Lebenswege -

Mit 90 Jahren hält Wolfgang Beyer das Eisen am Glühen Der älteste Schmied von Deutschland

Obwohl verkehrsgünstig an der B 101 im mittelsächsischen Brand-Erbisdorf gelegen, dürfte der kleine Metallbaubetrieb Beyer nur wenigen Durchreisenden auffallen. Dabei arbeitet hier mit Wolfgang Beyer der älteste Schmied Deutschlands.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Instagram

Wenn Wolfgang Beyer sein Leben Revue passieren lässt, klingt das wie eine Geschichtsstunde. Neun Jahrzehnte voller Erinnerungen, aber ohne sentimental zu werden. Dafür bleibt dem Schmiedemeister keine Zeit, denn in der Werkstatt wartet jede Menge Arbeit. Mit seinen 90 Jahren dürfte Wolfgang Beyer der älteste aktive Schmied in Deutschland sein. „So lange es irgendwie geht, mache ich weiter“, erklärt der Senior.

Im Hof der kleinen Schmiede von Brand-Erbisdorf in Mittelsachsen steht ein grüner Multicar. Ein Baubetrieb aus der Gegend möchte die Bordwände des in die Jahre gekommenen Kleinlasters erhöhen lassen. Bei Metallbau Beyer ein Klassiker. Schon zu DDR-Zeiten bekamen hier Lkws mit Pritsche eine zweite Bordwand über die erste montiert, wobei die untere Hälfte beim Kippen aufklappte.

Kleine Werkstätten wie die von Wolfgang Beyer waren es, die mit ihrem Know-how den volkseigenen Betrieben durch die Mangelwirtschaft halfen. Auch deshalb wurden die privaten Handwerker geduldet und konnten sich der Verstaatlichungswelle entziehen. Kurz nach dem Mauerfall hat Wolfgang Beyer noch einem SED-Genossen den Auspuff seines Autos geschweißt. „Der wollte nach Hof, um das Begrüßungsgeld abzuholen“, erzählt der Schmiedemeister, der eigentlich Flugzeugmechaniker werden wollte.

Aber in einem Leben, das drei Gesellschaftssysteme überdauert, läuft längst nicht alles nach Wunsch – erst recht nicht, wenn es sich um das 20. Jahrhundert handelt. Wolfgang Beyers Weg zum Meisterbrief im Metallhandwerk führt über Umwege, die vom Krieg durchkreuzt werden.

Schmiedemeister Wolfgang Bayer

Geboren 1927 im Freiberg, erinnert er sich noch an die allgemeine Begeisterung für Adolf Hitler, dessen Reden zuhause vor der Göbbelsschnauze verfolgt wurden. Aber bald bekam er persönlich die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten zu spüren. Aus seinem Traumberuf wurde nichts, weil der vaterlos aufgewachsene Junge dadurch keine arische Abstammung nachweisen konnte.

Seiner technischen Begabung durfte er dennoch nachgehen, weil ihm der Chef der örtlichen Mercedes-Werkstatt eine Ausbildung zum Autoschlosser ermöglichte. Mit der Bürgschaft seines Lehrmeisters durfte der talentierte Schützling sogar schon im Alter von 15 Jahren den Lkw-Führerschein erwerben, ein Umstand, der ihm schon bald zugutekommen sollte. „Mein Meister hat mich damals auch für eine vorzeitige Prüfung vorgeschlagen, um die dreieinhalbjährige Lehrzeit zu verkürzen“, erzählt Beyer.

Doch die Freude über die bestandene Abschlussprüfung wurde jäh getrübt. „Als ich nach Hause kam, lag schon die Einberufung zum Arbeitsdienst auf dem Tisch. Am nächsten Tag ging es im Zug nach Polen. Da war ich noch keine 16“, denkt der Schmiedemeister an das Wechselbad der Gefühle zurück, das ihn damals überrumpelte. Das Rad der Geschichte hatte sein Leben in eine neue Richtung gelenkt – von einem Tag auf den anderen.

Flucht im Ford BB mit Holzvergaser

Statt eines erfüllten Arbeitsalltags als Autoschlosser wartete mit dem Krieg eine Zeit voller Entbehrungen auf den jungen Mann, der da in kurzen Lederhosen der Front entgegenfuhr. Als der Rekrut zu seiner Einheit stieß, durfte er gleich sein handwerkliches Können unter Beweis stellen. „Ich habe zuerst den Ford BB mit Holzvergaser repariert und wurde gleich als Fahrer eingeteilt“, erzählt Beyer, dem auch nicht verborgen geblieben war, dass die Einheimischen Sand ins Öl der deutschen Fahrzeuge streuten. Doch verpfiffen hat er die Saboteure nicht. „Dafür haben die Polen mir geholfen, als wir Hals über Kopf vor den Russen fliehen mussten.“

Immer in Richtung Sonnenuntergang führte die Flucht im Lkw, der genügend Lebensmittel geladen und dank Holzvergaser keinen Treibstoffmangel hatte. „Bei Uelzen in der Lüneburger Heide haben wir uns im Wald versteckt. Irgendwann tauchten englische Panzer auf und ich kam ins Kriegsgefangenenlager nach Kiel“, beschreibt Beyer sein persön­liches Kriegsende.

Die Odyssee seiner Jugend lebt noch detailreich in den Erinnerungen von Wolfgang Beyer. Unter der Schiebermütze steckt ein wacher Geist, der längst nicht nur in Erinnerungen schwelgt. „Oft kommen ja Kunden mit Problemen zu uns, für die der Baumarkt keine Lösung bietet. Mein Vater hat meistens zuerst eine Idee, wie wir helfen können“, sagt Sohn Andreas. Der 58-Jährige hat Mitte der 70er Jahre bei seinem Vater gelernt und arbeitet seither an seiner Seite.

Zusammen mit einem Mithäftling aus Chemnitz türmte Wolfgang Bayer im Sommer 1946 aus der Gefangenschaft. Zu Fuß und im Zug haben sie sich bis nach Hause durchgeschlagen. Beyer fand wieder Arbeit bei seinem Lehrmeister und wechselte später als Autoschlosser und Fahrer zur Wismut. Die russische Bergbaugesellschaft zahlte 600 Mark im Monat, mehr als das Dreifache seines vorherigen Lohns.

Die Schmiede vom Schwiegervater

1949 heiratete Wolfgang Beyer seine Ursula, für die er heute zweimal am Tag seine Arbeit unterbricht, um sie im Pflegeheim zu besuchen. Ihr Vater war es, der seinen Schwiegersohn überredete, in der 1845 gegründeten Schmiede einzusteigen. „1953 habe ich zum Schmied umgeschult und fünf Jahre später meinen Meister gemacht“, beschreibt Beyer seinen Seiteneinstieg ins Schmiededasein, das bis heute anhält, auch wenn die Kräfte nachlassen.

Vor sechs Jahren bekam Wolfgang Beyer drei Bypässe und in den von einem langen Arbeitsleben gezeichneten Fingern macht sich das Rheuma bemerkbar. Aber das ist für einen Schmiedemeister noch lange kein Grund, sich in den Ruhestand zurückzuziehen.

Schmiedemeister Wolfgang Bayer

Denn leicht war es nie. Nachdem Wolfgang Beyer 1961 die Schmiede seines Schwiegervaters übernommen hatte, musste er sich wie viele private Handwerker in der DDR mit den Materialengpässen der sozialistischen Planwirtschaft herumschlagen. Es war vor allem ihre Improvisationskunst, gepaart mit handwerklichem Geschick, mit der sich die Selbstständigen behaupteten.

Wolfgang Beyer erinnert sich noch an die Seitenwagengespanne der ungarischen Marke Pannonia Csepel, mit denen die örtliche Polizei bei Kurvenfahrten immer wieder Unfälle baute. „Der Seitenwagen war nur an zwei Punkten mit dem Motorrad verbunden, so dass das Gespann förmlich zusammenklappte. Wir haben dann mit einer dritten Verankerung für mehr Stabilität gesorgt“, erklärt der Schmiedemeister, dessen Aufträge hauptsächlich aus der Landwirtschaft, vom Kraftverkehr und Winterdienst kamen.

Im Ehrenamt aktiv

Neben der Arbeit engagierte sich Wolfgang Beyer auch ehrenamtlich. Bis 1989 vertrat er als Obermeister die Interessen seiner Zunft, kümmerte sich im Prüfungsausschuss um eine fundierte Ausbildung, engagierte sich im Vorstand der Einkaufs- und Liefergenossenschaft sowie bei der Handwerkskammer.

Das brachte im Arbeiter- und Bauernstaat ein paar Privilegien wie Ferien an der Ostsee. „Nach der Wende haben wir dann aus Angst gar keinen Urlaub mehr gemacht“, sagt Wolfgang Beyer. Mit dem Wechsel des Wirtschaftssystems mussten die Schmiede plötzlich um jeden Kunden kämpfen. Aber ihr Handwerk blieb gefragt. Solange das so bleibt und die Gesundheit es zulässt, halten in der Schmiede von Brand-Erbisdorf Wolfgang und Andreas Beyer das Eisen am Glühen.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten