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Online-Petition fordert Rückkehr zur Meisterpflicht Bringt diese Unterschriftenaktion die Meisterpflicht zurück?

Das Handwerk diskutiert schon lange, ob die Meisterpflicht in gewissen Berufen wieder eingeführt werden sollte. Ein Fliesenleger heizt die Diskussion nun weiter an. Mit einer Unterschriftenaktion möchte er die Regierung zum Handeln zwingen – doch müsste sie das wirklich? Und wäre eine Rückkehr zum Meister überhaupt sinnvoll?

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Meister im Handwerk

Viele jammern, ein Fliesenleger packt es an. Erst letztes Jahr teilte Stefan Bohlken ein Video auf Facebook, in dem er sich mit klaren Worten an die Politik richtete. In knapp vier Minuten erklärte er, warum es aus seiner Sicht ein Riesenfehler war, die Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk 2004 abzuschaffen. Sein Appell an die Bundesregierung: "Ihr habt ein Stück Handwerk kaputtgemacht, macht es wieder heil."

Die Botschaft wurde ein viraler Hit. Fast 400.000 Menschen klickten das Video. Zuspruch bekam er nicht nur von seinen Fliesenlegerkollegen, sondern auch von zahlreichen Handwerkern aus anderen Gewerken. So gut wie das Video lief, so ernüchternd war das, was am Ende dabei herauskam. Zwar wurden einige Politiker auf den Fliesenleger aus Oldenburg aufmerksam, viel mehr als aufmunternde Worte brachte es ihm aber nicht ein. Seit der Bundestagswahl herrscht Funkstille.

Doch Bohlken ist einer, der dranbleibt. Am 13. März startete der Obermeister aus Niedersachsen eine Online-Petition. Sein Ziel: 50.000 Stimmen für die Wiedereinführung der Meisterpflicht für Fliesenleger. Bis zum 12. September 2018 will er alle Unterschriften beisammen haben.

Würden 50.000 Stimmen tatsächlich etwas ändern?

Bisher lässt sich die Aktion gut an. Mehrere tausend Befürworter haben die Petition bereits virtuell unterzeichnet, teilweise im Minutentakt kommen neue hinzu. Sind bis zum Ende der Zeichnungsfrist nicht ausreichend Unterschriften gesammelt worden, ist die Petition dennoch nicht gescheitert. Der Petitionsausschuss ist dazu verpflichtet, jede eingereichte Petition unabhängig von der Unterschriftenanzahl parlamentarisch zu prüfen.

Bohlken gibt sich für seine Unterschriftenaktion ein halbes Jahr Zeit. Wenn sich bis dahin 50.000 Unterstützer gefunden haben, will er seine Petition einer neutralen, repräsentativen Bürgerjury vorlegen. Diese soll dann eine Entscheidungsgrundlage erarbeiten, wie mit dem Petitionsanliegen verfahren werden soll. Spricht sich die Bürgerjury für das Petitionsanliegen aus, erhöht dies den Druck auf den Petitionsausschuss, welcher letztlich seine Empfehlung an den Deutschen Bundestag weitergibt.

Wäre es überhaupt sinnvoll, die Meisterpflicht wieder einzuführen?

Seit der Handwerksnovelle im Jahr 2004 erlebte das fliesenlegende Handwerk einen wahren Gründungsboom. Da der Meisterbrief nicht mehr verpflichtend war, um einen Betrieb zu gründen, meldeten zahlreiche Personen ein eigenes Gewerbe an. Inzwischen gibt es deutschlandweit mehr als 70.000 Fliesenlegerbetriebe, viele von ihnen Kleinst- oder Ein-Mann-Betriebe.  Zum Vergleich: Als die Meisterpflicht abgeschafft wurde, existierten gerade einmal 12.400 Fliesenlegerbetriebe.

Ein Problem dabei: Viele der Gründer haben die Arbeit als Fliesenleger nie gelernt. Da das Gesetz keine besonderen Qualifikationen vorschreibt, kann sich quasi jeder als Fliesenleger selbständig machen. An einem freiwilligen Meisterkurs haben nur wenige der Unternehmer Interesse. Während 1998 noch 618 Meisterprüfungen jährlich erfolgreich abgelegt wurden, waren es 2015 nur noch 114. Wo Fachwissen fehlt, kann auch keines weitergegeben werden. So ist die Zahl der Ausbildungsplätze im fliesenlegenden Handwerk seit 2004 stetig zurückgegangen, obwohl es inzwischen sechsmal so viele Betriebe gibt. Würde es mehr meistergeführte Betriebe geben, wäre für eine passgenaue Qualifizierung junger Nachwuchskräfte gesorgt, argumentiert Bohlken in seiner Petition.

Auch wenn sich die fehlende Ausbildereignung inzwischen zählbar auf die Bildungsqualität des Handwerks auswirkt, trage die Novellierung 2004 nicht die alleinige Schuld am Rückgang der Ausbildungsplätze, erklärte der inzwischen pensionierte Geschäftsführer des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh), Klaus Müller, im vergangenen Jahr. Dass weniger ausgebildet wird, sei auch "der demografischen Entwicklung, dem Trend zum Abitur und der Krise im Baugewerbe vor einigen Jahren“ zuzuschreiben. Anders sieht er die Entwicklung bei der Meisterausbildung. Die schrumpfenden Zahlen dort seien eindeutig ein Effekt der Novellierung.

Dass viele der Selbständigen keine fachliche Ausbildung im Fliesenlegerhandwerk genossen haben, wirke sich merklich auf die Qualität der Dienstleistung und das Image der Branche aus, erklärten Karl-Hans Körner, Vorsitzender des Fachverbandes Fliesen und Naturstein im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) und Dietmar Schäfers, stellvertretender Bundesvorsitzender der IG Bauen-Agrar-Umwelt, vergangenes Jahr in einem gemeinsamen Schreiben an den Bundestag. "Eine fachgerechte und qualitativ hochwertige Handwerksleistung kann nur durch gut ausgebildete Fachkräfte gewährleistet werden", so die beiden.

Dies bestätigen auch Sachverständige. "Vom Fliesenleger wird zunehmend ein größeres Wissen gefordert", weiß Wolfgang Wulfes, Bundesfachbereichsleiter Bau im Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e.V. (BVS).  Immer häufiger stellt er Mängel bei Fliesenarbeiten fest. Seiner Erfahrung nach wüssten Fliesenleger ohne entsprechende Aus- und Weiterbildung oftmals nur unzureichend über Materialien, Verlegetechniken, gestalterische Aspekte und technische Regeln Bescheid.

Bohlken warnt in seiner Petition vor allem vor Arbeiten in Bädern, Duschen und gefahrgeneigten Treppenbereichen, die von ungeschulten Fliesenlegern nicht normgerecht ausgeführt werden. "Fachbetriebe des Fliesengewerbes gewährleisten qualifizierte Arbeiten", betont er und weist auf das potenzielle Unfall- und Gesundheitsrisiko für Verbraucher hin. So etwa durch Schimmelschäden oder den Einsatz von Fliesen, die den individuellen Anforderungen nicht gerecht werden. Von den Gefahren sind in der Praxis nicht nur Eigenheime, sondern auch öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schwimmbäder betroffen.

Natürlich gibt es auch Betriebe, die ohne Meisterbrief gute Arbeit liefern. Franz Falk, Geschäftsführer Unternehmensservice bei der Handwerkskammer Region Stuttgart, berichtete der Deutschen Handwerks Zeitung im vergangenen Jahr, dass bei fachlich versierten Fliesenlegern teils jedoch ein anderes Problem auftritt. Gesellen oder Autodidakten hätten immer wieder Schwierigkeiten mit der Kalkulation. "Sie sehen die Gesamtsumme, berücksichtigen aber nicht, welche Vor- und Nacharbeiten zu leisten sind – mit der Folge, dass nichts verdient wird." Genau diese betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Kenntnisse vermittelt die Meisterausbildung.

Dass Leistungen zu günstig angeboten werden, hängt jedoch nicht allein mit falscher Kalkulation zusammen. Viele Anbieter setzen mittlerweile intensiv auf Subunternehmen und nutzen die Scheinselbstständigkeit, um Sozialabgaben zu umgehen und die Löhne zu drücken, kritisiert Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg e.V.. Dabei schließen sich mehrere, meist ausländische Ein-Mann-Betriebe zusammen und tauchen als reguläre Kolonne auf Baustellen auf. "Sie sind damit weitaus günstiger als deutsche Arbeitnehmer, denn Ein-Mann-Betriebe unterliegen eben nicht dem Mindestlohn, und sie müssen auch nur geringe Sozialbeiträge leisten", weiß Körner.  In Deutschland sind mehr als 20.000 Fliesenleger aus dem Ausland registriert.

Vieles deutet also darauf hin, dass die 2004 in Kraft getretene Novellierung der Handwerksordnung ihre eigentlichen Ziele verfehlt hat.

Regierung möchte Meisterpflicht in einzelnen Berufsbildern prüfen

Fliesenlegermeister Bohlken steht mit seiner Forderung nicht allein da. Vertreter des Baugewerbes setzen sich seit Jahren für eine Rückkehr zum Meister ein. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) stellt sich auf die Seite derer, die die Meisterqualifikation stärken wollen. ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer warnt jedoch vor unüberlegten Schnellschüssen: "Wir wollen keine Reform der Reform, die das Handwerk und seine Berufe gegeneinander ausspielt, und an deren Ende es dann möglicherweise in weniger Berufen als zuvor eine Meisterpflicht gibt", schrieb er im Oktober vergangenen Jahres im Deutschen Handwerksblatt. Man dürfe nicht zulassen, dass es zu Veränderungen kommt, die letztlich zulasten des Handwerks und seiner bewährten Ausbildungsstrukturen gehen.

Der ZDH hat daher eine eigene Planungsgruppe eingerichtet. Diese soll Fehler aufdecken, Argumente sammeln und politische Entscheider dabei unterstützen, eine verfassungskonforme Lösung zu entwickeln. Ziel ist es, den Meister dort zu stärken, wo es möglich ist. Union und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag bereits angekündigt, sich mit dem Thema Meisterpflicht zu beschäftigen. Konkret wollen die Parteien prüfen, wie der Meisterbrief in einzelnen Berufsbildern EU-konform eingeführt werden kann. Eine reichweitenstarke Unterschriftenaktion wie die von Stefan Bohlken könnte dabei zusätzliche Argumente liefern.

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