Meinung -

Kommentar zum Bildungsbericht Bildungsrepublik Deutschland?

Die Zahl der Studienanfänger übersteigt zum ersten Mal die der Ausbildungsanfänger. Eine Neubestimmung der beiden Ausbildungsbereiche ist notwendig. Die Politik kann sich nicht länger um Antworten drücken.

Dr. Lothar Semper
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Der Bericht "Bildung in Deutschland 2014" ist jetzt vorgestellt worden. Er ist eine ausführliche Bestandsaufnahme, die nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln anregen sollte – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass Bildung für Deutschland als rohstoffarmes Land die wichtigste Ressource ist.

Ob es allerdings die richtige Antwort ist, darauf zu verweisen, dass sich der Trend zu höheren Schulabschlüssen fortsetzt und es so viele Studienanfänger wie noch nie gibt? Beide Fakten haben Bundesbildungsministerin Wanka und die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz Löhrmann herausgestrichen. Weil mittlerweile 57 Prozent der jungen Menschen die Schule mit der Hochschulreife verlassen und im vergangenen Jahr es erstmals mehr Studienanfänger als Ausbildungsanfänger im dualen System gab, fordern die Autoren des Bildungsberichts zu Recht eine Neubestimmung der beiden Ausbildungsbereiche.

Es mangelt an Ausbildungsreife

Wie eine solche aussehen soll, dazu gibt es nicht einmal nebulöse Andeutungen. Auch die Politik kann sich nicht länger um Antworten drücken. Denn dies entscheidet mit über die Zukunftsfähigkeit unserer Volkswirtschaft. Stattdessen wird versucht, der dualen Berufsausbildung Entwicklungen anzulasten, die ihre Ursachen gewiss woanders haben. Interessierte Kreise haben die Zahlen aus dem Bildungsbericht gleich dankbar aufgegriffen, um der Wirtschaft mangelndes Ausbildungsengagement vorzuwerfen.

Wenn nach wie vor jährlich über 200.000 Jugendliche im so genannten Übergangssystem landen, so liegt dies am wenigsten an unseren Ausbildungsbetrieben, sondern an der mangelnden Ausbildungsreife, manchmal auch der Ausbildungsunwilligkeit vieler Betroffener. Andererseits wird ja auch erwartet, dass Lehrlinge die Ausbildung erfolgreich abschließen, was angesichts steigender Anforderungen zu einer erheblichen Herausforderung werden kann.

Wildwuchs bei den Masterstudiengängen

Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen, allen eine Lebensperspektive zu geben. Eine Berufsausbildung ist dafür die beste Voraussetzung. Da müssen sich auch die Kultusminister der Länder an die Nase fassen und sich kritisch fragen, ob sie nicht finanziell umschichten müssen, um gerade derartige Zielgruppen noch gezielter zu fördern, um sie zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu führen. Im Handwerk sind zudem viele Beispiele bekannt, wo Ausbilder und Ausbilderinnen mit viel Engagement auch benachteiligte Jugendliche zum Ausbildungserfolg führen.

Ein Hinweis noch zum Schluss: Die Wirtschaft wird ja von der Politik immer wieder aufgefordert, die Zahl der Ausbildungsberufe, die bei etwa 330 liegt, zu reduzieren. Wildwuchs besteht jedoch an anderer Stelle: In Deutschland gibt es mittlerweile fast 9.500 Bachelorstudiengänge und mehr als 7.000 Masterstudiengänge!

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