Branche -

Marktkonzentration im Handwerk Das Leid der mittelgroßen Betriebe

Im Handwerk geht eine Schere auseinander: Große Unternehmen werden größer, während zugleich die Zahl der Minifirmen wächst. Welche Chancen haben mittelgroße Handwerksbetriebe noch?

Das Handwerk in Deutschland durchläuft derzeit eine Entwicklung, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt. Große Unternehmen werden immer größer, und zugleich wächst die Zahl soloselbständiger Handwerker. Immer schwerer dagegen haben es mittelgroße Betriebe, die einst so typisch waren für das Handwerk in Deutschland – Unternehmen mit einer Handvoll Gesellen und Lehrlingen. Fachleute sprechen von einer Marktkonzentration im Handwerk.

Kleinere Betriebe verschwinden zunehmend, vor allem im städtischen Umfeld. Sie gehen in größeren Filialbetrieben und Ketten auf oder müssen sich der Konkurrenz aus der Industrie geschlagen geben. Besonders betroffen sind das Kraftfahrzeuggewerbe, Bäcker und Fleischer, Augenoptiker und Hörakustiker (siehe Grafik unten sowie Seite 5). Seit Jahren zeigt sich dieser Trend im Handwerk.

"Die Polarisierung der Betriebsgrößen ist bei uns besonders gegeben", bestätigt Oskar Vogel, Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT). Die Spreizung bei den Betriebsgrößen sei im Südwesten auffällig. "Den Trend zum Kleinstbetrieb sehen wir in allen Bundesländern. Doch gerade in Baden-Württemberg können wir feststellen, dass auf der anderen Seite die Betriebe immer größer werden."

Mangel an Fachkräften

Diese Spreizung in besonders große und kleine Unternehmen hat nach Analysen des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) mehrere Gründe. Ein bedeutender Einschnitt war der Wegfall der Meisterpflicht im Jahr 2004. Damals entstanden abertausende Kleinstbetriebe, zum Beispiel bei den Fliesenlegern.

Andererseits erschwert vor allem kleineren Betrieben der Mangel an Fachkräften laut Katarzyna Haverkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom ifh, ihre offenen Stellen zu besetzen oder das Unternehmen an einen Nachfolger zu übergeben. Einige Betriebe seien deswegen personell trotz steigendem Umsatz nicht gewachsen – es fehle schlicht der Nachwuchs. In jüngerer Zeit kommt es immer wieder vor, dass Handwerksbetriebe Mitbewerber übernehmen, um sich personell zu verstärken – und nicht in erster Linie, um Zugang zu neuen Kunden zu erhalten, so Haverkamp. Dadurch verschwinden Firmen vom Markt.

Viele Unternehmen sehen sich aus ökonomischen Gründen zu Wachstum gezwungen, damit Maschinen und Anlagen besser ausgelastet sind. Oskar Vogel verweist auf die industrienahen Zulieferer. Feinwerkmechaniker etwa müssten teure Maschinen kaufen. Wer ein solches Investment wage, müsse zwangsläufig wachsen – damit sich die Anschaffung lohne. "Wenn Betriebe kapitalintensiv produzieren, dann ist das nachvollziehbar." Einen Konzentrationsprozess sieht er auch im Nahrungsmittelhandwerk – für Vogel ein "konsequenter und logischer Prozess hin zu mehr Wettbewerbsfähigkeit".

Die Konzentration hat nach Ansicht von Forschern allerdings auch ihre Schattenseiten. Sie könnte die ohnehin schon schwierige Rekrutierung von Nachwuchs erschweren. Denn der Wegfall handwerklicher Betriebe wirkt sich auf das Ausbildungsangebot aus: Junge Menschen finden regional weniger Ausbildungsmöglichkeiten und sind in der Auswahl eingeschränkt.

Sorge um Handwerkskultur

Die Gewerkschaft IG Metall befürchtet, dass aufgrund der Marktkonzentration ein Stück Handwerkskultur verloren gehen könnte. Der Markt funktioniere überwiegend über den günstigen Preis für den Endkunden. Kleine Handwerksbetriebe hielten diesem Preiskampf nicht immer stand. Die Folge: Klassische Handwerksbetriebe mit fünf, zehn oder 20 Mitarbeitern stehen im Wettbewerb zu großen Unternehmen mit 1.000 Beschäftigten. "Wir stellen diesen Trend insbesondere im Bereich des Kfz- und Elektrohandwerks fest: Die kleine Kfz-Werkstatt, die nicht nur Komponenten austauscht, sondern zudem noch repariert, oder der kleine Elektrofachhandel, der ein Elektrogerät repariert, sind fast schon nicht mehr existent", sagt Gil Carlos, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Allgäu. Das führt laut Gewerkschaft dazu, dass die Spezialisierung auf der Strecke bleibt. Die IG Metall sieht die Sozialpartner in der Pflicht, diesem Trend entgegenzuwirken. "Wir haben die Aufgabe, die Menschen in der Arbeitswelt zu unterstützen und stehen für eine Gesellschaftsordnung, in welcher der Mensch an erster Stelle steht und nicht der Markt", sagt Gil Carlos.

Folgeschäden abfedern

BWHT-Hauptgeschäftsführer Vogel sieht die Handwerksorganisation gefordert, auf die Veränderung der Betriebsgrößen zu reagieren – und künftig verstärkt Angebote sowohl für die ganz kleinen Betriebe als auch für die Großunternehmen anzubieten. Der Gedanke dahinter: Soloselbstständige kämpfen mit anderen Herausforderungen als Handwerksunternehmen mit 50, 100 oder 500 Mitarbeitern. Einige Kammern haben darauf reagiert und legen spezielle Angebote je nach Betriebsgröße auf.

Wie behaupten Sie sich gegen Ketten?

Dominic Zengerle, Geschäftsführer von Zengerle & Riederer Hörsysteme aus Kempten
Mit unserem handwerklichen, inhabergeführten Betrieb sehen wir trotz, oder gerade deswegen eine gute Chance am lokalen Markt als starker Anbieter. Bei uns steht der Kunde im Mittelpunkt, denn die Versorgung mit Hörsystemen ist ein sehr persönliches, auf Vertrauen basierendes Miteinander. Bei uns arbeiten ausschließlich Fachkräfte, das schätzen unsere Kunden. Auch die Corona-Krise haben wir genutzt, um unsere Marktposition zu stärken. Wir haben kurzerhand ein Hörmobil angeschafft, um unsere Leistungen mobil bei unseren Kunden vor Ort anbieten zu können.

Thomas Venus, Friseurmeister aus Freiberg
Große Ketten machen uns eigentlich gar nicht zu schaffen. Wir definieren uns über keine Marke. Wir sind einfach wir selbst. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass sich gerade kleine Betriebe durch Individualität und Qualität vom Mainstream absetzen. So arbeiten wir z.B. im Sommer in unserem Außenbereich. Dienstleistungen wie Permanent Make up, BB Glow Behandlungen und Fotografie bringen uns immer wieder neue Kunden. Zum Großteil ­leben wir von unseren Stammkunden, die uns als fröhliches und kompetentes Team kennen. Dort ist meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg - ein gut bezahlter Mitarbeiter mit einem Chef, der sich auf die gleiche Stufe stellt.

Dirk Ludwig, Metzgermeister aus Schlüchtern
Im Regelfall kann man sich nur am Markt behaupten, wenn das Unternehmen eine klare Positionierungsstrategie besitzt. Diese Positionierung hat im Idealfall eine große Übereinstimmung mit den Bedürfnissen der Zielgruppe. Wirtschaftlich wertvoll ist es zudem, wenn das Marktpotential ebenfalls eine entsprechende Größe hat. Das Handwerk kann sich also vor allem über das Ermitteln der Wünsche und Bedürfnisse der Zielgruppe abgrenzen und sich so klar und einfach am Mark positionieren. Durch die Nähe zu unseren Kunden und die kurzen innerbetrieblichen Entscheidungswege haben wir im Handwerk ganz klar die bessere Ausgangsposition als die großen Ketten oder die Industrie.

Nico Scheller, Bäckermeister aus Grünwald
Wir vermitteln und leben bei der Lokalbäckerei Brotzeit aktiv unsere Firmenphilosophie, die Wert auf hohe Qualität, Nachhaltigkeit und Regionalität legt. Zudem liegen uns die Bedürfnisse unserer Kunden natürlich sehr stark am Herzen, denn sie schätzen mit ihrem Vertrauen in uns letztlich unsere Qualität, Authentizität und unsere Kompetenz im Bäckerhandwerk. Gegenüber großen, industriellen Ketten können wir uns u.a. durch ein hohes Maß an Innovation und Flexibilität abgrenzen, wir sind weniger starr und viel freier in unseren Strukturen. Das Ergebnis: Raum für Kreativität, Vielfalt, Qualität und Innovationskraft.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten