Meinung -

Leitartikel Betriebe brauchen Begleitung

Ergebnisse von Studien müssen auch zu politischen Maßnahmen werden. Zwei bemerkenswerte Studien begünstigen eine schonungslose Bestandsaufnahme.

Gleich in zwei Bundesländern gab es in jüngster Zeit interessante Projekte über das Handwerk. In Baden-Württemberg führten das dortige Wirtschaftsministerium und der Handwerkstag das Vorhaben "Dialog und Perspektive Handwerk 2025" durch. In Nordrhein-Westfalen gab es eine Enquetekommission zur Zukunft von Handwerk und Mittelstand. Beide Initiativen sind äußerst verdienstvoll. Es ist gut, wenn man sich des Handwerks nicht nur in Sonntagsreden erinnert, sondern bemüht ist, sich mit der Lage und den Perspektiven dieses Wirtschaftsbereichs sowie den notwendigen politischen Rahmenbedingungen intensiver auseinanderzusetzen. Die entstandenen Berichte dürfen allerdings nicht in den Regalen verstauben, sondern sie müssen in Konzepte und Maßnahmen einfließen. Klar ist aber ebenfalls, dass auch die Betriebe und die Handwerksorganisationen ihre Hausaufgaben machen müssen. An den Anfang einer realistischen Strategie gehört eine schonungslose Bestandsaufnahme. Ergebnis einer solchen sind unter anderem folgende Fakten:

Erstens: Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung des Handwerks hat in den zurückliegenden Jahrzehnten merklich abgenommen.

Zweitens: Die Änderung der Handwerksordnung ab dem Jahre 2004, mit der 53 Berufe aus der Anlage A in die zulassungsfreien Handwerke verschoben wurden, hat dem Handwerk und der Gesamtwirtschaft sehr geschadet. Sichtbare Folge ist mittlerweile, dass der Mittelbau weg bricht und immer mehr Soloselbstständige auf dem Markt sind. Auf der anderen Seite profitieren noch die größeren Betriebe. Kritisch zu sehen ist auch, dass durch die vorgegebene Zahl an Handwerksberufen der Anlage A neue Entwicklungen nicht zu neuen Handwerksberufen führen. Dies korrespondiert damit, dass für das Handwerk selbst auch kaum neue Ausbildungsberufe entstehen.

"Die Änderung der Handwerksordnung hat sehr geschadet"

Drittens: Die Bereitschaft der selbstständigen Handwerker, sich in ihren Berufsorganisationen – den Innungen – zu organisieren, lässt leider dramatisch nach. Vor diesem Hintergrund muss sich das Handwerk den aktuellen Herausforderungen stellen. Besonders ragen dabei die Digitalisierung und der Fachkräftemangel heraus. Letzterer zeichnet sich zwar aufgrund der Entwicklung der Geburtenraten zwar schon seit Jahrzehnten ab. Aber wie das bei längerfristigen Entwicklungen so ist, zum Thema werden sie erst, wenn es brennt.

Um gegenzusteuern, bedarf es eines Bündels von Maßnahmen: Die Steigerung der Attraktivität der beruflichen gegenüber der akademischen Bildung gehört dazu genauso wie die Erschließung neuer Potentiale – unter anderem, aber nicht nur, bei den Flüchtlingen. Gefordert sind aber auch die Betriebe mit der Gewährleistung attraktiver und abwechslungsreicher Arbeitsbedingungen und die Tarifpartner. Die Bezahlung ist sicherlich nicht die alleinige Bestimmungsgröße, aber eben doch auch eine. Schwieriger wird es bei der Digitalisierung. Noch ist viel zu schwammig, was sie für das Handwerk und seine Branchen bedeutet. Sie wird aber einiges durcheinander würfeln und darauf gilt es sich einzustellen.

Bei all den Herausforderungen brauchen die Betriebe, insbesondere die kleinen, mehr denn je eine intensive Begleitung durch ihre Organisationen. Die Betriebe wird es allerdings wenig interessieren, wofür nun dabei Kammern und wofür Innungen und Fachverbände zuständig sind. Diese sind aufgefordert, gemeinsam ein überzeugendes Angebot zu liefern und dabei auch für die Mitgliedschaft in den freiwilligen Organisationen zu überzeugen und zu werben. Völlig kontraproduktiv allerdings ist es, wenn öffentlich geförderte Beratungen nunmehr zu einem kleinen Bürokratiemonster zu werden drohen, weil sie den EU-Beihilferegularien unterworfen werden. Die Betriebe werden darüber nur noch den Kopf schütteln: Sie brauchen Unterstützung und keinen bürokratischen Papierkrieg!

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