Meinung -

Leitartikel Bewährtes System bewahren

Berufsbildungsbericht 2016: Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Handwerk ist erstmalig seit 2007 wieder gestiegen. Trotzdem konnten knapp zehn Prozent der Ausbildungsplätze des Handwerks nicht besetzt werden. Für die Zukunft braucht die duale Ausbildung starke Partner.

Der vor kurzem vom Bundeskabinett verabschiedete Berufsbildungsbericht 2016 enthält eine begrüßenswerte Botschaft für den Ausbildungsmarkt. Die Relation zwischen ausbildungsplatzsuchenden Schulabgängern und bestehenden Ausbildungsplatzangeboten ist so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr. Allerdings hat sich in diesen 20 Jahren die Bildungslandschaft erheblich verändert.

Immer mehr Jugendliche wollen studieren, der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund ist stark angestiegen und aktuell gilt es, junge Flüchtlinge für die duale Berufsausbildung zu gewinnen. Im Berufsbildungsbericht wird zwar festgestellt, dass mehr als die Hälfte eines Altersjahrgangs eine Berufsausbildung beginnt. Aber was heute die Hälfte ist, war vor 20 Jahren doch deutlich mehr. Nachdenken sollte man über die Feststellung, dass 41.000 noch offenen Ausbildungsstellen rund 20.700 unversorgte Bewerber gegenüberstanden. Warum werden die Jugendlichen, die nicht untergekommen sind, der beruflichen Bildung zugerechnet? Es sollte mittlerweile Konsens sein, dass die berufliche Bildung – und dabei vor allem die im Handwerk – nicht als Reparaturbetrieb anzusehen ist. Von den unversorgten Bewerbern dürften überproportional viele solche mit Migrationshintergrund sein. Für unseren Wirtschaftsbereich hat das Ausbildungsjahr 2015/16 eine sehr gute Nachricht: Bundesweit konnte die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Handwerk erstmalig seit 2007 wieder gesteigert werden. Trotzdem konnten aber knapp zehn Prozent der Ausbildungsplätze des Handwerks nicht besetzt werden.

"Deutschland, und insbesondere das Handwerk, leidet nicht an Hilfskräfte-, sondern an Fachkräftemangel.“

Bemerkenswert ist zweierlei: Diese Steigerung gelang trotz demographisch sinkender Schulabsolventenzahlen. Immer mehr Jugendliche mit Realschulabschluss bzw. mit Abitur beginnen eine Lehre im Handwerk. Vielleicht ist dies ein erster Erfolg der Kampagnen des Handwerks und anderer Partner. Dazu zählt auch die Informationskampagne des Bundesbildungsministeriums: „Du + Deine Ausbildung = Praktisch unschlagbar!“ Es ist zu hoffen, dass es so gelingt, den „Akademisierungswahn“ zu stoppen.

Hauptadressaten müssen die Eltern sein. Ihnen muss endlich klar werden, dass die berufliche Bildung keine Sackgasse ist, sondern alle Optionen offenhält. Schließlich können heute Handwerksmeister in der Regel genauso studieren wie Abiturienten, allerdings mit dem Vorteil, dass sie eine abgeschlossene Berufsausbildung mitbringen.
Derzeit drehen sich viele Diskussionen darum, ob junge Flüchtlinge das Potential sind, um die sich abzeichnende Fachkräftelücke in der Wirtschaft und im Handwerk im Besonderen abzuwenden. Das wird nicht gelingen. Flüchtlinge können nur ein Bestandteil der Fachkräftestrategie sein. Wie man Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren kann, wird viel diskutiert. Die Integration von Migranten und Flüchtlingen kann nur gelingen, wenn diese den Weg in Ausbildung oder Erwerbstätigkeit finden. Immer wieder hört man Stimmen, die verkürzte Ausbildungsberufe oder Teilqualifikationen gerade für diese Zielgruppe fordern. Wer das will, sollte bedenken: Erstens darf wegen einer vermeintlichen Ausnahmesituation unser bewährtes und international anerkanntes duales Ausbildungssystem nicht in Frage gestellt werden. Zweitens: Deutschland, und insbesondere das Handwerk, leidet nicht an Hilfskräfte-, sondern an Fachkräftemangel.

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