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Betriebliches Gesundheitsmanagement Netzwerke helfen bei Arbeitsschutz

Wenn Handwerker wegen Krankheit ausfallen, dann haben sie meist Rücken- oder Gelenkprobleme. Für viele gehören die Schmerzen untrennbar zum Beruf dazu. Tatsächlich können die Belastungen aber reduziert und ausgeglichen werden. Doch dafür braucht es ein grundsätzliches Umdenken. Im Alleingang fällt das schwer. Zwei Betriebe zeigen, wie sie es mit Hilfe eines Netzwerks geschafft haben.

Was tun, wenn die Mitarbeiter der Meinung sind, dass Rückenschmerzen zum Bau dazu gehören? Dass der Chef sich um den Arbeitsschutz zu kümmern hat, ihn aber sonst die Gesundheit der Mitarbeiter nichts angeht?

Daniel Hölscher kennt das Problem: "Wir müssen unsere Mitarbeiter gesund halten. Wir haben Nachwuchsmangel und jeder Krankheitstag kostet uns viel Geld. Aber meine Angebote zur Gesundheitsförderung stießen bisher auf wenig Resonanz“, sagt der Chef von Hölscher-Bau in Duisburg.

Unter Stress wird Gesundheit vernachlässigt

Vielen Handwerkern geht es ähnlich. Die Gesundheit steht im übervollen Alltag hintenan: Es geht schneller, eine Last allein zu tragen, als den Kollegen hinzuzurufen oder den Aufzug zu nutzen. Pausen fallen aus; Sport- und Ausgleichsangebote in der Freizeit bleiben ungenutzt. Dieses Verhalten im Alleingang zu durchbrechen, ist schwierig.

Das hat auch Michael Rauber erkannt. Seit 35 Jahren ist der Raumausstattermeister aus Freiburg im Breisgau selbstständig. Mittagspausen gab es nie für ihn, dafür immer eine Sechstagewoche. Seine Ehefrau Hilde hält dem 62-Jährigen im Betrieb und privat den Rücken frei, auch für seine Ehrenämter als Obermeister der Raumausstatter- und Sattlerinnung Südbaden und als Kreishandwerksmeister. Rücken- und Gelenkbeschwerden sind nicht ihr Problem, wohl aber die Dauerbelastung. Denn Zeit für Privates bleibt den beiden selten.

Keine Zeit für Privates

Doch kürzlich hat sich etwas getan. "Meine Frau ist mit einer Freundin übers Wochenende weggefahren. Und ich mache jetzt jeden Mittag einen Spaziergang mit unserem Hund“, berichtet Rauber. Kleine Änderungen, "aber schon die tun gut.“

Auslöser für diese Schritte war das Projekt e-RegioWerk, an dem die Raubers teilnehmen. Gefördert vom Bundesbildungsministerum (BMBF), haben die IKK Classic und die Universität Hamburg ein Netzwerk für die Gesundheitsförderung von Handwerksunternehmern und ihren Mitarbeitern geknüpft.

Vier Kreishandwerkerschaften aus ganz Deutschland und die Akademie Zukunft Handwerk sind beteiligt. "Erst haben meine Frau und ich ein persönliches Coaching bekommen. Dann gab es vier Einheiten für das ganze Team“, beschreibt Rauber.

Er sei anfangs skeptisch gewesen. Aber nicht nur er und seine Frau, auch das Team habe profitiert. Wieder sind es einfache Schritte, die helfen: So hat Rauber auf Wunsch der Azubis deren Mittagspause von 60 auf 45 Minuten gekürzt; dafür gibt er ihnen freitags früher frei. Ein Gewinn für alle.

e-RegioWerk und SustainSME im Netz

Ergebnisse und Checklisten der beiden vorstellten Projekte werden nach Projektende unter www.sustainsme.de und www.e-regiowerk.de veröffentlicht. Bereits jetzt finden sich unter e-regiowerk zahlreiche Checklisten, die aus den Erkenntnissen des Projekts entstanden sind und kostenlos verfügbar sind.
Zusätzliche Hilfen, Leitfäden und Apps, die aus den 30 Projekten des Förderschwerpunkts „Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen“ (MEgA) des BMBF enstanden sind, gibt es in der Toolbox von MEgA.

Online-Test macht Problem bewusst

Auch bei Hölscher-Bau ist Bewegung ins Gesundheitsthema gekommen, seit Daniel Hölscher Projektpartner von SustainSME geworden ist. Dieses ebenfalls vom BMBF geförderte Vorhaben will die Gesundheitskompetenz von Führungskräften und Mitarbeitern in der Baubranche stärken. Wissenschaftlicher Projektpartner ist das Fraunhofer IMW in Leipzig.

Jeder Mitarbeiter des Hölscher-Teams machte zunächst einen speziell auf die Baubranche gemünzten Online-Test. Dieser "Quick-Check“ fragt, unter welchen körperlichen und psychischen Belastungen die Beschäftigten leiden und was sie bisher für ihre Gesundheit tun: "Erst dadurch haben meine Leute überhaupt erkannt, dass sie ein Problem haben“, berichtet Hölscher.

Aber auch er selbst hat eine wichtige Erkenntnis gewonnen: "Wir müssen die Baustellenplanung verbessern.“ Hilfsmittel, um körperliche Belastungen zu reduzieren, gebe es im Betrieb genug. Aber sie müssten konsequenter und von vornherein eingeplant werden.

Bauunternehmer Daniel Hölscher mit Ronny Winkler und Martin Feuster.

Keine Angst vor Kunden

Bisher hätten seine Bauleiter das vermieden, weil sie die wesentlich aufwändigere Baustellenplanung und -einrichtung scheuten. Hölscher will das ändern und hat auch keine Sorge, dass Kunden dieses Vorgehen nicht akzeptieren könnten; schließlich würde hinterher dafür effizienter gearbeitet. "Und wenn es alle Betriebe so machen würden, gäbe es gar keine Diskussion“, appelliert er an seine Kollegen vom Bau.

Hölschers Mitarbeiter ziehen seit dem "Quick-Check“ mit. In einem Workshop hat jetzt eine Pilotgruppe verschiedene Gesundheitsprobleme im Betrieb beleuchtet: "Es kommen richtig gute Vorschläge“, freut sich der Chef. Weitere Workshops sind geplant. Zudem hat Hölscher einen Mitarbeiter zum Gesundheitsbeauftragten schulen lassen, so dass sein Team einen klaren Ansprechpartner hat.

Hölscher wird am Thema dranbleiben, am liebsten aber nicht allein: "Ein Gesundheitsnetzwerk, an dem alle beteiligt wären, Betriebe, Innungen, Berufsgenossenschaft und Versicherungen, fände ich absolut wünschenswert.

Gesünder dank besserer Organisation

Körperliche und psychische Arbeitsbelastungen lassen sich durch gute Organisation abfedern. Das ist ein zentrales Ergebnis aus dem Förderschwerpunkt "Präventive Maßnahmen für die sichere und gesunde Arbeit von morgen“ des BMBF. Sobald Abläufe und Zuständigkeiten klar durchdacht und allen bekannt sind, reduziert sich der Druck und es bleibt Zeit, um Hilfsmittel zu nutzen.

Auch die häufigen Muskel-Skeletterkrankungen im Handwerk lassen sich durch organisatorische Verbesserungen verringern. Hilfe dabei bieten Handwerkskammern, Innungen und Kreishandwerkerschaften, aber auch Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) der Krankenkassen.

Bei der IKK Classic werden die in e-RegioWerk erprobten Module Teil des BGM-Angebots werden. Das auf Handwerksbetriebe spezialisierte BGM dürfen Unternehmen kostenlos nutzen, wenn mindestens ein Beschäftigter bei der IKK Classic versichert ist und mindestens fünf Beschäftigte daran teilnehmen. Unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten können sich mit anderen Betrieben, Innungen oder Kreishandwerkerschaften zusammenschließen.

Laut §3, Abs. 34 Einkommensteuergesetz sind zusätzlich zum Arbeitslohn erbrachte Leistungen des Arbeitgebers zur Verhinderung und Verminderung von Krankheitsrisiken und zur Förderung der Gesundheit bis 500 Euro pro Jahr steuerfrei, wenn sie den Anforderungen der §§ 20 und 20b des Fünften Buches Sozialgesetzbuchs genügen.

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