ist der nicht gedacht. In dem Kühlschrank werden bei exakt 84 Grad minus Instrumententeile schockgefroren. Kleinere Teile, etwa für eine Trompete, werden nicht mit Blei gefüllt, sondern mit Wasser, dann werden sie gefroren und bearbeitet.

Wenn Meinl in der Werkstatt seinen Mitarbeitern über die Schulter schaut, wird er selbst zum Handwerker. Früher hat auch er in der Werkstatt gehämmert, hat dort seine Ausbildung zum Metallblasinstrumentenbauer und Schlagzeugmacher gemacht. "Als Kind habe ich hier gespielt, später habe ich in den Ferien hier gearbeitet“, erzählt Meinl. "Ich bin in der Werkstatt groß geworden.“ Obwohl er eigentlich ganz andere Pläne hatte. "Etwas Eigenes“ wollte er machen. Ein berühmter Wirtschaftsanwalt, ein Held, wollte er werden, erzählt er. "Und das wäre ich sicher auch“, sagt Meinl heute und grinst. "Aber mein Vater hat das sehr geschickt veranstaltet und mich sukzessive ins Unternehmen geholt.“ Nach seinem Jurastudium folgt die Ausbildung. Später übernimmt er den Betrieb. Und weil die Manufaktur "keine traurigen, anonymen Schrauben“ baut, macht ihm das Spaß.

Vor 200 Jahren gründen seine Vorfahren den Betrieb im Sudetenland. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden sie vertrieben. In Geretsried entdeckt Anton Meinl, der Vater des heutigen Geschäftsführers, einen alten Militärbunker, kauft ihn und baut die Firma wieder auf. Heute ist Wenzel Meinl Teil einer Firmengruppe. Gerhard Meinl brachte den elterlichen Betrieb in die TA Triumph-Adler AG ein. Dort begann er, die IMM Musik Gruppe und später die TA Musik Gruppe aufzubauen – um dann die ehemalige VEB Blechblas- und Signalinstrumentenfabrik der DDR zu kaufen und zu privatisieren. Dann wandelte Meinl sie in die Vogtländischen Musikinstrumentenfabrik (VMI) um.

Zwei verschiedene Gravuren

Jedes Jahr fertigen die 35 Mitarbeiter in Geretsried zwischen 1.000 und 1.500 Tuben, darunter auch Serieninstrumente für Fachgeschäfte. Wer eine solche Tuba kauft, zahlt zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Die glänzenden Musikinstrumente tragen unterschiedliche Gravuren: Melton oder Meinl-Weston. Die Gravur Melton ist die ältere, sie steht für Meinl und Ton. Aber als Wenzel Meinl erstmals in die USA exportierte, konnte der Betrieb den Namen Melton nicht verwenden – es gab dort bereits eine Firma, die Melton hieß. Sie vertrieb allerdings ein ganz anderes Produkt: Mehl. Es soll eine launige Runde gewesen sein, in der sich Anton Meinl den neuen Namen, Meinl-Weston, ausdachte. Einen Herrn Weston hat es nie gegeben.

Mit dem Namen wollte Meinl daran erinnern, dass die Instrumente aus dem Westen kommen. In Zeiten des Kalten Krieges wollte er sich von der Konkurrenz im Osten abgrenzen, die dort die Betriebe der Väter übernommen hatte. Auch heute noch ist die USA der größte Absatzmarkt der Musikmanufaktur. Daneben ist China ein großer Exportmarkt für den Betrieb. "Viele halten die Tuba dort zwar eher für einen komischen Schirmständer“, erzählt der Geschäftsführer amüsiert. Vor allem das Militär hat viele Instrumente gekauft, aber auch das Ballet Orchester in Peking. "Auch unser Heimatmarkt in Deutschland hat natürlich eine große Bedeutung für uns“, sagt Meinl. In anderen europäischen Ländern hingegen, wie Spanien oder Großbritannien, sei die Krise deutlich zu spüren.

Instrumente im Fernsehen

Für den Geschäftsführer steht fest: "Das Schönste ist es, wenn Konzerte im Fernsehen übertragen werden.“ Denn dann würden er und seine Belegschaft am liebsten "in den Fernseher kriechen“, um zu erkennen, ob das Instrument von Wenzel Mainl ist oder von der Konkurrenz. Betrachtet man die Bilder im Tubazimmer, steht fest: Die Chancen, dass der Musiker im Fernsehen eine Melton oder Meinl-Weston spielt, stehen gut.

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