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Filmkritik zum Reality-Drama "One of these days" Berlinale 2020: Hand anlegen für den Hauptgewinn

Es klingt wie der grandiose Marketing-Gag eines Autohauses: 20 Freiwillige legen die Hand auf ein nagelneues Fahrzeug – und wer sie am längsten dort liegen lässt, darf das Auto am Ende behalten. Im Kinofilm "One of these days" ist dieser Wettbewerb Realität – und die Folgen sind schockierend.

HANDS UP heißt die Ausbildungsmesse des Handwerks, die jährlich von der Kreishandwerkerschaft Stuttgart organisiert wird – HANDS ON hingegen heißt der Wettbewerb, den Filmemacher Bastian Günther in den Mittelpunkt seines deutsch-amerikanischen Reality-Dramas "One of these days" stellt. In beiden Fällen geht es um echte Handarbeit: Während in der baden-württembergischen Landeshauptstadt jedes Jahr im Februar hunderte Schüler, Eltern und Lehrer ins Rathaus strömen und sich über die 130 Ausbildungsberufe der "Wirtschaftsmacht von nebenan" informieren, legen in einer texanischen Kleinstadt beim Hands-on-Wettbewerb eines kleinen Autohauses die Teilnehmer ihre Hände auf einen nagelneuen blauen Pick-Up. Wer diesen auf Dauer sehr kräftezehrenden Contest am längsten durchhält, darf das Fahrzeug am Ende behalten.

Das Ganze ist keineswegs frei erfunden, sondern basiert auf einer wahren Begebenheit: Während hierzulande schon skurrile Wettbewerbe wie das Pfahlsitzen für Schlagzeilen sorgten (der Weltrekord liegt bei 196 Tagen), kam 1992 ein pfiffiger Autohändler in Texas auf die Idee, das Event "Hands on a Hardbody" ins Leben zu rufen. Genau hier setzt Günthers Film, der bei der Berlinale 2020 in der Sektion "Panorama" seine Weltpremiere feierte, an: 20 finanziell nicht auf Rosen gebettete Teilnehmer, unter ihnen der junge Familienvater Kyle (Joe Cole), postieren sich rund um den Pick-Up und legen ihre Hände darauf. Abstützen ist ebenso verboten wie hinsetzen, mindestens eine Hand muss immer am Fahrzeug bleiben. Einmal pro Stunde gibt es ein kurzes Time-Out für den Toilettengang, alle sechs Stunden eine viertelstündige Pause. Mehr ist nicht drin.

Das Volk jubelt, die Teilnehmer leiden

Denkt man an Trash-Formate wie das Dschungelcamp, in denen C-Promis zur Unterhaltung des RTL-Publikums einmal im Jahr an ihre physischen und psychischen Grenzen gebracht werden, greifen in "One of these days" ganz ähnliche Mechanismen wie bei einer Reality-Show. Denn das Prozedere ist praktisch das gleiche: Die bedauernswerten Wannabe-Glückspilze schwitzen Tag und Nacht in der texanischen Sommerhitze, während es sich das Publikum – sehr zur Freude von Joan (Carrie Preston), der gewieften Marketingmanagerin des Autohauses – rund um den schmucklosen Schauplatz des Wettbewerbs mit Bierbechern und Popcorn gemütlich macht, die Teilnehmer anfeuert und gespannt verfolgt, bei wem die Kräfte als nächstes nachlassen. Schon bald brechen die ersten zusammen.

Die bis in die Haarspitzen motivierten Kandidaten geben in ihrem Materialimus-Wahn ihr Bestes, um das vorzeitige Ausscheiden zu verhindern – eine Frau liest stundenlang in der Bibel, ein anderer hört Musik, um sich abzulenken – dumm nur, dass er irgendwann beim rhythmischen Trommeln mit den Händen auf dem Pick-Up vergisst, dass ja immer mindestens eine Hand das Metall berühren muss. Andere Teilnehmer versuchen, ihre Kontrahenten mit Psychospielchen und gezielten Provokationen zur Aufgabe zu bewegen. Spätestens hier bekommt das bissig-satirische Drama seine spannendste Komponente – die psychologische, die in einer Tragödie gipfelt.

Ein schockierender Twist und ein missglücktes Finale

Was genau passiert, soll an dieser Stelle nicht verraten werden – fest steht aber, dass der Contest, bei dem ein Kandidat mit gezinkten Karten spielt, nach einer pfiffigen Wendung einen weitaus dramatischeren Ausgang nimmt, als es anfangs den Anschein hat. Das Teilnehmerfeld dünnt sich aus, der Kreis der Favoriten spitzt sich vor den Augen der Zuschauer und lokalen TV-Sender zu – doch als es nach fast vier Tagen in brütender Hitze und wenigen Minuten Schlaf auf die Zielgerade geht, geschieht etwas, das mit der amerikanischen Realität am Ende vielleicht mehr zu tun hat als der vielbeschworene "American Dream", den die Teilnehmer aus der Arbeiterklasse Zeit ihres Lebens vergeblich zu verwirklichen versucht haben.

So aufwühlend und überraschend die Eskalation daherkommt, so schlecht wirkt sie vorbereitet und so sehr misslingt das, was mit einer konventionelleren Dramaturgie wohl deutlich besser funktioniert hätte: An den Höhepunkt des Films schließt der Regisseur noch ein viel zu lang geratenes Schlusskapitel an, das gleichzeitig Prolog und Epilog ist – das nimmt "One of these days" einen Großteil seiner Durchschlagskraft und lässt das über weite Strecken so überzeugende Reality-Drama am Ende viel zu seicht ausklingen.  Es verwundert daher nicht, dass sich bei der Weltpremiere im Berliner Zoo Palast gleich mehrere Zuschauer mit irritierten Fragen an die Filmemacher wandten.

"One of these days" ist noch bis zum 28. Februar auf der Berlinale 2020 zu sehen und startet in den kommenden Monaten voraussichtlich auch bundesweit in den Kinos.

Weitere Informationen zum Film und alle Berlinale-Termine

One of These Days new clip official from Berlin Film Festival 2020 - 1/3

Mit Dreharbeiten in Louisiana feierte "One of these Days" am 22. Februar auf der Berlinale seine Premiere.

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