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Psychische Erkrankungen im Betrieb Depression, die versteckte Volkskrankheit

In Deutschland leben 5,3 Millionen Menschen mit einer behandlungsbedürftigen Depression. Die Krankheit wird immer noch oft totgeschwiegen, gerade im Arbeitsumfeld. Dabei stehen Auftreten und auch die Genesungschancen in engem Bezug zur Arbeit. Vier unterschätzte Zusammenhänge.

Jeder fünfte Mensch in Deutschland erkrankt im Laufe seines Lebens an einer Depression. "Auch der kleinste Betrieb wird damit also früher oder später konfrontiert sein“, schließt Heike Friedewald, Pressereferentin der Deutschen Depressionshilfe, aus diesen Zahlen.

Frauen sind doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Männer. Die psychische Erkrankung ist die wichtigste Ursache für Selbsttötungen in Deutschland, derzeit 10.000 pro Jahr.

Symptome der Depression diffus

  • Verlust von Interesse, Freude und Antrieb
  • verminderte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit
  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  • negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Appetitminderung
  • Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit
  • Schlafstörungen
  • Suizidgedanken
  • körperliche Beschwerden wie Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen
Obwohl laut Deutscher Rentenversicherung psychische Krankheiten seit Jahren die häufigste Ursache für Erwerbsminderungsrenten sind, werden gerade solche Probleme in Unternehmen ungern angesprochen.

Auswirkungen der Depression auf die Arbeit

  1. Geringere Leistung und Fehleranfälligkeit
    Wer sich nicht konzentrieren kann und übermüdet ist, macht Fehler und bringt potenziell sich selbst, Kollegen und Kunden in Gefahr. "Die Patienten versuchen, so lange wie möglich die Fassade aufrechtzuerhalten“, warnt Friedewald. Kollegen oder Chef sollten die Person also aktiv ansprechen: "Da reicht der Satz: ’Ich habe den Eindruck, Dir geht es nicht gut. Geh’ doch mal zum Arzt’.“ Im schlimmsten Fall sind die Betroffenen über Monate oder Jahre nicht mehr arbeitsfähig.
  2. Psychisch krank wegen der Arbeit
    Die Diagnose "Burn-out“ ist keine eigenständige Krankheit: "In den meisten Fällen steckt eine Depression dahinter. Insofern ist der ’Burn-out’ eine Ausweichdiagnose, die es manchen leichter macht, sich Hilfe zu suchen.“ Landläufig wird der Burn-out mit Überarbeitung in Verbindung gebracht. Außenstehende sehen oft schon vor dem Betroffenen selbst, dass dessen Arbeitspensum ungesund ist und er sich verändert. Auch dies sollten sie ansprechen.
  3. Arbeitslos wegen psychischer Erkrankung
    Zwei Drittel aller Langzeitarbeitslosen in Deutschland sind psychisch erkrankt, 94 Prozent ohne richtige Behandlung. "Das Vermittlungshemmnis psychische Erkrankung wurde bisher kaum systematisch angegangen. Gründe dafür sind Unsicherheiten bei dem Thema und die voreilige Annahme, dass die psychischen Erkrankungen Folge der langen Arbeitslosigkeit sind. Sehr häufig besteht jedoch ein umgekehrter Zusammenhang: Depression und andere psychische Erkrankungen führen zu Arbeitslosigkeit und erschweren den Weg zurück ins Berufsleben“, informiert Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.
  4. Psychisch stabil dank Arbeit
    Dabei kann Arbeit für Menschen mit Depressionen eine wichtige Stütze sein. Die Tagesstruktur, ein positives soziales Umfeld und Anerkennung können je nach Schweregrad der Erkrankung dem Betroffenen ein Gerüst geben, um den Alltag zu bewältigen.

Depression oder Burn-out?

Der Begriff "Burn-out“ hat etwas mehr Offenheit in das Thema Depressionen gebracht. Der Burn-out wird landläufig mit Überarbeitung in Verbindung gebracht – etwas, das in einer Leistungsgesellschaft anerkannt wird.

"Mit dem Wort ’Depression’ verbinden die Menschen dagegen zu stark äußere Ursachen“, erklärt Friedewald. Betroffene haben das Gefühl, ihr Leben nicht "auf die Reihe zu bekommen", zu versagen. Tatsächlich spiele aber die genetische Veranlagung eine große Rolle, außerdem auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit.

Konkrete Auslöser können am Anfang einer Depression stehen, müssen aber nicht. Es gibt Menschen, die trotz perfektem Umfeld an Depressionen erkranken. Die organische Ebene, eine Stoffwechselstörung im Gehirn, werde viel zu sehr vernachlässigt, betont Friedewald.

Antidepressiva sind keine "Happy Pills"

Egal, welchen Namen Betroffene ihrer Krankheit geben wollen: Sie brauchen in jedem Fall zwei Arten der Behandlung: eine medikamentöse und eine psychologische. Viele Betroffene scheuten sich vor der Medikamenteneinnahme, die Mittel seien zu Unrecht als "Happy Pills“ verschrien, beobachtet Friedewald.

Erschwerend hinzu komme, dass die Nebenwirkungen der Medikamente schneller zu spüren seien als die erwünschte Wirkung. Auch deshalb bräuchten die Betroffenen ein Umfeld, das sie unterstützt; privat, aber auch bei der Arbeit.

Friedewald warnt davor, die organische Komponente der Krankheit zu unterschätzen: "Antidepressiva regulieren den Hirnstoffwechsel. Das ist oft Voraussetzung dafür, dass der Patient überhaupt eine Psychotherapie aufnehmen kann."

Hilfe für Menschen mit Depressionen und ihre Angehörige

Da die Wartelisten für Psychtherapien lang sind, haben sich einige Internet-basierte Programme etabliert. Die Deutsche Depressionshilfe bietet kostenlos iFightDepression, wo der Patient unter Begleitung des Hausartztes online geschult wird.

Auch die Krankenkassen bieten verschiedene Programme an, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde.

Daten und Fakten zu Depressionen in Deutschland hat das Robert Koch Institut anlässlich des Weltgesundheitstages 2017 zusammengefasst. In einem Epidemiologischen Bulletin sind tiefergehende Informationen.

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