Gesundheit -

Drogen am Arbeitsplatz Crystal Meth und Legal Highs: Nach dem Rausch der Absturz

Drogen bei der Arbeit? Der Weltdrogentag am 26. Juni zeigt, dass "psychoaktive Substanzen" längst nicht nur abends oder an Wochenenden konsumiert werden – und auch nicht nur von jungen Menschen. Was für Folgen das hat, wie Arbeitgeber damit umgehen und was sie sonst noch wissen müssen.

2017 starben 1.272 Menschen an den Folgen ihres Konsums illegaler Drogen, zeigt die Statistik des Bundeskriminalamtes; die meisten an den Überdosen von Heroin oder Morphin.

Angestiegen ist auch die Zahl der Todesopfer infolge von psychoaktiven Medikamenten wie Benzodiazepinen, die als Entspannungs- und Beruhigungsmittel (Tranquilizer) oder als Schlafmittel (Hypnotika) verabreicht werden.

Einen Rückgang von Drogentoten gab es bei den Konsumenten von "Legal Highs". Diese oft in bunte, harmlos aussehende Tütchen verpackten Substanzen verkaufen Dealer per Internet unter Begriffen wie Räucher- oder Kräutermischungen, Badesalze, Lufterfrischer, Herbal Highs, Pflanzendünger oder Research Chemicals.

Kiffen unter Jugendlichen weit verbreitet

Anlässlich des Weltdrogentags 2019 warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler davor, dass die Diskussion um eine Legalisierung des vermeintlich ungefährlichen Cannabis am Ziel vorbeiführe. 22 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gaben in der aktuellen bundesweiten Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert haben - eine Steigerung um mehr als drei Prozentpunkte seit 2016.

Einen Rückgang von Drogentoten gab es immerhin bei den Konsumenten von "Legal Highs". Diese oft in bunte, harmlos aussehende Tütchen verpackten Substanzen verkaufen Dealer per Internet unter Begriffen wie Räucher- oder Kräutermischungen, Badesalze, Lufterfrischer, Herbal Highs, Pflanzendünger oder Research Chemicals.

Legal Highs

Legal Highs ahmen die Wirkung von Amphetamin und Ecstasy oder Cannabis nach. Sie werden geschnupft, geraucht, geschluckt oder gespritzt. Die harmlos wirkenden, vermeintlich legalen Drogen enthalten regelmäßig lebensgefährlich hoch konzentrierte psychoaktive Substanzen.  

Die ersten neuen Stoffe dieser Art wurden im Jahre 2008 in der Kräutermischung "Spice" identifiziert und im Jahr 2009 dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Seitdem weichen Hersteller und Händler immer wieder auf neue, in ihrer chemischen Struktur oft nur minimal veränderte psychoaktive Stoffe aus und umgehen das Verbot, informiert das Bundeskriminalamt.

Hersteller und Dealer deklarieren auf den Tüten die enthaltenen Betäubungsmittel oder ähnlich wirkenden, chemischen Bestandteile nicht. Genau das macht diese Drogen so gefährlich. Sie wirken harmlos, doch immer wieder müssen Konsumenten wegen Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen, Muskelzerfall und drohendem Nierenversagen notfallmedizinisch behandelt werden, informiert die Polizei.

Wegen der fehlenden Deklarierung könnten die Wirkungen und Nebenwirkungen überhaupt nicht eingeschätzt werden, warnt das Bundeskriminalamt. Selbst, wer auf ein schon bekanntes Produkt zurückgreift, könne sich über dessen Wirkung nie sicher sein, weil sich die Zusammensetzung laufend ändere.

Bisher umgingen Hersteller das Betäubungsmittelgesetz, indem sie ständig neue Substanzen mischten. Seit November 2016 gilt aber das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG). Dieses Gesetz stellt, anders als das Betäubungsmittelgesetz, nicht nur einzelne Substanzen, sondern ganze chemische Stoffgruppen unter Verbot, derzeit vor allem synthetische Cannabimimetika und Phenethylamine. So fallen auch neue Mischungen unter das Verbot.

Weiterführende Informationen bieten die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Polizei.

Drogen im Handwerk

Dass Drogenmissbrauch bis ins Arbeitsleben hineinstrahlt und welche Auswirkungen das hat, musste Thomas Meier (Name von der Redaktion geändert) erfahren. Der Handwerker kennt sich aus mit der Droge Crystal Meth – wider Willen. “Mein Azubi ist eigentlich ein guter Mechaniker. Aber plötzlich machte er nur noch Mist“, erzählt er.

Statt wie vereinbart eine Gangschaltung an einem Fahrrad einzustellen, baute der Azubi das Vorderrad aus. Immer wieder stand er da, steif wie bei der Armee, zog sich zurück, war ständig krank; allein 2015 fehlte er an 80 Arbeitstagen. Kunden sprachen Meier an: “Der nimmt doch was.“

Crystal Meth bei jeder Party auf dem Tisch

Crystal Meth, offiziell “kristallines Metamphetamin“, ist auf dem Vormarsch. Zwar stellte die Polizei 2015 geringere Mengen des Stoffes sicher als 2014. Doch die Zahl der Todesfälle durch Crystal ist um 26 Prozent gestiegen.

Am stärksten betroffen sind die Nachbarregionen zu Tschechien, wo die Droge hergestellt wird. Hier ist der Stoff relativ leicht und günstig zu haben.

Der Burgenlandkreis, wo Thomas Meier seinen Handwerksbetrieb hat, ist eine Crystal-Hochburg. “Mein Azubi sagt, das Zeug liegt bei jeder Party auf dem Tisch.“ Der Lehrling ist bereits der zweite Mitarbeiter in Meiers Vier-Mann-Betrieb, der durch die Droge ins Straucheln gerät.

Was ist Crystal Meth

Crystal Meth

Kristallines Metamphetamin wird geschnupft, geschluckt, geraucht, inhaliert oder gespritzt. Viele Konsumenten sind schon nach der ersten Einnahme süchtig.

Die Droge macht wach, verursacht ein Hochgefühl, steigert das Selbstvertrauen und den Sexualtrieb.

Negative Wirkungen sind zunächst beispielsweise Hautjucken, Schwindel oder Herzrasen, später Erschöpfung.

Langfristig zehrt die Droge aus, verursacht Psychosen, Panikattacken, Depressionen, schädigt die inneren Organe und das Gehirn.

Partydroge, kein Leistungsbringer

Die meisten Konsumenten fangen mit Crystal an, um nach der Arbeitswoche ihr Bedürfnis nach Erholung wegzudrücken und stattdessen zu feiern.

In der Minderzahl sind Konsumenten, die die Müdigkeit bei der Arbeit hinauszögern wollen. Zu dieser Gruppe mögen Politiker zählen, deren Konsum jüngst öffentlich wurde – aber auch Handwerker, die schwer körperlich arbeiten. Das zeigt eine Befragung unter knapp 400 Konsumenten durch das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg.

Roland Härtel-Petri, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bayreuth, hatte unter seinen Patienten im Laufe der Jahre viele Handwerker, vorwiegend aus Baugewerken. Manche nutzten Crystal, um ganze Wochenenden schwarz durchzuarbeiten. “Aber das waren alles Menschen, die die Droge schon vorher kannten“, betont Härtel-Petri. Es sei ein Irrglaube, der Stoff könne leistungsfähiger machen. Zwar blieben die Konsumenten bis zu 48 Stunden lang wach. Doch das sei eine getriebene Wachheit. “Sorgsames Arbeiten und adäquate Risikoeinschätzung sind so nicht möglich“, stellt der Suchtmediziner fest und berichtet von Unfällen seiner Patienten, die Gefahren nicht mehr richtig einschätzten.

Ausstieg aus der Sucht enorm schwer

Unter Droge können die Süchtigen n icht mehr schlafen. Lässt die Wirkung nach, sind sie vollkommen erschöpft. Entweder, sie nehmen dann die nächste Dosis oder sie schlafen mehrere Tage am Stück.

Viele Konsumenten fangen an, Stoffe zu kombinieren. Sie nehmen freitags Crystal, um feiern zu können, dann Beruhigungsmittel oder Cannabis, um zu schlafen, und montags wieder Crystal, um überhaupt bei der Arbeit zu erscheinen. “Sie arbeiten mit der Droge nicht besser, sie brauchen sie, um überhaupt noch zu funktionieren“, erklärt Härtel-Petri.

Nicht allen Konsumenten sieht man die Sucht an. Manchen gelingt es, nur so viel einzunehmen, dass sie funktionieren, ohne aufzufallen. Andere zeigen Verhaltensänderungen und äußerliche Anzeichen wie Hautkrankheiten oder Zahnverfall.

Entgiftung allein reicht nicht

Thomas Meier war im Dezember 2015 so weit, dass er sich von seinem Azubi trennen wollte. Er hatte sich nach den Hinweisen seiner Kunden bei der Drogenberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes informiert, hatte den Azubi zur Rede gestellt, mit den Eltern gesprochen. Ohne Erfolg.

Erst, als der heute 19-Jährige seine Ausbildung abbrechen wollte, konnten die Eltern ihn zu einer Entgiftung überreden. Heute hat er alle Kontakte zur Szene und seinen Freunden gekappt. Er wird eng von seinen Eltern begleitet und arbeitet wieder in Meiers Betrieb. Er will den Ausstieg schaffen und das zweite Lehrjahr wiederholen. Thomas Meier gibt ihm diese Chance. Er weiß: Jeder macht mal einen Fehler. Er weiß aber auch: Der Ausstieg ist enorm schwer.

Drogen am Arbeitplatz

Eine Untersuchung des Kieler Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung zeigt, dass Azubis im sozialen und gewerblich- technischen Bereich häufiger als andere junge Menschen legale und illegale Substanzen konsumieren.

Dieselbe Untersuchung zeigt aber auch einen Zusammenhang zum Betriebsklima. Jugendliche, die mit ihrer Arbeitssituation zufrieden waren, konsumierten weniger als Unzufriedene.

Folgende Warnzeichen können auf einen Crystalkonsum hindeuten:

  • häufiges Fehlen zu Wochenbeginn (bei allen Suchtkrankheiten)
  • weite Pupillen
  • übertriebenes Tragen von Sonnenbrillen
  • auffällige Gesprächigkeit im Wechsel mit depressiven, gereizten Tagen
  • vermeintliche Ermüdungsfreiheit
  • vernachlässigtes Äußeres und Hautveränderungen.
Wer den Verdacht hat, seine Mitarbeiter könnten Drogen nehmen, sollte sich an den Betriebsarzt, die Berufsgenossenschaft oder eine regionale Suchtberatungsstelle wenden.

Drogentests sind nur in Ausnahmefällen zulässig. Mitarbeiter, die nach Einschätzung des Chefs ihre Arbeit nicht mehr gefahrlos ausführen können, müssen sicher nach Hause oder zu einem Arzt gebracht werden. Spätestens nach einem solchen Vorfall oder auch nach einem Drogenfund im Betrieb, muss der Chef den Mitarbeiter auf das Thema ansprechen und ihm Möglichkeiten, aber auch Konsequenzen, aufzeigen. Rechtlich ist der Chef nicht verpflichtet, die Polizei einzuschalten.

Anlaufstellen zu Drogen und Sucht

Auf die besonderen Aspekte von Drogen in der Ausbildung geht die Initiative “Stark für Ausbildung“ in ihren Wissensbausteinen ein.

Spezialinfos zu Crystal Meth

Die BZgA bietet sehr umfassendes Material zum Thema:

Einen Kurzüberblick über Crystal Meth bietet dieser Flyer.

Ausführliches Informationsmaterial über Crystal Meth für Ausbilder und Lehrer, speziell aufbereitet für Schüler und Azubis der Klassen acht bis zwölf, gibt es in der Infobroschüre: Materialien für die Suchtprävention

Speziell für Multiplikatoren ist diese Broschüre.

Allgemeines Unterrichtsmaterial zu Arzneimitteln gibt es in der Broschüre: Arzneimittel. Sachinformationen zum Thema Arzneimittel und Bausteine für die Suchtprävention in den Klassen 5 bis 10 (BZgA 2015)

Das Land Thüringen hat auf seinen Seiten ebenfalls Aufklärungsmaterial zu Crystal Meth zusammengetragen.

Konkrete Hilfe und Suchtberatung

Die bundesweite Sucht- und Drogenhotline berät rund um die Uhr unter Tel. 01805/313031.

Adressen von Drogenberatungsstellen aus dem ganzen Bundesgebiet .

Das niedrigschwellige Internet-Projekt drugcom spricht drogenaffine Jugendliche über den Freizeitsektor an.

Breaking-Meth ist ein Selbsthilfeprojekt. Es wird vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS) entwickelt und durch das Projekt Drug Scouts aus Leipzig moderiert.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten