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Filmkritik zum Sozialdrama "Kids Run" Berlinale 2020: Vom Bauarbeiter zum Boxer

In Barbara Otts Kinofilm "Kids Run", der noch bis Ende der Woche bei der Berlinale zu sehen ist, will ein junger Bauarbeiter seinen Lohn aufbessern und tritt deshalb bei einem Boxturnier an. Lesen Sie hier, ob das eine gute Idee ist und ob sich der Kinobesuch lohnt.

Was hat uns das Hollywoodkino nicht schon für große Boxerfilme beschert! Zuallererst zu nennen ist sicher die Kultreihe "Rocky" mit Sylvester Stallone, die mehr als ein halbes Dutzend Fortsetzungen nach sich zog – aber auch Michael Manns Biopic "Ali" mit Will Smith, Clint Eastwoods Oscar-Abräumer "Million Dollar Baby" mit Hilary Swank oder Martin Scorseses Boxerdrama "Wie ein wilder Stier" mit Robert DeNiro haben Millionen Fans auf der ganzen Welt begeistert und sich ihren Platz in der Filmgeschichte gesichert.

Das dürfte Filmemacherin Barbara Ott mit ihrem Film "Kids Run", der auf den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin 2020 in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" seine Weltpremiere feierte, etwas schwerer fallen: Im Vergleich zu diesen megapopulären Hollywoodfilmen fehlt es ihrem Sozialdrama nicht nur am nötigen Budget und einem entsprechend prominenten Hauptdarsteller, sondern auch an den großen Gefühlen. Dass ihr Film uns zwar bedrückt, aber nicht so recht mitreißen will, liegt daran, dass wir für ihre Hauptfigur nur schwer Sympathien entwickeln, mit ihr mitfiebern und ihr die Daumen drücken können – und das, obwohl sie gelernter Handwerker ist.

Ein Bauarbeiter in finanziellen Nöten

Andi (Jannis Niewöhner) arbeitet nämlich auf dem Bau – doch für seinen kräftezehrenden Job und sein Handwerk empfindet er ebenso wenig Liebe wie seine Ex-Freundin Sonja (Lena Tronina) noch für ihn. Andis Lohn reicht hinten und vorne nicht, denn er hat nicht nur ein Kind mit Sonja, sondern noch zwei weitere Kinder im schulpflichtigen Alter – und die kosten Geld. Mit der Wohnungsmiete ist er seit Monaten im Rückstand. Weil der Vermieter die Daumenschrauben anzieht, sein Chef ihm nicht mehr Lohn zahlen will und Andi ein passabler Boxer ist, meldet er sich bei einem Amateur-Boxturnier an – fast so, als wären seine finanziellen Sorgen danach für alle Zeiten passé.

Denn Andi ist kein Mensch, der großartig an seine Zukunft denken, mal in berufliche Weiterbildung investieren oder sich im Betrieb für höhere Aufgaben empfehlen würde – er lebt im Hier und Jetzt und hat damit mehr als genug zu tun. Weil er auf der Baustelle nach der abgelehnten Lohnerhöhung aufmüpfig wird ( "Ich dachte, da kann man normal mit dir drüber reden."), setzt ihn sein Boss prompt vor die Tür ( "Dann halt doch die Schnauze!"). Der Fachkräftemangel im Bausektor scheint dem Chef dabei kein Kopfzerbrechen zu bereiten – kaum hat er Andi gefeuert, steht ein Nachfolger mit osteuropäischem Nachnamen parat und übernimmt seinen Job. Friss oder stirb.

Der Blick in den Abgrund

"Kids Run" ist oft bedrückend nah dran an der Realität, an den sozialen Abgründen der Großstädte, und zeichnet in rastlosen und tristen Bildern eine beklemmende, kalte Welt, in der abgehängt wird, wer in der Arbeitswelt nicht richtig Fuß fasst und mittellos dasteht. Der gefeuerte Andi versucht sich erst als Putzkraft, dann als Türsteher in einer Sicherheitsfirma – aber wirklich gut ist er nur im Boxring. Und auch nur dort wird für einen schwierigen und aufbrausenden Typen wie ihn, um den sich die Arbeitgeber nicht reißen, das schnelle Geld greifbar. Während wir über seine Vorgeschichte wenig erfahren, fühlen wir doch, dass er ein liebender Vater ist – für seine Kinder ist er nämlich bereit, sich aufzuopfern, und letztlich sind sie seine größte Motivation für die kraftraubenden Trainingsstunden im Ring (und seine treuesten Fans im Zuschauerraum).

Doch der Film von Barbara Ott, die neben der Regie auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, folgt nicht – und das ist ein großer Pluspunkt – der klassischen Dramaturgie, die wir aus den eingangs genannten Beispielen und vielen anderen Hollywoodfilmen kennen: "Kids Run" ist eher Sozial- und Familiendrama als Sportfilm und leuchtet intensiv das Seelenleben seiner gebeutelten Hauptfigur aus, statt die Scheinwerfer allein auf das Boxturnier zu richten. Steuert in diesem Genre normalerweise alles auf das Finale im Rampenlicht zu, machen die fliegenden Fäuste hier nur wenige Minuten aus und münden in eine faustdicke Überraschung – es ist eine der stärksten Szenen des Films, in dem sich die herzerwärmenden Momente ansonsten an einer Hand abzählen lassen.

"Kids Run" ist noch bis Ende der Woche auf der Berlinale 2020 zu sehen – und es birgt fast eine gewisse Ironie, dass der Film im Rahmen der Sektion "Berlinale goes Kiez" am 27. Februar auch in der JVA Plötzensee gezeigt wird. Boxender Bauarbeiter goes Bau.

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Regulärer Kinostart: 20. November 2020

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