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15 Jahre Leonardo "Das Beste, das mir je passiert ist"

"Leonardos" feiern 15 Jahre Austauschprogramm in der Toskana. Als "Erasmus Plus" soll es weitergehen.

"Das Beste, das mir je passiert ist"
15 Jahre freundschaftliche Zusammenarbeit: Hauptgeschäftsführer Claus Munkwitz (Mitte) und der Ehren-­Vizepräsident der Handwerkskammer Roland Wöhr (r.) überreichen Naturfreunde-Präsident Mario Cari die... -

Volterra – ein mittelalterliches Städtchen, das manch einer aus dem Vampir-Roman „Twilight“ kennt. Für viele Handwerker in der Region Stuttgart hat Volterra eine ganz andere Bedeutung: Seit 1999 haben mehr als 300 Teilnehmer des Austauschprojekts „Leonardo da Vinci“ hier nach ihrer Ausbildungszeit erste berufliche Auslandserfahrungen gesammelt. Zum 15-jährigen Bestehen des Programms sind 150 von ihnen gemeinsam mit Vertretern der Handwerkskammer in die Toskana zurückgekehrt.

Ein interkultureller Reifeprozess

„Man muss sich vorstellen: Wir kamen frisch aus der Lehre, waren heiß aufs Schaffen, aber unser größtes Problem war: Wie wäscht man Wäsche?“, erzählt Schreinermeister Martin Schopf aus Lenningen. Der Berufsschullehrer an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen war 2004 beim Leonardo-Projekt dabei. Drei Monate lang lebte und arbeitete er in Volterra. über den Januar besuchte er einen Sprachkurs im Centro Interculturale Villa Palagione.

Der Gebäudekomplex aus der Zeit der Medici liegt mitten in der malerischen Hügellandschaft – da fällt es nicht schwer, in das toskanische Lebensgefühl einzutauchen. In den beiden Folgemonaten wohnte Martin im Naturfreundehaus der „Gruppo Italiano Amici della Natura“ (G.I.A.N.) und arbeitete an der Abdeckung des Orchestergrabens eines Theaters mit. „Dafür musste ich zum ersten Mal einen Auftrag allein planen, Material kalkulieren und einkaufen. Das war damals für mich echt spannend“, erzählt der Schreiner. Für ihn war der Aufenthalt vor allem ein Reifeprozess: „Man war so raus aus allen Routinen daheim, dass man vieles zum ersten Mal richtig hinterfragt hat. Da wurden alte Beziehungen hinterfragt, berufliche Pläne geschmiedet und neue Freundschaften geschlossen.“

„Für mich war das sehr positiv“, stimmt Sebastian Koch ein. „Ich wurde bisher in jedem Bewerbungsgespräch auf das Leonardo-Projekt angesprochen, das kommt sehr gut an.“ Für den Malermeister aus Esslingen war der Austausch auch ein kulinarisches Abenteuer: „Ich habe hier das erste Mal Muscheln gegessen, die waren der Hammer.“ Aber auch ein Wildschweinbraten, geschmort in fünf Litern Wein, ist ihm im Gedächtnis geblieben.

„Die Italiener leben halt zu allererst. Diese Einstellung versuche ich immer wieder zu beherzigen. Auf der Baustelle konnte das aber ganz schön nerven“, erzählt der Malermeister. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern renovierte er 2007 die einstige Markthalle im denkmalgeschützten Palazzo Pretorio im Stadtkern von Volterra. „Die Zusammenarbeit zwischen den Gewerken war einmalig. Da habe ich viele nützliche Kniffe gelernt.“ Das Ausland reizt den jetzigen Produktmanager für Elektrowerkzeug noch immer: „Jetzt noch mal für ein halbes Jahr zurück zu kommen, wäre toll für die Sprachkenntnisse.“

„Was kannst du denn noch?“, wirft Martin ein, „Ich hab‘ extra mein altes Vokabelheft eingepackt!“ Die beiden Männer stürzen sich auf die vollgeschriebenen Seiten und stoßen auf Begriffe wie „fresatrice“ („Fräse“), „levigatrice al nastro“ („Bandschleifer“) oder „pezzetino di legno“ („Ein Stückchen Holz“).

"Ein Magnet, an dem das Herz hängt"

Nach zwölf Stunden Fahrt ist es endlich soweit: „Moby!“ rufen die Teilnehmer im Chor und meinen Gerhard Wahl, der zusammen mit Antonella Stillitano die Villa Palagione leitet und den Leonardos schon zuwinkt. Während der Ankunft und dem Empfang am Abend fallen sich überall Menschen in die Arme und verdrücken hier und da ein Tränchen. „Ich kann mich an jedes Gesicht erinnern, überall glänzen die Augen “, sagt Antonella Stillitano bei der Begrüßung. „Leonardo ist ein Magnet, an dem alle Eure Herzen hängen.“

Wie das von Sandra Feuerecker. Die Kunstglaserin aus Wolfschlugen packt gerade Familienfotos aus. „Seit ich 1999 zum ersten Mal hier war, ist der Kontakt nie abgerissen“, erzählt sie. Besonders nicht zu Mario Cari, dem Initiator des Projektes auf italienischer Seite. „Hier habe ich gelernt, wie schön es sein kann, bei fremden Leuten wie in einer Familie aufgenommen zu werden. Darum bin ich 2000 und 2001 wiedergekommen.“ Vor fünf Jahren war die selbstständige Handwerkerin zum letzten Mal in Volterra und freut sich, wieder hier zu sein: „Das Leonardo-Projekt war mit das Beste, das mir je passiert ist!“

Gelebter europäischer Geist

Mit einem Festakt im Rathaus von Volterra beginnt am nächsten Tag das Festprogramm. Bürgermeister Marco Buselli, Augusto Mugellini, der Direktor der Sparkasse von Volterra, die das Projekt finanziell unterstützt hat, sowie der ehemalige Projektbetreuer und Kammer-Vizepräsident Roland Wöhr und Kammerchef Claus Munkwitz betonen die Bedeutung von Leonardo für Volterra, die Teilnehmer und die Organisatoren.

Nicht zuletzt setzte Roland Wöhr dem Projekt mit einer eigens angefertigten Chronik ein Denkmal. „Wir werden nicht aufhören, wenn es am schönsten ist. Wir sind eine Familie, wir machen weiter!“, bezeugt Claus Munkwitz das Engagement für eine Weiterführung des Austauschs. Das EU-Förderprogramm läuft mit dem Jahrgang 2015 aus, der Antrag auf „Erasmus Plus“-Mittel liegt bei der europäischen Kommission.

„Ihr habt nicht nur überall in der Stadt handwerkliche Spuren hinterlassen, ihr habt Volterra zu eurer zweiten Heimat gewählt. Mit diesem europäischen Geist wollen wir weitermachen“, betont Bürgermeister Buselli. „Im neuen „Erasmus“-Gewand wäre ein Gegenbesuch in Deutschland künftig eine große Chance für unsere Azubis.“ Auch die deutsche Honorarkonsulin in Florenz, Renate Wendt, erwies dem Projekt die Ehre und ermutigte die Leonardos, ein Ehemaligen-Netzwerk aufzubauen.

Als Folker Ebendt von der Fachschule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart-Feuerbach und Mario Cari von den Naturfreunden erzählen, wie die Idee für das Leonardo-Projekt entstand und sich beide mit Herzblut dafür engagiert haben, ernten sie stehenden Applaus. „Es ist nun wichtig, dass aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre etwas Neues für die Zukunft erwächst“, gibt Ebendt den Organisatoren mit auf den Weg. Mit einem Film, den Gerhard Wahl und der SWR aus den Aufnahmen der letzten 15 Jahre produziert haben, endet der Vormittag. Während die offiziellen Delegationen danach bei einem Symposium die Themen duales Ausbildungssystem und Ausbildungsaustausch besprechen, geht es für die Teilnehmer zu ihren alten Baustellen.

Spuren, die bleiben

Erste Station ist die Abtei Baldia Camaldolese aus dem 11. Jahrhundert, in der die deutschen Gesellen mehrere dutzend Fenster über einem Kreuzgang erneuert sowie Steinportale denkmalgerecht freigelegt haben.

Der Renaissance-Bau Villa Giardino gehörte zu den ersten Restaurationsobjekten der Leonardos und dient heute als Ferienunterkunft. Hier hat Sandra Feuerecker vor 15 Jahren bunte Fenster und Schriftzüge in Ätztechnik angefertigt. Im Windfang prangen noch immer Logo und Schriftzug der Commune Volterra.

Das Teatrino Santa Chiara in Ponsacco ist mittlerweile ein Gymnastikraum für die Bewohner des angrenzenden Seniorenheimes. Den Orchestergraben und die Abdeckung gibt es aber noch. Martin Schopf kniet sich gleich hin und begutachtet sein damaliges Werk. „Das hat alles anders ausgesehen hier. Aber die Abdeckung passt noch, sogar dieses Stückchen, das wir hier in der Ecke einsetzen mussten“, erklärt er. Überall, wo die Leonardos seit 1999 gearbeitet haben, hängen Steintafeln zur Erinnerung.

Auf dem Weg zum Abschiedsfest durch die Innenstadt sieht man sie überall an den Palazzi. „Das gibt’s nicht, hier ist ja noch eine!“ ruft Sebastian, als er eine weitere entdeckt. Bürgermeister Marco Buselli hat nicht übertrieben, als er sagte „Volterra ist nicht mehr dieselbe Stadt wie vor Leonardo.“

Mehr Bilder von der Reise, Bewerbungs­infos und weitere Links auf hwk-stuttgart.de/leonardo2015.htm und auf amici-del-leonardo.de. ­Ansprechpartner zum Projekt:
Volker Süssmuth, Tel. 0711/1657-295, volker.suessmuth@hwk-stuttgart.de.

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