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TV-Kritik: WDR zu Betrieben inmitten des Shutdowns Corona-Krise: Welche Ängste den Mittelstand plagen

Was macht die Corona-Krise mit kleinen und mittleren Unternehmen? Diese Frage stellte der WDR in einer Reportage - und lieferte einen umfassenden Einblick in die Finanz-, aber auch Gefühlslage solcher Betriebe inmitten des Shutdowns.

Axel von Hagen bringt mit einigem Unverständnis in der Stimme und im Blick auf den Punkt, was wohl für so viele Betriebe in der Corona-Krise gilt. "Wir sind ein kleiner Mittelständler, wir sind pumperlgesund - und dennoch stehen wir in ein paar Monaten sicherlich vor dieser Situation", sagt der Geschäftsführer eines Messebau-Unternehmens in Blomberg im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe. Und was er mit "dieser Situation" meint, ist auch klar: Es geht ums Überleben der Firma, um Arbeitsplätze - von kaufmännischen Angestellten über Lageristen bis hin zu dem Handwerkern in der Werkstatt sind beinahe alle schon in Kurzarbeit, niemand weiß, wie lange das noch gut geht - und so sieht es derzeit beileibe nicht nur bei von Hagen aus.

Der WDR besuchte im Rahmen einer eilig, aber sehr umsichtig produzierten Reportage Unternehmen, die in der Corona-Krise unter dem Shutdown leiden. Dabei kamen eben Messebauer genauso zu Wort wie Hotel- und Restaurantbesitzer, Bäcker, aber auch Theaterbetreiber. Es war ein Panoptikum des deutschen Mittelstands in der Krise - anschaulich und eindringlich, sachlich im Ton, aber doch mit dem rechten Maß an Mitgefühl angesichts der Schicksale, die gezeigt wurden.

Soforthilfen sind nicht alles

Denn manchmal gleicht das Leben derzeit einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Als etwa der Bescheid über die Soforthilfe in der Post liegt, wird aus der Anspannung bei Ralf und Claudia Weber für kurze Zeit Freude. Das Ehepaar aus Viersen betreibt dort ein Theater, und beide hatten nicht darauf gehofft, dass schon einen Tag nach der Beantragung der Hilfszahlungen auch wirklich der Bewilligungsbescheid eintrifft. "Strike!", entfährt es Ralf Weber, während seine Frau das wichtige Papier in die Kamera hält - doch wie es nach der Zahlung weitergehen soll, das wissen die beiden nicht, denn solche Einrichtungen sind bekanntermaßen derzeit bundesweit geschlossen.

Und Soforthilfe ist auch längst nicht alles, worum es geht. Messebauer von Hagen steht angesichts der Herausforderungen etwa Krediten zur Liquiditätshilfe skeptisch gegenüber. "Da hilft nur Eigenkapital in Form von Subventionen oder Zuschüssen, was immer man sich darunter vorstellen mag", sagt er. Also: Geld aufs Konto, und zwar schnell. Wenn das nicht komme und der Shutdown noch länger anhalte, sehe es düster aus: "Dann sehe ich das Sterben von vielen Unternehmen im Mittelstand, und dann werden wir sehen, welche negativen Auswirkungen eine schlechte Wirtschaft auf die Gesundheit hat, denn ich glaube, diese Alternativrechnung ist noch nicht aufgemacht worden." Und auch ein Messebauer in Herne klagt über die Situation. Geschäftsführer Martin Trawny bringt es klar auf den Punkt: Mit einer Kurzarbeit auf null heruntergefahren, könne sein Unternehmen vielleicht "bis September oder Dezember" überleben, dann sei Schluss, nicht nur bei ihm, sondern "in ganz Deutschland bei ganz vielen".

Politik und Realität - ein scharfer Kontrast

Kontrastiert wurden die Bilder aus der harten Realität mit Aussagen von Politikern zu den Rettungsprogrammen. Das war ein kluger Schachzug der Autoren, denn so wurde der Unterschied zwischen Ankündigung und Umsetzung, zwischen Theorie und Praxis, deutlich. Weitere Glaubwürdigkeit gewann die Reportage durch die Einbindung zweier Stellen, die mit der Verwaltung der Krise beschäftigt sind. Bei der NRW-Bank erzählten Mitarbeiter, das Telefon klingele von morgens bis abends. Aus allen Branchen kämen die Anrufe, "vom Handwerker bis zum Großunternehmer". Man versuche, konkret zu unterstützen.

Das nimmt auch die Arbeitsagentur für sich in Anspruch, und auch dort arbeitet man unter erschwerten Bedingungen. Beratung vor Ort etwa zum Kurzarbeitergeld sei nicht mehr möglich, erzählt ein Teamleiter aus der Agentur in Recklinghausen. Allein während des Gesprächs mit der Journalistin seien neun Anrufe in Abwesenheit hereingekommen, seine kleine Tochter habe er diese Woche vielleicht eine Stunde gesehen. All das kam nie gefühlsduselig daher und wurde nicht mit den existenziellen Sorgen der Unternehmer aufgewogen. Die Episoden aus Bank und Arbeitsagentur rundeten vielmehr das derzeitige Bild eines Landes ab, in dem praktisch jeder vom Shutdown betroffen ist.

"Glatter Genickbruch"

Und auch wer nicht gleich schließen musste, ist am Rotieren oder Verzweifeln. Ein Hotel in Hövelhof bei Paderborn etwa - ein Familienbetrieb in vierter Generation - hat praktisch keine Gäste mehr und versucht sich mit einem Lieferservice des Restaurants über Wasser zu halten, nur noch einer der beiden Azubis arbeitet derzeit in der Küche, weil sie nicht in Kurzarbeit geschickt werden können. Der Lieferservice lohne sich nicht, heißt es, aber man halte die Stellung. Das tut auch eine Bäckerei im bekannten Wintersportort Winterberg - als einziger Laden im gesamten Ort. Man habe nur geöffnet, um die Einheimischen mit Brot und Kuchen zu versorgen - Touristen und Besucher gebe es keine mehr. Und die Inhaberin eines Reisebüros, die derzeit nur Stornierungen bearbeitet, bringt schließlich auf den Punkt, wie viele gerade die Situation erleben: "Glatter Genickbruch".

Ob Messebauer, Bäckerei, Restaurant, die Kreativwirtschaft oder die Tourismusindustrie - so unterschiedlich diese Branchen auch sein mögen, der Corona-Shutdown eint sie in trister Stimmung. Und so bleibt am Ende etwas hängen, das mit dem deutschen Mittelstand eigentlich nicht assoziiert wird: ein Bild von Zukunftsangst und Traurigkeit.

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