Mittelfranken -

EuroSkills 2018 Das war, wie wenn „der Club“ ein Tor schießt

Der Stuckateurmeister Alexander Schmidt gewinnt Gold bei den Europameisterschaften in Budapest.

Wie ist das so, jetzt wieder im Büro zu sitzen? Gerade steht man noch auf dem Treppchen. Messehalle Budapest: Tausende Menschen jubeln einem zu, die Lasershow zuckt von der Bühne über das Publikum, in den Händen die Goldmedaille. Tosender Applaus erfüllt die Luft. Es regnet Glitzer. Gold bei den Europameisterschaften. Gold für die Stuckateure. Gold für Alexander Schmidt!

Wieder zuhause

Und dann? Büro. Großharbach. Betrieb der Eltern. Der Schreibtisch der Mutter, an dem Europas bester Stuckateur probeweise sitzt, während sie nicht da ist. Einige Einsätze auf der Baustelle. Einfamilienhäuser. Alltag. „Das ist schon eine Umstellung“, gibt der 22-Jährige zu. Schließlich hat er die vergangenen zwei Jahre vor allem trainiert. Für die Meisterprüfung. Für die WorldSkills. Und jetzt für die EuroSkills. Seminare, Workshops, mentales Training und natürlich „üben, üben, üben“ bestimmten den Alltag. Ab 26. September konnte er in der großen Budapester Messehalle dann zeigen, was er kann.

Vier Module. 18 Stunden. Drei Tage. Darauf lief das ganze Training hinaus. Erst musste er eine feststehende 2x2-Meter-Trockenbaukonstruktion mit verschiedenen Tür- und Fensteröffnungen sowie freitragender Decke aufbauen, dann eine Stucksäule fertigen und ansetzen und dann die Trockenbaukonstruktion verspachteln. Besonders freute er sich aber auf Modul 4: Freestyle. Zwei Stunden hatte er Zeit. Die Idee, Natursteine zu imitieren, das Ganze mit der ungarischen Flagge zu garnieren und jedem Teilnehmerland einen goldenen Stern zu widmen, kam von ihm.

„Das war schon ein Risiko“, sagt Josef Gruber, Ausbildungsmeister der Handwerkskammer für Mittelfranken und Experte – sprich: Prüfer – bei den EuroSkills. Klar. Alex hatte im Vorfeld mit seinen Trainern gesprochen. „Es ist schon etwas Neues gewesen. Das hätte auch schiefgehen können. Aber es war stark“, freut sich Gruber. Er hatte seinen Schützling in Budapest natürlich nicht beurteilen dürfen. Nur auf ein paar Meter konnte er sich während des Wettkampfs dem Deutschen nähern. Musste stattdessen die anderen zehn Nationen bewerten.

„Vor allem die Russen und die Franzosen waren wirklich gut“, erinnert er sich. Der französische Prüfer wiederum, der sich an Alex Stand ansah, was der junge Mann ablieferte, schüttelte nur den Kopf und zuckte mit den Schultern, als der Champion mit seinem Freestyle begann. Schmidt hat dafür aber Verständnis: „Am Anfang macht das wirklich nicht viel her. Erst, wenn ich anfange die oberste Schicht herauszukratzen.“ Da gab es dann auch das ersehnte lobende Kopfnicken. „Man versucht natürlich, die Wettbewerber nicht anzusprechen oder nachzufragen, wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, um sie nicht in ihrer Konzentration zu stören“, führt Josef Gruber aus.

Nicht nach anderen umsehen

In diesem Fall störte den jungen Stuckateurmeister die Irritation der Experten nicht. Er war sich seiner Sache sicher. Dabei war das eigentlich seine Schwachstelle: „Die meiste Angst hatte ich davor, dass ich mich verunsichern lasse, wenn ich immer nach links und rechts blicke, was die anderen machen“, gibt er zu. Insofern war er über seinen Platz mehr als zufrieden. Am Rand. Mit nur einem Nachbarn. Und den ignorierte er geflissentlich.

Keine Panik also von dieser Seite. Und die Besucher? Immerhin strömten 100.000 Menschen in diesen Tagen durch die Hallen und sahen bei der Europameisterschaft der Berufe zu? „Eigentlich konnte ich die komplett ausblenden. Nur, wenn etwas schiefging. Dann habe ich mich schon gefragt, was die sich jetzt denken“, gibt Alex zu. Unter diesen Besuchern war auch Frank Schweizer. Einer seiner Trainer beim Nationalteam der Stuckateure, das in voller Mannschaftsstärke zur Unterstützung des Kollegen angereist war. So wie die Freundin, die Eltern und der 87-jährige Opa.

Lieber Fünfter als Vierter

Schweizer versorgte Josef Gruber auch immer wieder mit Informationen: „Jetzt ist der Alex bei 120 Prozent Leistung“, berichtete er zufrieden, als der seine Stucksäule im Speedmodul in zwei statt drei Stunden fertig hatte. Der hatte mittlerweile so viel von den anderen gesehen, dass er schon zweifelte. „Bitte keinen vierten Platz, das ist so undankbar. Da wäre mir sogar der fünfte lieber“, dachte er.

Als ihm der Schweizer Kollege das vorläufige Ergebnisblatt zeigte, konnte er es nicht glauben. Ging erst mal nach draußen. Atmete tief durch. Deutschland ganz oben. Erste Stelle. „So richtig, habe ich es tatsächlich erst geglaubt, als alle Experten unterschrieben hatten“, gab er zu. 0,527 Punkte – bei 100 zu vergebenden – trennten Alexander Schmidt von seinem französischen Kollegen. Als er erzählt, wie er auf das Treppchen gerufen wurde, fehlen ihm dann doch ein bisschen die Worte. „Das war, wie wenn der Club ein Tor schießt“, beschreibt er es dann.

Und jetzt? Jetzt ist eben wieder Alltag. Aus dem Nationalteam muss er ausscheiden. Wegen seines Alters und weil die Teilnahme auf zwei Jahre begrenzt ist. „Aber diese Zeit, diese Gefühle, diese Erfolge kann mir keiner mehr nehmen“, sagt der Stuckateur. Und außerdem kommen ja bald die Neuen ins Team. Und die brauchen jemanden, der ab und zu vorbeikommt und ihnen erzählt, wofür sie so hart arbeiten. Und wie es sich anfühlt, ganz oben zu stehen.

Für Josef Gruber geht es schneller weiter: Nach den Skills ist vor den Skills. Der Bundesverband hat ihn gebeten, auch bei den WorldSkills als Prüfer bzw. Experte dabei zu sein. Für Deutschland. Die wären dann in Kasan in der russischen Republik Tatarstan. Viel zu weit weg von Großharbach. Denn dort freut sich des Europameisters Freundin. Die hatte es auch nicht leicht in den vergangenen Wochen. Zu groß war die Anspannung. „Sie meinte wohl, ich wäre ein wenig unleidlich gewesen“, gibt Alex grinsend zu.

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