Gesundheit -

Interview mit Wolfgang Hien Chronisch krank im Betrieb: Über den Tellerand blicken

Jenseits der Altersgrenze von 50­ Jahren leiden im Schnitt zwei von fünf Personen an mehreren chronischen Krankheiten, häufig mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitskraft. Damit Betriebe diese Menschen nicht verlieren, brauchen sie Lösungen, um die Mitarbeiter trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen gut weiterbeschäftigen zu können. Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler Wolfgang Hien darüber, wie das gehen kann.

DHZ: Herr Hien, wenn jemand im Handwerk unter dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen leidet, führt das letztlich oft zur Berufsaufgabe. Muss das so sein?

Hien: Nein, das wäre schlimm für die chronisch Erkrankten und ein Verlust für die Betriebe, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels. Wenn der Unternehmer die Phantasie und die Bereitschaft hat, neue Wege zu gehen, dann finden sich oft gute Lösungen.

DHZ : Wie können die aussehen?

Hien: Ein klassischer Ansatz ist, dass Mitarbeiter, die nicht mehr schwer heben und tragen dürfen, künftig als Kundenberater arbeiten. Aber ich kenne auch ungewöhnlichere Fälle: Ein junger Dachdecker­azubi durfte aufgrund einer neurologischen Erkrankung nicht mehr aufs Dach. Trotzdem konnte der junge Mann im Beruf bleiben. Die Rentenversicherung unterstützte den Betrieb bei der Anschaffung einer Drohne. Jetzt erstellt er damit Diagnosen von Dächern und entlastet so auch seine Kollegen. Um solche Lösungen zu finden, muss man über den Tellerrand blicken.

DHZ: Viele Unternehmer wären bereit, solche Wege zu gehen, wissen aber nicht wie.

Hien: Deswegen ist eine gute, arbeitsbezogene Beratung so wichtig. Das Sozialgesetzbuch IX zur Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen bietet sehr viele Möglichkeiten der Unterstützung, aber die Betriebe und die Betroffenen kennen sie kaum. Viele Handwerkskammern haben Inklusionsberater, die hier unterstützen. Aber bei den Gemeinden, Kommunen, bei der Rentenversicherung müssten die Kleinbetriebe viel besser beraten werden. Im Grunde sollten schon die Ärzte bei der Diagnose ihre Patienten darüber informieren, dass es Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben gibt. Dann könnten viel mehr Menschen in Arbeit bleiben, statt sich frühverrenten lassen zu müssen.

DHZ: Viele betrachten es als normal, dass man sein Handwerk wegen körperlichen Verschleißes nicht ein Leben lang ausüben kann.

Hien: Das ist für mich eine Unkultur. Ich kannte einen Dachdecker, der sagte: Sein Vater sei mit 50 vom Dach gefallen und er wisse, dass auch er irgendwann vom Dach fallen werde. Prävention hat bei solch einer Einstellung keine Chance, weder beim Chef noch bei den Mitarbeitern. Nur, wenn der Chef seinem Team gesundheitsbewusstes Verhalten vorlebt, nimmt es das auch ernst. Viele Betriebe haben technische Hilfsmittel, die nur herumstehen, weil es auf kurze Sicht schneller geht, ohne sie zu arbeiten. Dabei haben sich auf lange Sicht spätestens nach acht Jahren alle Schutzstrategien amortisiert. Wenn der Chef das weiß und den Zeitdruck vom Team nimmt, ist schon viel gewonnen.

Wolfgang Hien

DHZ: Gerade im Handwerk ist der Zeitdruck oft enorm. Das macht es nicht leichter, eine Schwäche einzugestehen.

Hien: Aber von Präsentismus hat keiner etwas. Wenn Erkrankte ihre Beschwerden ignorieren und immer auf die gleiche Weise weiterarbeiten, dann verschlimmern sie damit ihren Zustand. Dabei hätten sie ein Anrecht auf eine Reha und würden dort lernen, wie sie ihre Arbeitskraft noch möglichst lange erhalten können. Hier braucht es eine andere Unternehmenskultur. Es ist ein Teufelskreis, wenn der Personalmangel zu immer noch mehr Stress und Arbeitsbelastung führt. Die Mitarbeiter werden krank oder kündigen, niemand bewirbt sich mehr. Nur, wenn die Arbeit attraktiv ist, finden die Betriebe ausreichend Fachkräfte.

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