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Kommentar Billiger Kraftstoff bremst Interesse an Elektromobilität

Die Elektromobilität leidet unter Ladehemmung. Daran wird auch die „Nationale Konferenz Elektromobilität“ nichts ändern. Eine Vision, nach der 2020 eine Million E-Autos über deutsche Straßen rollen, wird nicht deswegen Realität, weil immer wieder über sie geredet wird.

In der Praxis zeigt sich, dass der Elektromotor als Antrieb nur bei Fahrradfahrern Gefallen findet. Die Ursachen liegen auf der Hand: Während beim Strampeln der Elektromotor der eigenen Muskelkraft förmlich Flügel verleiht und selbst weniger trainierten Radlern zu ungewöhnlichen Leistungen verhilft, beschränkt sich der Fahrspaß im Elektroauto auf die Beschleunigung während der ersten Meter. Das Elektroauto ist ein Sprinter, dem auf der Langstrecke die Puste ausgeht.

Ein Pkw mit vollem Dieseltank kann rund 1.000 Kilometer weit fahren und ist nach einem kurzen Tankstopp wieder startklar. Ein E-Auto schafft ein Zehntel davon und muss dann mehrere Stunden aufgeladen werden. Damit bleibt dem E-Auto in der Familie nur die Rolle als Zweitwagen, aber dafür ist es zu teuer.

Das E-Auto bleibt eine Investition mit vielen Unbekannten

Anders sieht es im gewerblichen Fuhrpark aus. Gerade im Handwerk sind kurze Strecken die Regel. Wenn allerdings, wie kürzlich vom Öko-Institut errechnet, die Wirtschaftlichkeitsschwelle für ein mittelgroßes Elektroauto bei 35.000 Kilometer Jahreslaufleistung liegt, dann müsste der Wagen bei 220 Arbeitstagen im Jahr täglich 159 Kilometer fahren.

Für kühle Rechner bleibt das E-Auto eine Investition mit vielen Unbekannten. Die vom Kfz-Gewerbe und der Auto­industrie geforderte 50-prozentige Sonderabschreibung im ersten Jahr für gewerblich genutzte Fahrzeuge wäre sicher ein reizvolles Signal für einen Einstieg in die Elektromobilität.

Eine Million E-Autos bei 60 Millionen Fahrzeugen gar nicht so gigantisch

Dass die Anzahl der E-Autos steigen wird, davon ist trotz aller Hemmnisse auszugehen. Die Zeiten billigen Öls werden nicht ewig dauern. Wenn die Kraftstoffpreise steigen, erhöht sich der Druck auf die Fahrzeug­industrie, alternative Antriebe anzubieten. Das Kfz-Gewerbe steht in den Startlöchern, hat schon 7.200 Kfz-Mechatroniker für die Arbeit an Hochvoltfahrzeugen qualifiziert.

Gemessen an der Gesamtzahl aller zugelassenen Fahrzeuge in Deutschland – Anfang des Jahres waren es rund 60 Millionen, davon 44,4 Millionen Pkw – klingt die Zahl von einer Million E-Autos ja gar nicht so gigantisch. Aber so lange Diesel und Benzin billig sind, werden halbherzige Förderversprechen nicht ausreichen, um aus einer Vision Realität werden zu lassen.

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