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Zehn Thesen zur Digitalisierung "Das Handwerk lernt nicht schnell genug"

Betriebe müssen sich neuen Bündnispartnern öffnen, um den Anschluss zu halten. Zehn unbequeme Thesen zur Digitalisierung.

Nachfolgende Thesen fassen die Ergebnisse eines Gutachtens zusammen, das Christine Ax im Auftrag des Landtages Nordrhein-Westfalen erstellt hat (Download: www.dhz.net/digitalstudie). Der Fokus der Studie lag bei den Herausforderungen, Chancen und Risiken, die sich für das Handwerk aus den Trends "Digitalisierung" und "Nachhaltigkeit" ergeben.

Ax ist eine exzellente Kennerin des Handwerks und hat viele Bücher und Aufsätze veröffentlicht, die sich mit der Zukunft des Handwerks beschäftigen. Sie leitete die Zukunftswerkstatt des Handwerks an der Handwerkskammer Hamburg und beschäftigte sich schon vor über 15 Jahren mit den Chancen der Digitalisierung. Sie entwickelte unter anderem eine internetbasierte, vernetzte Maßschuhfertigung mit Maßschuhmachern.

Was bleibt vom Handwerk?

1 Die alles entscheidende Frage ist nicht, welche Tätigkeiten im Handwerk digitalisierbar sind, sondern, was von den alten Geschäftsmodellen, Alltagsroutinen, Konsumgewohnheiten, Produkten und Wertschöpfungsketten noch übrig sein wird, wenn die Digitalisierung ihren Siegeszug vollendet hat. Und: Wer oder was danach ist "Handwerk"?

2 Die Geschäftsprozesse von morgen sind überwiegend digital und internetbasiert. Die Start-ups und "Accelatoren" – Risikoinvestment-Fonds, die breit gestreut Start -ups an den Start bringen und bei ihrer Entwicklung fördern – erfinden die Wirtschaft von morgen. Das Handwerk ist derzeit weder Avantgarde noch Teil dieser Bewegung, sondern wird immer mehr zu ihrem "Opfer".

3 Die Digitalisierung schwächt die drei wichtigsten strategischen Marktvorteile des Handwerks:
  • Unikate und kleine Serien können von immer mehr Anbietern an jedem Ort der Welt hergestellt werden.
  • Kundenindividuelle Lösung findet der Konsument inzwischen am einfachsten und schnellsten im Internet. Das Handwerk führt sie in Zukunft im Auftrag der Plattformbetreiber nur noch aus.
  • Die Anbieter, die das Internet mit all seinen Möglichkeiten für sich zu nutzen wissen, umwerben die Konsumenten an jedem Ort der Welt, und zwar ganz persönlich. Räumliche Nähe ist kein Wettbewerbsvorteil mehr.

Wer bekommt wie viel vom Kuchen?

4 Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg ist immer öfter die "Position in der Nahrungskette". Übernehmen die Internet-Geschäftsmodelle die Systemführerschaft und Kontrolle über die Wertschöpfungskette, dann haben sie die Möglichkeit, einen immer höheren Anteil am Ertrag abzuschöpfen. Denn es sind die Plattformbesitzer, die in der Regel darüber entscheiden, wer wie viel vom "Kuchen" abbekommt.

5 Die Infrastrukturdefizite im ländlichen Raum (Zugang zu schnellem Internet, Forschungs- und Entwicklungskapazitäten) sind auch deshalb ein Risiko fürs Handwerk, weil viele leistungsstarke Unternehmen bisher dort die besten Überlebenschancen hatten. Jetzt werden die Karten neu gemischt. Die urbanen Zentren sind kulturell dominant. Sie erfinden die Trends von morgen. Das Internet beschleunigt und unterstützt die Entstehung von Netzwerken – von "digitalen Dörfern" sowohl in den Städten als auch weltweit. Angesichts der Geschwindigkeit dieser Entwicklung ist es auf dem Lande selbst dort, wo der Zugang zum Internet sehr gut ist, schwerer geworden, technologisch und kulturell anschlussfähig zu bleiben.

6 Die Digitalisierung ist theoretisch zwar in der Lage, den Raum zu überwinden und die Peripherie zu stärken – weil sie dezentrale Produktion erleichtert. Praktisch werden diese neuen "Schätze" aber nicht gehoben, weil die Innovationsgeschwindigkeit in den Städten sehr hoch ist. Die hohe Attraktivität der urbanen Zentren führt zu einem "Brain-Drain": Die ländlichen Räume und das Handwerk bluten aus. Da diese Entwicklung sehr schnell und außerhalb der Sichtweite der meisten Unternehmerinnen und Unternehmer im Handwerk geschieht, "denken" und handeln viele Unternehmen zu langsam. Auch weil es dem Handwerk derzeit sehr gut geht. Es wäre wichtig, "antizyklisch" zu investieren und die gute Lage zu nutzen, um Innovationssprünge vorzubereiten und zu wagen.

Hält das Handwerk den Anschluss an kreative Milieus?

7 Das Handwerk lernt nicht schnell genug. Damit es Schritt halten kann, muss es kulturell und mental den Anschluss an die kreativen Milieus und an die Megatrends der Gesellschaft behalten. Und dort, wo der Anschluss verloren gegangen ist, wiederfinden. Die Innovationsgeschwindigkeiten zwischen der breiten Masse der Handwerksbetriebe und den Milieus, die die Digitalisierung der Gesellschaft vorantreiben, passen weniger denn je zusammen. Das führt auch dazu, dass das Handwerk vielerorts von außen neu erfunden wird. Der Trend und das Glück des Selbermachens, die Open-source-Bewegung, kollaborative Geschäftsmodelle, produzierende Designer, Quereinsteiger, die Craft Beer brauen, die vielen kleinen Manufakturen in den urbanen Zentren sind die "Arts- and Crafts-Bewegung" der Gegenwart. Sie sind die Trendsetter, die in vielen Bereichen zeigen, wohin sich die Gesellschaft bewegt.

8 Die digitale Rückständigkeit ist vor allem eine Frage der Mentalität, der Kultur und des Denkens. Das Bild vom Handwerk und seine Rolle in der Wirtschaft und Gesellschaft müssen heute radikaler immer wieder neu gedacht werden. Handwerk braucht und verdient mehr Selbstbewusstsein und ein Bewusstsein seiner eigenen Stärken und Werte. Erforderlich sind weniger Selbstzufriedenheit und auch schonungslose Selbstkritik, Innovation und Kooperation und neue Impulse für die Ausbildung. Das Handwerk muss die Komfortzone verlassen. Die technische, die geistige und die unternehmerische Avantgarde des Handwerks müssen gefördert und gestärkt werden – ohne dass allerdings die traditionellen Tugenden des Handwerks verloren gehen.

Wie lassen sich aus Risiken Chancen machen?

9 Nachhaltigkeit wird wichtiger. Ethischer Konsum wird wichtiger. "Analog", Sinn und Sinnlichkeit, das Glück guter Arbeit, selbstbestimmtes Arbeiten sind gleichsam das Bio von morgen.

10 Zukunft gestalten heißt, Risiken in Chancen zu verwandeln. Das Handwerk sollte sich neuen Bündnispartnern öffnen: der Wissenschaft, der Social-EntrepreneurBewegung, der jungen digitalen Gründerszene, der Nachhaltigkeitsbewegung, den Menschen in seiner Umgebung. Möglicherweise muss man Teile des Handwerks aus zu eng gewordenen Korsetten und Strukturen befreien.

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