Meisterstücke -

Maßschneidermeister Seiler fertigt historisches Habit Den Humboldt auf den Leib geschneidert

Deutschland feiert den 250. Geburtstag eines Universalgelehrten. Markus Seiler aus Marienberg hat den berühmten Naturforscher in neue Kleider gehüllt.

Alexander von Humboldt lebt. In diesem Jahr, in dem der 250. Geburtstag des berühmten Naturforschers ansteht, absolviert er besonders viele Termine. Dass er dabei stets gut und authentisch gekleidet auftritt, hat er Markus Seiler zu verdanken. Der Maßschneidermeister aus Marienberg im Erzgebirge gilt als Experte, wenn es um historische Uniformen und Bergmanns­habit geht.

Angefertigt hat Seiler die Uniform im Auftrag der Bergakademie Freiberg, wo Alexander von Humboldt Ende des 18. Jahrhunderts Bergbau und Montanwesen studierte. Im Jubiläumsjahr schlüpft der Geschäftsführer des Studentenwerks, Thomas Schmalz, in die Rolle des Universalgelehrten. Ihm hat Markus Seiler den Humboldt förmlich auf den Leib geschneidert, was keineswegs einfach war.

Allein die Recherche nach dem historischen Vorbild der Kleidung nahm mehrere Wochen in Anspruch. Unterstützt wurde Seiler dabei von Knut Neumann, dem Vorsitzenden der Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft, der sich seit Jahren mit der Geschichte des Bergbaus in der Region befasst. Für die Humboldt-Uniform tauchte der akribische Hobbyforscher in verschiedene Archive ein und entwickelte mit dem Maßschneidermeister aus Marienberg schließlich die Vorlage für das historische Prachtkleid.

Bergparade am 14. September

250. Geburtstag Alexander von Humboldt

Der Name Trachten Seiler ist im Erzgebirge ein Begriff. Geprägt vom Bergbau bewahren in der sächsischen Montanregion, die Anfang Juli ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, viele Bergbrüderschaften das historische Erbe ihrer Vorfahren. Höhepunkte im Vereinsleben und vieler Volksfeste sind die Bergparaden, wenn die Feierabend-Knappen vor Scharen von Schaulustigen im festlichen Habit aufmarschieren. Viele der Vereine beziehen ihre Uniformen bei Trachten Seiler.

Die Maßschneiderei, die 1977 von Klaus-Jürgen Seiler und seiner Ehefrau Thea in einer ehemaligen Schuhmacherwerkstatt gegründet wurde, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer tiefer mit traditionellem Bergmannshabit beschäftigt. „Als sich 1993 die Bergknappschaft Marienberg gründete, wurde sie von uns eingekleidet. Das hat sich herumgesprochen, so dass immer mehr Knappschaften auf uns aufmerksam wurden und sich ausstaffieren ließen“, erinnert sich Klaus-Jürgen Seiler, der selbst als Hüttenältester in der Marienberger Knappschaft aktiv ist. Die Nachfrage beschränkt sich längst nicht mehr aufs Erzgebirge, auch Vereine und Besucherbergwerke aus dem Saarland, aus Hessen, Bayern und der Pfalz bestellen Bergmannshabit in Marienberg.

Berufswunsch früh geboren

Bei den Seilers hat sich die Leidenschaft fürs Maßschneiderhandwerk schon früh auf Sohn Markus übertragen. „Ich war als Kind immer gern in der Werkstatt, hab bereits mit zwei Jahren die Nadel an der Nähmaschine eingefädelt“, erklärt Markus Seiler und zeigt auf einen Zuschneidetisch. „Darunter habe ich als Kind oft geschlafen.“ Doch als er die Schule beendete, waren die Eltern zunächst wenig begeistert von seinem Wunsch, ins Schneiderhandwerk einzusteigen.

Unmittelbar nach der Wende war das Geschäft deutlich schwieriger geworden. Zu DDR-Zeiten auf Monate im Voraus ausgelastet, musste die Maßschneiderei nach dem Mauerfall zunächst um ihr Fortbestehen bangen. Während der Mangelwirtschaft waren die Auftragsbücher voll, brachten manche Kunden sogar ihren Stoff selbst mit. „Nach der Wende haben sie ihn dann wieder abgeholt. Was vorher super war, war plötzlich nichts mehr wert“, erinnert sich Thea Seiler an die Unsicherheit nach dem Systemwechsel. Sohn Markus machte erstmal Abitur, startete 1994 dann aber doch seine Lehre im elterlichen Betrieb.

Gemäldegalerie statt Google

Der war inzwischen dabei, sich mit historischer Kleidung ein weiteres Standbein neben der Trachten- und Landhausmode zu schaffen. Für die 475-Jahr-Feier von Marienberg haben die Seilers erstmals zwei aufwändige historische Gewänder genäht, denn zur Festwoche sollten Stadtgründer Herzog Heinrich der Fromme und seine Gattin Katharina leibhaftig auftreten. „Damals konnte man noch nicht in Google recherchieren. Aber in der Dresdner Gemäldegalerie hängt ein lebensgroßes Ölgemälde der beiden“, erzählt Markus Seiler, der damals in der Landeshauptstadt die Berufsschule besuchte. Das Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren und ein Buch über die Modegeschichte der Renaissance lieferten die Vorlage für die Arbeit.

250. Geburtstag Alexander von Humboldt

Die historischen Kleider für das Herzogpaar und für Alexander von Humboldt bilden die Höhepunkte im Schaffen der Seilers, genauso wie das lebensgroße Maskottchen für den Tag der Sachsen oder der Alterssimulationsanzug, den sie für die TU Chemnitz gefertigt haben. Mit solchen Anzügen arbeiten zum Beispiel Designer in der Automobilindustrie, um seniorentaugliche Fahrzeuge zu entwickeln. „Uns sind solche Herausforderungen immer willkommen. Es macht einfach Spaß, aus dem Alltag auszubrechen und seinen Kopf anstrengen zu müssen“, sagt Markus Seiler.

Viel Denkarbeit haben die Seilers auch investiert, als sie schon um die Jahrtausendwende auf CAD-Technik setzten – zu einer Zeit, als softwarebasiertes Konstruieren und Modellieren in der Textilbranche noch eine Domäne der Industrie war. Zeitgleich absolvierte Markus Seiler die Meisterschule in München und Chemnitz, die er 2001 abschloss. Im vergangenen Jahr hat er den elter­lichen Betrieb übernommen, in dem Bergmannsuniformen inzwischen eine zentrale Rolle spielen und Träger in der ganzen Welt gefunden haben.

Studenten im Bergkittel

So wurde etwa die ehemalige Präsidentin von Chile, Michelle Bachelet (heute Hohe Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen), mit einem Ehrenbergkittel eingekleidet, ebenso wie der vietnamesische Wirtschaftsminister. Aber auch sächsische Landes- und Lokalpolitiker zeigen sich im Erzgebirge gern in bergmännischer Tracht.

Bergmannsuniformen aus der Seiler’schen Nähstube finden sich dank der internationalen Studenten in Freiberg zudem in den USA, Nigeria, Taiwan, Laos oder Indien wieder. Denn es gehört zur Tradition, dass die Nachfahren Humboldts an der Bergakademie ihre Abschlussarbeiten im Habit ihres künftigen Berufsstandes verteidigen.

Buchtipp

Das Geologie-Studium Humboldts in Freiberg dauerte zwar nur acht Monate, war aber für seine Forscherlaufbahn von großer Bedeutung. Das wird auch in der Biografie von Andrea Wulf deutlich, etwa wenn Humboldt auf seinen Reisen durch Südamerika oder Russland immer wieder Bergwerke inspizierte.

250. Geburtstag Alexander von Humboldt

In dem Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ zeichnet die Historikerin nicht nur den Lebensweg des wohl berühmtesten Wissenschaftlers seiner Zeit nach. Wulf lässt ihre Leser förmlich in jene Zeit eintauchen, nimmt sie mit an den Valenciasee in Venezuela, wo der 31-jährige Humboldt schon 1800 vor Klimaveränderungen infolge menschlichen Handelns warnte. Sie stellt Humboldts unglaubliches Netzwerk vor, schildert den geistigen Austausch mit Goethe, seinen Einsatz gegen die Sklaverei beim amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson, seinen Einfluss auf den Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin, den südamerikanischen Freiheitskämpfer Simon Bolivar oder auf Henry David Thoreau, der mit seiner Aussteigerbibel „Walden oder das Leben in den Wäldern“ zum Idol der Nonkonformisten aufstieg.

So flimmert im Lauf der Lektüre Kopf­kino vor dem inneren Auge auf, in das viele interessante Details eingeflochten werden wie der Hinweis auf Jeffersons Leidenschaft für das Handwerk. Der geistige Vater der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bewahrte in seinem Arbeitszimmer einen Satz Schreinerwerkzeuge auf, erfand ein drehbares Bücherregal, verbesserte Schlösser und Uhren, hat Wulf bei ihren Recherchen herausgefunden. Wie sie die Fülle an Fakten mit Humboldts Wirken verknüpft, macht die Biografie kurzweilig und lesenswert. ste

Das Buch kann online unter www.holzmann-medienshop.de/dhz bestellt werden

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