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Wenn das Werkzeug zur Mordwaffe wird Buch-Tipp: Handwerk hat blutigen Boden

In der Kurzgeschichtensammlung "Handwerk hat blutigen Boden" von Mirjam Phillips und Toby Martins werden Handwerker zu Mördern und Opfern ihrer Kunden. Ein augenzwinkernder Krimispaß mit kleinen Schönheitsfehlern.

130 verschiedene Ausbildungsberufe gibt es derzeitig im Handwerk: In Deutschland reicht die Bandbreite von A wie Anlagenmechaniker bis Z wie Zweiradmechatroniker.

Während das Handwerk Schulabgängern tolle Zukunftsperspektiven bietet, liefert es Autoren und Filmemachern zugleich eine Steilvorlage für fiktionales Erzählen: In einem Krimi mit Handwerksbezug könnte man zum Beispiel einer Maßschneiderin eine Schere als Mordwaffe in die Hand drücken, einen Kfz-Mechatroniker mit einem Überbrückungskabel strangulieren oder einen Bestatter nach Feierabend ein paar zusätzliche Leichen verschwinden zu lassen.

Krimis über Handwerk und "ähnliche" Berufe

In der Kurzgeschichtensammlung "Handwerk hat blutigen Boden" von Mirjam Phillips und Toby Martins, deren Titel auf die wohl berühmteste aller Weisheiten über die "Wirtschaftsmacht von nebenan" anspielt, kommt diese Vielfalt allerdings nur sehr bedingt zum Tragen: Die 29 Autorinnen und Autoren beschränken sich in dem 320 Seiten starken Buch fast ausschließlich auf die Bau- und Ausbaugewerke und nehmen es mit der Zuordnung der Berufe zudem nicht allzu genau: Landschaftsgärtner, Architekten oder Statiker zählen bekanntlich gar nicht zum Handwerk, nehmen im Roman aber trotzdem Hauptrollen ein.

Wer über diese kleinen Schönheitsfehler hinwegsehen kann, darf sich allerdings auf ein kurzweiliges Lesevergnügen freuen: Vom Dachdecker und Fliesenleger über den Maler und Maurer bis hin zum Stuckateur und Zimmerer darf im Buch so gut wie jeder (Bau-)Handwerker in die Rolle des Mörders, Opfers, Mitwissers oder Augenzeugen schlüpfen.

Handwerker als Täter und Opfer

"Nie wieder werden Sie so unbekümmert ein fremdes Haus betreten oder einem Unbekannten die Tür öffnen", versprechen die Herausgeber schon im Einleitungstext – und halten Wort, denn die Handwerker sind hier nicht etwa nur die Bösewichte, sondern müssen sich auch oft der Übergriffe ihrer Kunden erwehren. So zitiert zum Beispiel eine alleinstehende Jungfer gleich reihenweise ahnungslose Heizungsinstallateure in ihr Eigenheim, während ein bedauernswerter Steinmetz nach einer unliebsamen Entdeckung in eine Waschküche gesperrt wird und es ein psychisch labiler Maurer in einer spannenden Horror-Story mit einer dämonischen Katze zu tun bekommt.

Welches Schicksal den Handwerker ereilt, klärt sich oft erst bei den Schlusspointen, von denen die meisten Geschichten leben – und die mal mehr, mal weniger vorhersehbar und originell ausfallen.

Regionale Schauplätze mit Lokalkolorit

Das Lokalkolorit kommt dabei nicht zu kurz, denn die Autoren nehmen den Leser mit zu Einsatzorten quer durch den deutschsprachigen Raum: Neben unverwechselbaren Ruhrpottdialekt, ostfriesischem Plattdeutsch und waschechtem Schwyzerdütsch kommen im Buch auch radebrechende Schwarzarbeiter zu Wort, die auf einer deutschen Baustelle den schnellen Euro für ihre Verwandtschaft in Rumänien verdienen möchten.

Handwerk hat blutigen Boden

Auch der Schreibstil der Autoren fällt angenehm vielfältig aus: Eine blutige Familientragödie wird aus vier verschiedenen Perspektiven geschildert, der unverhoffte Besuch eines Parkettlegers im Schlafzimmer eines zerstrittenen Ehepaars ist als Theaterstück in Dialogform verfasst und beim Beitrag aus Zürich ist die Wortwahl auffallend antiquiert – da wird aus einem Pferd schon mal ein "Ross" und aus einer Gruppe ein "Tross".

Auffallend aus dem Rahmen fällt die ebenso humorvolle wie großartige Kurzgeschichte "Der Wasserhahn tropft": Hier wartet ein geistig noch topfitter Bewohner eines Altenheims Tag für Tag vergeblich auf die Reparatur seines Wasserhahns und greift genervt zu drastischen Maßnahmen – ein Heidenspaß für den Leser und der vielleicht beste Beitrag der gesamten Sammlung.

Handwerkerinnen kommen zu kurz

Neben der einseitigen Berufeauswahl gibt es aber noch einen weiteren Kritikpunkt an der ansonsten überzeugenden Geschichtenkollektion: Von 26 Beiträgen drehen sich stolze 25 um einen Handwerker – nur in einer einzigen geht es um eine Handwerkerin.

Diese wird nach 167 Seiten purer männlicher Dominanz trotz des plumpen Titels "Die schöne Glaserin" erfreulicherweise aber nicht nur auf ihre weiblichen Reize reduziert, sondern glänzt auch mit handwerklichem Können: Die technisch wie ästhetisch versierte Handwerkerin sorgt im Wohnhaus eines lesbischen Pärchens mit tollen Fenstern und Glaskonstruktionen für ein völlig neues Wohngefühl und mischt nebenbei die Gefühlswelt ihrer begeisterten Auftraggeberinnen auf.

Ansonsten ist das sprichwörtliche schwache Geschlecht klar unterrepräsentiert: Es wäre ein Leichtes gewesen, aus einem mordenden Tischler, der sich auf Särge spezialisiert hat, eine Tischlerin zu machen, und auch eine Stuckateurin hätte dem Gesamtwerk vielleicht besser zu Gesicht gestanden als ihr arbeitswütiges männliches Pendant, das beim Urlaub mit seiner nervtötenden Gattin Ablenkung im Reparieren der Hoteldecken sucht und dabei ihrem Fremdgehen mit einem italienischen Casanova lauschen muss.

Bunte Mischung an Kurzgeschichten

Wer darüber nachdenkt, das Buch "Handwerk hat blutigen Böden" als (Weihnachts-)Präsent zu verschenken oder selbst zu lesen, macht unter dem Strich trotzdem nicht viel verkehrt: Dank der abwechslungsreichen Plots, der vielfältigen Schreibstile und der bunten Zusammenstellung ist in der Kurzgeschichtensammlung für jeden Leser etwas dabei.

Langweilige oder thematisch uninteressante Beiträge lassen sich im Zweifelsfall einfach überblättern, weil die einzelnen Kapitel inhaltlich nicht miteinander verknüpft sind, sondern nur durch den übergeordneten Bezug zum Handwerk gerahmt werden. Einen besonders reizvollen Einfall heben sich die Herausgeber übrigens für die Geschichte "Killerlatein" auf: Hier wendet sich der Mörder mit direkten Worten an den Leser, der das Buch gerade in den Händen hält und angeblich durch versteckte Botschaften im Strichcode gezielt in dessen Fänge gelockt wurde.

Doch keine Sorge: Um ihr Leben fürchten müssen beim Lesen nur die Handwerker und deren Kunden – hartgesottene Krimifans dürften trotz der zahlreichen Spannungsmomente nach Zuklappen des Buches mühelos in den Schlaf finden. Es muss ja nicht gleich ein mordender Parkettleger darunter lauern.

Handwerk hat blutigen Boden: Kriminalgeschichten

  • von Mirjam Phillips (Herausgeber), Toby Martins (Herausgeber)
  • Taschenbuch, erschienen am 1. November 2016
  • 320 Seiten
  • Verlag: KBV
  • ISBN: 978-3954413249
  • Preis: 10,95 EUR

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