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Bernds Bikes vom Bodensee Diese Fahrräder passen in jedes Auto

Die Fahrräder von Thomas Bernds lassen sich dank eines ausgeklügelten Faltmechanismus überallhin mitnehmen. Sogar das Tandem passt in den Kofferraum eines VW-Golf.

Thomas Bernds ist ein Verrückter – in positivem Sinne. Seit seiner Kindheit drehte sich bei ihm alles um das Fahrrad. Während andere sich zum Fußball trafen, baute der leidenschaftliche Tüftler in der Grundschulzeit aus zwei alten Rädern sein erstes Tandem zusammen. Da lag es auf der Hand, dass Bernds sein Hobby zum Beruf macht. Nach der Ausbildung zum Schlosser und eines Maschinenbaustudiums erfüllte sich Bernds seinen Traum. Er spezialisierte sich auf Falträder – in allen Formen und Farben. Ob Lastenrad, Dreirad, Tandem oder klassisches Zweirad – die Firma in Überlingen am Bodensee bietet alles aus einer Hand.

Nische in der Nische

Vom klassischen Fahrradhersteller unterscheidet sich Bernds in vielerlei Hinsicht. Jedes seiner Modelle lässt sich so kompakt zusammenlegen, dass es bequem in den Kofferraum eines VW Golfs passt. Und jedes seiner Räder kann genau auf die Wünsche seiner Kunden angepasst werden. "Mit unserem Geschäftsmodell sind wir Nische in der Nische", sagt Thomas Bernds, der sich mit seinem Unternehmen ein Alleinstellungsmerkmal aufgebaut hat.

Entstanden ist die Firma vor 26 Jahren. Bernds wollte ein Faltrad bauen, das alle Ansprüche eines klassischen Fahrrads erfüllt und sich genauso gut fährt. Zudem sollte es sich bequem überallhin mitnehmen lassen und von jemandem mit zwei Metern Körpergröße genauso gut gefahren werden können, wie von jemandem mit 150 kg Körpergewicht.

Einige Zeit ist vergangen, bis seine Entwicklung gut genug war, um sie an den Kunden zu bringen. Bis heute arbeitet Bernds weiter daran, sein Faltrad zu perfektionieren. "Unsere aktuellen Modelle kann jemand mit zwei linken Händen in 30 Sekunden zusammenklappen und in sein Auto packen", sagt Bernds. Die Ideen für seine Falträder setzt Bernds inzwischen volldigital mit entsprechender Software am Computer um. Mit ­3D-Modellen lässt sich das spätere Faltrad bis ins kleinste Detail entwerfen. Nur noch in seltenen Fällen muss ein echter Prototyp des Rades gebaut werden.

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Aus dem Grundmodell stellt sich der Kunde aus einer Art Baukasten mit verschiedenen Rahmenlängen, Satteln, Lenkern, Schaltungen, Bremsen und Lichtanlagen sein persönliches Fahrrad zusammen. Von der Bestellung bis zur Abholung vergehen etwa zehn bis zwölf Wochen. Dabei werden im ersten Schritt die benötigten Teile für das Rad über eine Stückliste erfasst, auf die Bernds Mitarbeiter über ein iPad zugreifen. Danach findet ein Abgleich mit dem Warenwirtschaftssystem statt, um fehlende Teile nachzubestellen. Ist die Vormontage abgeschlossen, werden die Räder in einer in der Nähe ansässigen Firma mit einer Pulverbeschichtung versehen. Im nächsten Schritt erfolgt in Bernds Werkstatt die Feinarbeit. Lager eingepressen, Gabeln einbauen, Flächen nachfräßen und Hülsen eingekleben, zählen zu den typischen Arbeitsschritten. Danach werden Rahmen und Teile zusammengebaut. Zum Schluss erfolgt die Endabnahme und Probefahrt. "Wir geben kein Rad heraus, das wir nicht bis ins kleinste Detail getestet haben", sagt Bernds.

Qualität statt Masse

Oberste Prämisse für Bernds ist dabei die Qualität. Ob bei den einkauften Materialien, der Fertigung durch seine Zweiradmechatroniker oder der persönlichen Kundenberatung, gespart wird hier an nichts. Damit grenzt sich Bernds bewusst von den Massenherstellern ab, denen es vor allem um niedrige Produktionskosten und hohe Stückzahlen gehe, wie Bernds sagt. "Wir nehmen uns auch mal drei bis vier Stunden für die Beratung eines einzelnen Kunden Zeit", erklärt der Chef, der nicht viel von Billigrädern aus Fernost hält: "Ein Fahrrad für 300 Euro ist fabrikneuer Schrott", findet Bernds.

Entsprechend zielt er mit seinen Produkten nicht auf die Masse ab, sondern vor allem auf zwei Kundengruppen. Einerseits die Fahrrad-Enthusiasten, die jahrelang auf ein Bike von Bernds hin sparen und anderseits die Wohlhabenderen, die ohne lange zu überlegen ein paar tausend Euro für ein neues Fahrrad ausgeben können. Das günstigste Tandem in Bernds Sortiment kostet etwa 3.050 Euro. Wer besondere Ausstattungsmerkmale wie ein 14-Gang-Fahrradgetriebe von Rohloff oder einen Elektromotor wünscht, kommt schnell in den fünfstelligen Bereich.

Bekannt auch ohne Marketing

Bernds innovative Falträder sind unter Fahrradkennern längst weltweit ein Begriff. Sogar in Blogs in Australien oder Japan wird über die neuen Modelle der Firma diskutiert. Zusätzliche Bekanntheit haben Auszeichnung wie der renommierte IF-Produktdesign Award, die Aufnahme in den Manufactum-Katalog oder auch in den Webshop der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gebracht. So braucht Bernds gar nicht viel Geld ins Marketing investieren.

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Seine Messebesuche hat Bernds deutlich reduziert und ist viel lieber auf kleineren Veranstaltungen mit einem Fachpublikum präsent, das bereit ist, für ein hochwertiges Rad einen entsprechenden Preis zu zahlen. Von der Leitmesse Eurobike in Friedrichshafen hat sich Bernds hingegen verabschiedet, weil die Messe nicht zu seinem Kundenstamm passt und aus seiner Sicht zu sehr auf Massenhersteller zugeschnitten ist, von denen sich Bernds bewusst distanzieren will.

Die Leute finden auch so in das Geschäft, das er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und gleichberechtigen Geschäftsführerin Michaela Buchholz vor fünf Jahren von Detmold nach Überlingen an den Bodensee verlegt hat. Der Umzug in den Süden, für den sich die beiden eigentlich aus privaten Gründen entschlossen hatten, zahlt sich inzwischen auch aus geschäftlicher Sicht voll aus. "Viele unserer Kunden verbinden ihren Urlaub mit dem Fahrradkauf bei uns. Zudem haben wir hier am Bodensee optimale Radwege für Probefahrten", sagt Thomas Bernds.

Faltrad im Flight Case

Wer den Weg bis nach Überlingen scheut, hat die Möglichkeit, bei seinem örtlichen Händler ein Fahrrad von Bernds zu testen. Die stehen allerdings nicht im Geschäft bereit, sondern ­werden auf Anfrage zusammengefaltet in einem Flight Case per Spedition aus dem Firmensitz in Überlingen verschickt. "Sowohl dem Händler als auch dem Interessenten entstehen für die Probefahrt keine Kosten. Erst beim Kauf muss der Kunde bezahlen und der Händler erhält eine Umsatzbeteiligung", erklärt Bernds das Geschäftsmodell.

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50 Prozent seines Geschäfts macht Bernds inzwischen über die Händler. Der Verkaufsschlager im Segment ist das klassische Faltrad, während das Tandem den höchsten Umsatz einbringt. "Unser Tandem hat den tiefsten Durchstieg aller Modelle am Markt. Damit haben wir neben dem Faltmechanismus ein weiteres Alleinstellungsmerkmal", sagt Bernds. Besonders bei Behinderten und Personen mit Seh- oder Herzschwäche sei das Tandem beliebt, weil ein gesunder Fahrer auf dem vorderen Sitz die Schwäche eines Fahrers mit Handicap auf dem hinteren Sattel perfekt ausgleichen könne.

Über alle im Sortiment angebotenen Räder hinweg beobachtet Thomas Bernds eine steigende Nachfrage nach Elektrobikes. "Das Vorurteil, dass ein Elektrofahrrad nur etwas für Rentner oder unsportliche Menschen ist, gilt nicht mehr. Inzwischen hat jedes zweite verkaufte Modell einen Elektromotor", sagt Bernds.

Mit dem Faltrad nach Peking

Immer wieder erreichen ihn spannende Geschichten, was seine Kunden mit ihren Elektro-Falträdern erlebt haben. Einer ist mit seinem elektrischen Faltrad schon quer durch Australien gefahren. Ein Pärchen wiederum hat mit seinem Tandem rund 6.500 Kilometer von Weißrussland nach Peking zurückgelegt. "Das Praktische ist, dass unsere Räder so kompakt sind, dass ich sie fast überall mitnehmen kann. So kann ich auf einer Reise zwischendurch eine Teilstrecke im Auto, Zug oder Flugzeug zurücklegen und dann wieder aufs Faltrad steigen."

Mit seinem Geschäftsmodell ­Nische in der Nische kann sich Bernds gegenüber den großen Anbietern gut behaupten. Die Auftragsbücher sind voll und seine Mitarbeiter für Wochen ausgelastet.

Ausruhen will sich Bernds darauf nicht. Derzeit werden die Geschäftsräume umgebaut und erweitert. Auch neue Ideen gehen dem Tüftler nicht aus. Gerade denkt er über ein paar "abgedrehte Modelle" als Sonderanfertigungen nach, die dann beispielsweise an besonderen Plätzen ausgestellt werden könnten. Mehr dazu verraten will Bernds noch nicht.

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