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Europas größte Holzachterbahn Das Ohr am knackenden Riesen

Für Europas größte Holzachterbahn "Colossos" ist Zimmermannsarbeit der besonderen Art gefragt.

Colossos
Die Holzachterbahn "Colossos" im Heide-Park Soltau ist auch heute noch konkurrenzlos. Keine reine Holzachterbahn in Europa ist größer. -

Es ist 6 Uhr morgens. Für Zimmermann Carsten Hennig beginnt der Arbeitstag in 60 Meter Höhe. Geschützt mit Helm, Klettergurt und Seilen macht er sich auf den Weg über dünne Holzplanken und schmale Laufstege. Er klopft auf Bretter, prüft Schrauben und Dübel. Carsten Hennig wartet eine der größten Holzachterbahn der Welt. Er arbeitet im Handwerkerteam des Heide-Parks Soltau und ist gemeinsam mit einem Kollegen aus der Elektronikabteilung dafür zuständig, dass "Colossos" jeden Tag mängelfrei und sicher gestartet werden kann.

Die Rekordachterbahn übertrumpft alle anderen Holzachterbahnen in Europa mit ihrer Höhe von 60 Meter. 120.000 einzelne Holzteile bzw. 3.000 Kubikmeter Konstruktionsholz wurden hier verbaut – aus Metall sind allein die Schrauben und Kufen der Laufschienen. Die Bahn umfasst insgesamt eine Strecke von 1,5 Kilometer und erreicht eine Geschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde.

Auf Klettertour

Drei Stunden hat das Handwerkerduo mit Carsten Hennig Zeit, um den täglichen Sicherheitscheck durchzuführen. Dabei prüfen sie sowohl die Holzstege und Fahrschienen als auch die elektrischen Leitungen. Doch bei diesem Job reicht allein die berufliche Qualifikation nicht aus. Wohl kaum ein anderer Zimmermann und auch kein anderer Elektriker braucht für seine tägliche Arbeit einen Kletterkurs. Für das "Colossos"-Team war er Pflicht. "Wir wurden richtig hart rangenommen", erzählt Hennig, "wir haben die gefährlichen Situationen geübt, das Klettern und vor allem das gegenseitige Absichern". Damit sind sie für die tägliche Klettertour gut vorbereitet. "Es gibt hier ein paar Stellen, die immer im Schatten sind und auf denen sogar Moos wächst", sagt der Zimmermann und zeigt in die Höhe entlang der abertausenden Holzstreben, "da ist es richtig rutschig und wackelig".

Nachdem die beiden die komplette Strecke einmal abgeklettert sind, starten sie die Elektronik einmal durch und lassen die beiden Züge einen Leerdurchlauf fahren. Mehrmals im Jahr wird der Holzriese dann einem zusätzlichen Intensivcheck untezogen. "Bevor die Saison im Frühjahr losgeht, steht natürlich auch immer die TÜV-Abnahme an“" sagt Dirk Loppnow, der als zuständiger Bauingenieur die Fahrgeschäfte im Heide-Park betreut, "dann kommen die Mitarbeiter vom TÜV-Süd, die sich auch um die Fahrgeschäfte auf dem Münchener Oktoberfest kümmern – von der Abteilung fliegende Bauten", ergänzt er und lacht. Aufwendige Reparaturen legen die Holzbauer wenn möglich auf den Winter.

Für das Publikum ist der Heide-Park zwar nur von März bis Oktober geöffnet, für die Handwerker geht es jedoch den ganzen Winter weiter. "Auch bei Schnee und Eis gibt es hier viel zu tun", betont Loppnow, "im vergangenen Winter, als die Temperaturen extrem niedrig waren, haben wir Zelte über Teile der Fahrgeschäfte gestellt, unter denen unsere Handwerker dann weitergearbeitet haben".

Die Witterungsbedingungen haben auch auf die Holzachterbahn selbst großen Einfluss, da die Bahn bei jedem Wetter ungeschützt ist. "Wenn es regnet, wird die Bahn schneller“" erklärt der Ingenieur, "dafür knackt es im Sommer auch manchmal ganz schön laut". Und genau dieses Knacken muss Carsten Hennig besonders im Auge bzw. Ohr haben. Wenn er der Holzachterbahn am Nachmittag zum zweiten Mal einen Besuch abstattet, dann nimmt er ein paar "Hörproben" in laufendem Betrieb. "Man kann hören, wenn etwas nicht in Ordnung ist", verdeutlicht er. Wenn es in einer Kurve öfters als normal knackt, kommen Beregnungsanlagen zum Einsatz, denn nichts sei schlimmer, als wenn die Bahn austrocknet. "Meistens reicht das schon, die Bahn besteht eben aus Holz und das lebt", erklärt Hennig. Wenn er seine Aufgaben an der Achterbahn beendet hat, beginnt er mit anderen Zimmermannsarbeiten, die im Park anfallen.

Alleingang unmöglich

Das Handwerkerteam des Heide-Parks besteht insgesamt aus rund 100 Mitarbeitern. Tischler, Zimmerer, Schlosser, Gärtner, Klempner, eine Kfz- und eine Elektroabteilung gehören dazu. "Wir haben hier eigentlich alle Gewerke, die es auf dem Bau gibt. Das ist einmalig in einem Freizeitpark in Deutschland", sagt Loppnow.

Jeden Morgen die gleiche Runde, jeden Morgen drei Stunden lang, trotzdem findet Carsten Hennig seinen Job keineswegs eintönig. Strahlend erzählt er von seiner Arbeit: "Auch wenn ich jeden Morgen erst einmal mit derselben Arbeit beginne, wird es mir nie langweilig." Vor allem, dass er viel Verantwortung habe und dass die Teamarbeit so wichtig sei, gefällt ihm. "Ein Alleingang geht hier nicht", resümiert der Zimmermann, der bereits seit 13 Jahren im Heide-Park angestellt ist.

Den eigentlichen Bau der Bahn im Jahr 2000 führten jedoch nicht die Parkhandwerker aus. Dies übernahm der Zimmereibetrieb Cordes aus Rotenburg bei Soltau. Für die Mitarbeiter von Ulf Cordes war es das erste derartige Projekt. Mittlerweile kennen sie sich aus im Achterbahnbau. Nach "Colossos" folgten bislang drei weitere Holzachterbahnen: Die Bahnen "Balder" in Schweden, "El Toro" in den USA und "Mammut" im Erlebnispark Tripsdrill in Heilbronn. "Wir hatten damals Glück, dass der Parkbesitzer unbedingt eine Firma hier aus der Gegend mit dem Bau beauftragen wollte", sagt Ulf Cordes, "eigentlich werden für solch ein Projekt immer Spezialfirmen genommen – meistens aus den USA, da die Amerikaner beim Achterbahnbau schon mehr Erfahrung haben". Der ursprüngliche Ansatz von Hans-Jürgen Tiemann, dem Gründer des Parks, war es jedoch, die regionale Wirtschaft mit einzubeziehen. "Deutsche Achterbahnbauer sollten gemeinsam mit hier ansässigen Zimmermännern ein Kunstwerk aus Holz erschaffen", beschreibt Loppnow. Schließlich habe der Holzbau gerade auch in Nordeuropa eine besondere Tradition.

Mehr als nur drei Etagen

Für die beteiligten Zimmermänner war der Bau eine besondere Herausforderung: "Normalerweise sind sie es gewohnt, in einer Höhe von drei Stockwerken eines Wohnhauses zu arbeiten, aber nicht höher", skizziert Loppnow die Arbeitsbedingungen. Bei der Achterbahnbaustelle mussten sie jedoch 60 Meter hinauf. "Das war schon eine große Umstellung", sagt auch Cordes. Hinzu kam, dass die Arbeiten im Winter stattfanden, da die Bahn pünktlich zum Saisonstart fertig sein musste. In nur acht Monaten Bauzeit schafften sie es jedoch, den Holzriesen aufzustellen, so dass "Colossos" im Jahr 2001 der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte.

"Colossos" ist auch heute noch konkurrenzlos. In Deutschland gibt es zwar auch andere Holzachterbahnen, keine sei aber in ihren Ausmaßen mit dem Riesen in Soltau vergleichbar, sagt Loppnow. Und auch europaweit gesehen gibt es keine wirkliche Konkurrenz. Die Bahn gilt auch heute noch als die größte Holzachterbahn Europas.

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