Mittelfranken -

Seltene Steinmetztradition Bernhards letzte Reise

Das Großprojekt der Nürnberger Altstadtfreunde, der Wiederaufbau des Pellerhofes und besonders die Rekonstruktion der prachtvollen sandsteinernen Innenhoffassade, geht in die finale Phase.

Hunderte von Sandsteinen aus dem letzten noch laufenden Steinbruch der Region bei Worzeldorf wurden dafür behauen und verbaut. Alles in reiner Handarbeit. Dass dabei auch mal etwas schiefgehen kann, ist durchaus möglich und kam auch in der Vergangenheit des traditionsreichen alten Steinmetzhandwerks vor.

Eine besondere Tradition, die schon seit der frühen Gotik an den Dombauhütten gepflegt wurde, wenn ein Stein „verschlagen“ wurde, machten sich die Altstadtfreunde zusammen mit der am Pellerhof tätigen Firma GS Schenk zu Nutze, um auf ihre Bemühungen um Deutschlands einzigartiges Patrizierhaus aufmerksam zu machen.

„Bernhards letzte Reise“

Dazu ließen Altstadtfreunde-Chef Karl-Heinz Enderle und GS-Schenk-Geschäftsführer Jobst Dentler aus gegebenem Anlass die uralte Steinmetz-Tradition von „Bernhards letzter Reise“ im prominenten Rahmen des Pellerhofes aufleben.

Und so nahm im Pellerhof das alte Ritual seinen Lauf: „Mit Gunst und Verlaub“, begann der Ausrufer, Steinmetzmeister Roland Meier, Leiter der Natursteinabteilung der Firma GS Schenk. „Wir sind heute zusammengekommen, um eine traurige Pflicht zu erfüllen. Es muss ein Bernhard begraben werden.“

Damit war der missratene Stein mit einem Gewicht von 150 Kilogramm gemeint, der aufgebahrt auf einem Pritschenwagen auf seine letzte Reise wartete. Doch bevor diese beginnen konnte, musste sich oben auf den Stein Tobias Götz aus Großhaslach setzen, „demselbigen widerfuhr das Missgeschicke sein Werkstück zu verhauen“, so der Kommentar des Ausrufers. Nach einer Züchtigung des unglücklichen Steinmetzen mit sogenannten „Prütschhölzern“ folgten seine Arbeitskollegen und die geladenen Trauergäste dem Trauerzug hinaus auf das Gelände des ehemaligen Peststadels, wo der „Bernhard“ feierlich beigesetzt wurde.

„Es war uns eine Ehre, hier zu arbeiten“, betonte Jobst Dentler in seiner „Trauerrede“, dessen Unternehmen eine Natursteinabteilung mit vierzehn Steinmetzen unterhält und am Pellerhof neben vier weiteren Steinmetzbetrieben den Löwenanteil der Rekonstruktionen übernahm, und ergänzte: „Die Arbeit hier war sehr anspruchsvoll für unsere Steinmetzen. Hier ging nichts auf Knopfdruck, alles war reine Handarbeit.“

Prof. Dr. Elmar Forster, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Mittelfranken, würdigte die Arbeit und die Leistungen der Steinmetzen: „Mit Ihrer Arbeit hier am Pellerhof haben Sie etwas wiedererschaffen, das Jahrhunderte überdauern wird und das Steinmetzhandwerk über alle Maßen ehrt.“ Altstadtfreunde-Chef Enderle richtete den Blick in die Zukunft und auf das nächste Vorhaben seines Vereins, die Rekonstruktion der Fassade des Pellerhofes.

Auf der Homepage der Handwerkskammer für Mittelfranken finden Sie ­eine Diashow, die „Bernhards letzte Reise“ dokumentiert. hwk-mittelfranken.de/bernhard

Warum Bernhard?

Hatte ein Steinmetz durch Unachtsamkeit oder Übereifer, durch falsches Messen oder Missverstehen einer Vorzeichnung einen Stein „verhauen“, so erntete er den Spott seiner Zunftkollegen. Er hatte „einen Bernhard gemacht“, so wurde dieses Missgeschick in Anlehnung an eine misslungene Statue des Heiligen Bernhard von Clairvaux benannt, die, weil sie unbrauchbar geworden war, feierlich begraben wurde. Daraus wurde im Steinmetzhandwerk eine Tradition, die über die Jahrhunderte fortgeführt wurde. Der Steinmetz wurde dafür von seinen Zunftkollegen bestraft. Er erhielt für diesen Stein keinen Lohn. Zusätzlich musste er seine Kollegen zu einem Leichentrunk einladen, nachdem man den Stein feierlich begraben hatte.

Kennen Sie alte Handwerks­traditionen, die noch gepflegt werden? Lassen Sie es uns wissen. Kontakt: Agnes Graf-Then, E-Mail: agnes_graf@hwk-mittelfranken.de

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