Meinung -

Leitartikel Bildungssystem: Für einen Paradigmenwechsel

Noch immer sehen zu viele Jugendliche den Königsweg einer Lebenskarriere in der akademischen Bildung. Doch nicht wenige scheitern. Fakt ist: Es gibt keine erfolgreiche Zukunft ohne eine starke berufliche Ausbildung.

Dr. Lothar Semper
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Das Handwerk, seine Organisationen und auch diese Zeitung haben schon lange darauf hingewiesen und davor gewarnt, dass in Deutschland sich eine bildungspolitische Schieflage entwickelt. Nun ist das Thema auch bei der Politik angekommen. Vor allem Bundesbildungsministerin Wanka wird nicht müde, den Stellenwert der beruflichen Bildung zu unterstreichen.

Die Entwicklung zeigt, dass es dafür höchste Zeit ist. Die Zahl der Auszubildenden ist in der Zeit von 1991 bis 2012 von 1,67 auf 1,43 Millionen, also gut 14 Prozent, geschrumpft. In derselben Zeit stieg die Zahl der Studierenden von 1,77 auf 2,5 Millionen – ein Plus von 29 Prozent. Im letzten Jahr dürfte es zum ersten Mal mehr Studienanfänger als Ausbildungsanfänger gegeben haben.

Bildungsebenen sind durchlässig

Welche Schlussfolgerungen legen diese Zahlen nahe? Fakt ist, dass immer noch zu viele Jugendliche, insbesondere aber deren Eltern, den Königsweg einer Lebenskarriere in der akademischen Bildung sehen. Vor dieser wichtigen Weichenstellung werden zwei Tatsachen ausgeblendet: Viele Jungstudenten scheitern an den Anforderungen der akademischen Ausbildung. Und leider spukt noch in viel zu vielen Köpfen die irrige Vorstellung, die berufliche Bildung sei eine Sackgasse.

Dabei sind die unterschiedlichen Bildungsebenen heute durchlässig. Erfolgreiche Absolventen der beruflichen Bildung, etwa die Meister, können jederzeit noch ein Studium anfangen. Auch der Wissenschaftsrat hat die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung betont. Es ist sehr zu begrüßen, dass diese Botschaft nun auch von akademischen Zirkeln ausgeht, die nicht immer dieser Meinung waren.

Ein unrühmliches Beispiel dafür war der alljährliche OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick". Hier wurde Deutschland über viele Jahre immer wieder eine zu geringe Akademiker-Quote vorgehalten. Dass diese nicht für den Erfolg von Volkswirtschaften ausschlaggebend ist, zeigt die Wirtschaftskrise innerhalb der EU. Hier offenbarte sich vielmehr die Überlegenheit unseres Systems der dualen Berufsausbildung.

Konsequent neue Zielgruppen erschließen

Die Botschaft ist mittlerweile angekommen, aber schulische Ausbildungssysteme – wie sie in vielen Ländern die Regel sind – lassen sich nicht von heute auf morgen transformieren. Für uns in Deutschland sollte das internationale Interesse für die duale Berufsausbildung Motivation sein, das bewährte System zukunftsfest weiterzuentwickeln. Bausteine dafür müssen die Attraktivität, der Stellenwert und die Qualität der Ausbildung sein. Darauf hat kürzlich zu Recht der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung hingewiesen.

Besondere Bedeutung kommt der frühzeitigen Berufsorientierung zu. Diese muss aber alle Schularten umfassen; in den Gymnasien fristet sie eher noch ein stiefmütterliches Dasein. Schulen wie Elternhaus müssen sich noch stärker dieser Aufgabe stellen. Nur dann kann die Zahl der Anfänger im so genannten Übergangsbereich nachhaltig reduziert und Potenzial gewonnen werden.

Daneben müssen konsequent weitere Zielgruppen erschlossen werden. Zum Beispiel kann das Handwerk Studienabbrechern – und erfolgreichen Studienabsolventen – interessante Perspektiven bieten. Oder zum Beispiel Jugendlichen mit Migrationshintergrund, jungen Flüchtlingen und jungen Menschen aus anderen EU-Staaten. Hier ist es allerdings kontraproduktiv, wenn keine Fördermittel zur Verfügung stehen: Für das Programm "MobiPro-EU" können seit 8. April keine neuen Förderanträge für 2014 mehr angenommen werden.

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