Während der Ausbildung -

Lehrermangel droht Berufsschulen: Leere statt Lehre

Maschinenbau, Informatik, Naturwissenschaften, Technik: Der Nachwuchsmangel plagt Unternehmen vor allem im MINT-Bereich. Aber auch Berufsschulen suchen verzweifelt nach Lehrern in diesen Fächern. Schon heute fehlen Lehrer und die Lücke droht immer größer zu werden. Woran das liegt und warum der Osten besonders betroffen ist.

In den Lehrerzimmern herrscht Mangel: "Wir brauchen dringend zwei Informatiker, aber es kommt keine einzige Bewerbung“, stellt Eugen Straubinger fest. Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB) leitet die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Balingen. Seine Schule bestreitet das aktuelle Schuljahr mit einer Lehrerabdeckung von 97,9 Prozent.

2,1 Prozent der Unterrichtsstunden fallen von vornherein aus. Krankheiten, Weiterbildungen oder Elternzeiten kommen noch hinzu. Ein durchschnittlicher Wert in Deutschland heute; und es droht, noch schlechter zu werden.

Jede vierte Lehrerstelle bleibt leer

Bis 2020 können nur drei von vier Berufsschullehrerstellen besetzt werden, warnt Bildungsforscher Klaus Klemm. In einer Studie für die Bertelsmann Stiftung hat der Wissenschaftler berechnet, wie sich Schüler- und Lehrerzahlen bis 2035 voraussichtlich entwickeln werden. Er hat Geburtenraten, Zuwanderungsprognosen und die Altersstruktur der heutigen Berufsschullehrer einkalkuliert und die Zahl der heutigen Studenten im Lehramt für berufliche Schulen gegenübergestellt. Von 2025 bis 2035 rechnet er mit einer Unterdeckung von 2.800 bis 4.100 Lehrern pro Schuljahr.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) arbeitet mit deutlich niedrigeren Zahlen. Sie geht davon aus, dass im Schnitt bis 2030 jedes Jahr 3.590 Berufsschullehrer eingestellt werden müssten, aber lediglich 2.920 am Markt sind; "nur“ 670 Stellen blieben demnach jedes Jahr unbesetzt.

Niedrigere Zahlen der Kultusministerkonferenz angezweifelt

"Dann geht es aber erst richtig los“, warnt Bildungsforscher Klaus Klemm. Ab 2013 sind in Deutschland die Geburtenraten erheblich gestiegen. Die höheren Schülerzahlen treffen ab 2030 auf die Berufsschulen.

Den Osten wird es besonders hart treffen. Hier sind 60 Prozent der heutigen Berufsschullehrer über 50 Jahre alt. "Zum Schuljahr 2030/31 ist zu erwarten, dass nur noch etwa 37 von 100 der Lehrkräfte des Schuljahres 2017/18 im Schulbetrieb tätig sein werden“, heißt es in einer Berechnung des Bildungsministeriums Sachsen-Anhalt.

Zwar haben die Länder Maßnahmen ergriffen, um dem Mangel zu begegnen: Quer-, Seiten- oder Direkteinsteiger bekommen durch Nachschulungen das Rüstzeug, um ihr berufliches Wissen an Schulklassen weiterzugeben. Gymnasiallehrer, von denen es immer noch zu viele gibt, satteln auf die Berufsschule um. Und die Länder umwerben Teilzeitkräfte und ältere Lehrer, damit sie ihr Stundendeputat aufstocken. Sachsen hat sogar im Januar die Verbeamtung für Lehrer wiedereingeführt, um seine Lehrkräfte nicht mehr an andere Bundesländer zu verlieren.

Mehr Wertschätzung für Berufsschullehrer

Ob der wichtigste Bereich, das Anwerben von mehr Studenten fürs Berufsschullehramt, fruchten wird, bezweifelt Straubinger aber. Die im Vergleich zur Wirtschaft nicht konkurrenzfähige Bezahlung, die hohe Stundenzahl, vor allem aber das geringe Image des Berufs sprächen dagegen: "Wir übernehmen eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft. Wir arbeiten an Inklusion, Integration, wir bilden Flüchtlinge aus und wir leisten unseren Beitrag zur Sicherung der Fachkräfte. Da würde ich mir mehr Wertschätzung wünschen“, sagt Straubinger.

Stattdessen sinkt der Ruf der Berufsschulen weiter. 2017 bewerteten noch 58 Prozent, 2018 nurmehr 56 Prozent der Schüler den Unterricht als gut oder sehr gut, wie der Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds informiert. Der Rest vergibt wegen dünner Personaldecke und ungenügender technischer Ausstattung Noten von befriedigend bis mangelhaft; keine Motivation, den Beruf zu ergreifen.

Zehn Prozent des Unterrichts fallen aus

Noch ist der Lehrermangel erträglich. An Straubingers Schule fallen im Schnitt fünf Prozent des Unterrichts aus; nicht ungewöhnlich in Deutschland. Weitere fünf Prozent werden an deutschen Berufsschulen von Vertretungslehrern gehalten; nach einer Studie von Statista und der Zeitung "Die Zeit“ aus dem Jahr 2017 sind diese Vertretungsstunden eher Aufbewahrung denn Unterricht. Fachunterricht lasse sich tatsächlich sehr schwer ersetzen, bestätigt Straubinger: "Wir haben 50 Berufe bei uns an der Schule. Ein Friseur kann den Unterricht bei den Mechatronikern aber nicht halten.“

Auch gehe die einfache Rechnung: "25 Deputatsstunden eines Lehrers pro Woche = 25 gehaltene Unterrichtsstunden“ nicht auf. Denn wer einen Referendar oder einen Direkteinsteiger betreue, brauche dafür Zeit, erklärt Straubinger. Der zeitliche Aufwand für das Einarbeiten in gänzlich neue Felder, beispielsweise der Digitalisierung, oder technische Aufgaben müsse ebenfalls vom Unterricht abgezwackt werden: "Wir haben 800 Computer und 20 Server an unserer Schule. Um die kümmern sich die Lehrer.“ Ein "EDV-Hausmeister“ oder ein Systemhaus? Zu teuer für den Staat.

Mehr Kompromissbereitschaft, nicht nur im Digitalpakt

Straubinger sieht noch viel Handlungsbedarf in Bund und Ländern: "Jetzt haben wir zwei Jahre für eine Einigung beim Digitalpakt gebraucht, obwohl wir diese fünf ­Milliarden unbedingt brauchen.“ ­Er wünscht sich von allen Seiten mehr Kompromissbereitschaft. "Wir bräuchten zum Beispiel dringend eine bundesweite Schulcloud. Doch die beruflichen Schulen sind gezwungen, ihre eigenen Lösungen zu entwickeln.“ Das gelinge mit viel Aufwand, sei aber kein zukunftsfähiges Konzept.

Auch sei es nicht zeitgemäß, wenn sich Lehrer nachschulen lassen müssten oder herabgestuft würden, weil sie vom Schuldienst eines Bundeslands in den eines anderen wechselten. "Das ist alles total überholt.“

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