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Stifterverband engagiert sich für Ausbildungsqualität Berufsschullehrer: Offensive gegen den Mangel gefordert

In den kommenden zehn bis 15 Jahren gehen fast 50 Prozent der Berufsschullehrer in Ruhestand und schon heute herrscht im gewerblich-technischen Bereich Lehrermangel. Was Bund und Länder jetzt tun müssen, um aus der Schieflage herauszukommen, zeigt das DHZ-Interview.

Die duale Berufsausbildung in Deutschland gilt international als vorbildlich - doch das Bild hat einen Knacks bekommen. Zu wenige Studierende wollen Berufsschullehrer werden und schon heute herrscht Lehrermangel. Dabei geht in den nächsten Jahren fast die Hälfte aller Berufsschullehrer in Ruhestand.

Prof. Franz Kaiser leitet an der Universität Rostock das Institut für Berufspädagogik und engagiert sich mit dem Stifterverband dafür, den Beruf des Berufsschullehrers wieder attraktiver zu machen.

DHZ: Herr Prof. Kaiser: Sie fordern zuallererst Marketingmaßnahmen, um dem Lehrerengpass zu begegnen. Warum?

Kaiser: Berufsschullehrer haben ein Statusproblem. Sie absolvieren ein sehr anspruchsvolles Studium, das dem eines Ingenieurs entspricht; dazu ein volles Lehramtsstudium mit einem zweiten, allgemeinbildenden Fach; plus zwei Jahre Referendariat und mindestens zwölf Monate berufliche Praxis. Trotzdem liegt ihr Ansehen – und ihr Verdienst – deutlich unter dem des Ingenieurs.

DHZ: Hoher Aufwand für weniger Geld und schlechteres Ansehen – was spricht für die Berufswahl?

Kaiser: Der Beruf ist sehr vielfältig. Die Lehrer sind für verschiedene Schularten zuständig, von Handwerksazubis bis zu Gymnasiasten und Technikern können sie alle unterrichten. Sie arbeiten in einem sehr dynamischen Umfeld, ihr Stoff verändert sich mit dem Stand der Technik. Wir müssen diejenigen motivieren, die gleichzeitig technisches Interesse haben und Freude daran, junge Menschen zu begleiten.

DHZ: Wie wollen Sie sie gewinnen?

Kaiser: Zunächst braucht es ein zentrales, bundesweites Informationsportal, um das Berufsbild bekannter zu machen. Hier müssen die Kultusministerien an einem Strang ziehen, ebenso die Wirtschaftsverbände. Auch finanzielle Anreize sind nötig, sowohl für grundständig Studierende als auch für Seiteneinsteiger.

DHZ: Seiteneinsteiger sind allerdings nicht unumstritten.

Kaiser: Ja, das ist nicht einfach. Ingenieure haben zwar das Fachwissen, nicht aber die didaktischen Kenntnisse. Die sind unverzichtbar. Es ist eine Kunst, theoretische und fachliche Grundlagen zu vermitteln, in immer heterogeneren Klassen.

DHZ: Wäre ein Seiteneinstieg für Handwerksmeister denkbar?

Kaiser: Theoretisch ja. Der Meister berechtigt sie zum Studium. Es gäbe aber keinen Schnellweg, weil sie im Lehramt an beruflichen Schulen anderes Wissen benötigen. Sie müssen den Bachelor machen und weiter studieren. Vielen dauert das zu lange.

DHZ: Aber auch grundständig Studierende brauchen insgesamt 7,5 Jahre, bis sie sich Berufsschullehrer nennen dürfen.

Kaiser: Deswegen ist es eine Frage der Dringlichkeit, jetzt in systematischen Modellversuchen zu testen, ob und wie sich die Berufsschullehrerschaft sinnvoll differenzieren lässt. Denkbar sind berufsbegleitende Nachqualifikationen für Seiteneinsteiger; es ist auch fraglich, ob wir am Konzept des Breitbandberufs festhalten können. Ich halte zwar viel davon, wenn die allgemeinbildenden Fächer vom Fachlehrer unterrichtet werden, denn Gymnasiallehrer tun sich oft schwer mit der Lernfeldorientierung. Wenn aber die Kombination allgemeinbildendes Fach plus Ingenieursstudium die Hürde für Nachwuchskräfte zu hoch setzt, müssen wir andere Wege versuchen.

DHZ: Warum kommt dieser Vorstoß vom Stifterverband, also der Wirtschaft?

Kaiser: Es ist ein Appell an die Politik. Berufsbildung ist in der Wahrnehmung der Kultusministerien und auch bei den Eltern ein Randbereich. Die Berufsschullehrer sind aber ganz entscheidend für die Qualität der Ausbildung und damit für die Qualität der deutschen Wirtschaft.

Zwölf Forderungen für ein besseres Berufsschullehramt

Prof. Franz Kaiser kennt das Handwerk von Grund auf. Nach dem Abitur machte er eine Schreinerlehre. Ein engagierter Berufsschullehrer motivierte ihn, nach der Lehre ein Studium zum Berufsschullehramt anzuschließen. Zum Unterrichten kam er allerdings nie, denn nach einem Forschungsprojekt blieb er in der Wissenschaft. Das Instittut für Berufspädagogik an der Unversität Rostock baute Kaiser selbst auf.

Für den Stifterverband - einem Zusammenschluss aus Wirtschaft und Stiftungen - überreichte Kaiser der Kultusministerkonferenz ein Positionspapier. Darin hat das Innovationsnetzwerk Lehramt Berufsbildende Schulen zwölf zentrale Forderungen gestellt, die helfen sollen, den Lehrkräftenachwuchs zu sichern:
  1. Imagekampagne aufsetzen: Unterricht für die Fachkräfte von morgen
  2. Zentrales, bundesweites Informationsportal einrichten und pflegen
  3. Monetäre Anreize und verlässliche Finanzierungsmodelle für das Lehramtsstudium (in Mangelfächern) schaffen
  4. Berufspraktische Tätigkeit organisatorisch in das Studium eingliedern
  5. Kopplung von großer beruflicher Fachrichtung und einer fachaffinen, kleinen Fachrichtung flächendeckend ermöglichen
  6. Berufsbegleitendes Studium ermöglichen
  7. Geregelte Quereinstiegsmaster für Ingenieure flächendeckend anbieten
  8. Eine neue Form des Fachlehrers (Typ 5b) mit strukturell angelegter Weiterbildung zum Studienrat schaffen
  9. Referendariat und Masterstudium eng verzahnen und die Ausbildungsdauer signifikant reduzieren
  10. Studiengänge neu ausrichten, um Professionsbezug zu schaffen
  11. Innovative Ansätze gezielt fördern
  12. Berufliche Bildung politisch stärken
Weitere Informationen zur Berufsschullehrerinitiative hier. Das Positionspapier mit ausführlichen Erläuterungen lässt sich hier downloaden.
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