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Filmkritik zum Fantasy-Abenteuer "Pinocchio" Berlinale 2020: Der Handwerker und seine Holzpuppe

Der kleine "Pinocchio", dessen Nase beim Lügen länger wird, zählt zu den beliebtesten Kinderbuchfiguren der Welt. Die aufwändige Neuverfilmung des Stoffes hat auf der Berlinale ihre große Deutschlandpremiere gefeiert – und sich dabei als Liebeserklärung an traditionelle Handwerksberufe entpuppt. Unser Filmkritiker ist begeistert.

Wer kennt sie nicht – die berühmte Geschichte vom kleinen Pinocchio, dessen Lügen stets durch seine wachsende Nase enttarnt werden? Die beliebte Kinderbuchfigur des italienischen Autors Carlo Collodi, die erstmals 1881 in einer Wochenzeitung erschien, hat in den vergangenen Jahrzehnten Einzug in über zwei Dutzend Filme gehalten – aber so gelungen wie Matteo Garrones prachtvoll ausgestattetes Fantasy-Abenteuer "Pinocchio", das bei den 70. Internationalen Filmfestspielen Berlin seine Premiere feierte, war wohl noch keine dieser Adaptionen.

Während Pinocchio buchstäblich jedem Kind ein Begriff sein dürfte, gerät beim Gedanken an die Abenteuer der frechen Holzpuppe bisweilen in Vergessenheit, dass es ein Handwerker war, der sie unverhofft zum Leben erweckt hat – und der ist in Garrones detailverliebter Kreuzung aus Real- und Animationsfilm sogar der heimliche Publikumsliebling. Er ist nicht nur gelernter Tischler, sondern ein wahres handwerkliches Multitalent – und steckt so viel Herzblut in seine Arbeit mit dem Material, wie es wohl nur ein Handwerker mit Leib und Seele tun kann.

Das Meisterstück, das zum Leben erwacht

Regisseur und Drehbuchautor Matteo Garrone, der in den vergangenen Jahren unter anderem mit seinem Mafiathriller "Gomorrha" für Aufsehen sorgte, hält sich eng an die Originalhandlung der berühmten Kindergeschichte und beginnt seine Erzählung in einem kleinen italienischen Dorf: Der ebenso einsame wie mittellose Tischler Geppetto (Roberto Benigni) erhält von seinem Kollegen, Mastro Ciliegia (Paolo Graziosi), einen großen Holzscheit, der anders ist als alle anderen Holzscheite in seiner kleinen Werkstatt: Er lebt. Das merkt Geppetto allerdings erst, als er seine sorgfältige Arbeit am Material fast abgeschlossen hat: Kaum hat er mit seinem Schnitzmesser aus dem Holz einen Kopf und Körper geformt, schlägt die Figur (Federico Ielapi) zum Erstaunen seines "Babbo" (= "Papa") die Augen auf und beginnt direkt drauf los zu plappern. Pinocchio ist geboren!

Geppetto zeigt allerdings nicht nur im Umgang mit Hobel, Hammer und Messer sein handwerkliches Geschick: Damit sein geliebtes Meisterstück nicht frieren muss, schneidert er ihm aus alten Decken eine Jacke, eine Hose und einen spitzen Hut – kleine Risse und Ecken im Holzkopf werden elegant retuschiert und abgeschliffen. Dass Geppetto ein handwerklicher Alleskönner ist und nicht nur als Tischler, Holzbildhauer, Schneider und Maskenbildner hervorragende Arbeit abliefert, zeigt er dann auch, als Pinocchio seine hölzernen Beine ein wenig zu lang am heißen Ofen aufwärmt – die kokelnden Stumpen werden kurzerhand amputiert und fast 1:1 durch praktische Holzprothesen mit Gelenk ersetzt. Kein Orthopädietechnik-Mechaniker hätte das besser hingekriegt!

Der Blick für das Material

Was Garrones Neuverfilmung des Stoffes so einzigartig macht, ist neben dieser aufrichtigen Liebeserklärung an  (traditionelle) Handwerksberufe aber auch der Blick für das Material und das erzählerische Weiterverarbeiten der gewinnbringenden Eigenschaften, die der natürliche Rohstoff mitbringt: Holz brennt, wenn es zu nah ans Feuer gerät, Holz schwimmt oben, so dass Pinocchio beim Schwimmen nie Mühe mit dem Wellengang hat, Holz ist robust, wenn ihm der strenge Lehrer im Klassenzimmer zur Strafe mit einem Stock auf die Hand schlagen will – und wenn es Pinocchio einmal schlecht geht, können die Ärzte an der Maserung des Holzes sogar erkennen, welche Krankheit er sich auf seinem Abenteuer eingefangen hat.

Ist Pinocchio erst einmal aufgebrochen, verschwindet sein sympathischer Meister allerdings für eine Weile aus dem Blickfeld – was nicht weiter tragisch ist, denn die aufgeweckte Holzpuppe lernt auf ihrer Odyssee durch die prachtvollen Landschaften Italiens viele andere spannende Lebewesen kennen. Auch die überzeugen mit herausragender Handarbeit, wenngleich das Lob diesmal den Filmemachern gilt: Die opulent geschneiderten Kostüme in einem Marionettentheater stehen der tollen Arbeit der Maskenbildner in nichts nach – Pinocchio begegnet auf seiner langen Reise unter anderem einem hinterlistigen Fuchs und einer durchtriebenen Katze, die den Ausreißer um seine Goldmünzen bringen wollen, einer geheimnisvollen Fee und einer gutmütigen Schneckendame, die – auch hier kommt das Handwerk wieder zu seinem Recht – ganz hervorragende Teilchen backt.

Warum "Pinocchio" kein Kinderfilm ist

Wer mit dem Gedanken spielt, seine Familie mit ins Kino zu nehmen und sich das auch für Erwachsene wunderbar geeignete Fantasy-Abenteuer dort anzuschauen, wo es hingehört (nämlich auf die große Leinwand!), sollte allerdings bedenken: Kinder unter 10 Jahren dürfte "Pinocchio" zu gruselig sein. Wenngleich bedrohliche Szenen oft in typischer Familienfilmmanier aufgelöst oder ironisch abgeschwächt werden, wirkt der ansonsten so sommerlich warm kolorierte Kosmos aus realer Welt und Fantasie an mancher Stelle überraschend morbide: Pinocchio muss nicht nur ein düsteres "Haus der Toten" betreten, sondern auch dem qualvollen Tod durch Ertrinken entgehen und sich von einem monströsen Raubfisch verschlucken lassen.

Und da ist noch eine zweite große Überraschung: Pinocchios Markenzeichen – die wachsende lange Nase, sobald er eine Lüge ausspricht – spielt im Film fast überhaupt keine Rolle. Bis Pinocchio das erste Mal lügt, ist über eine Stunde vergangen – und die erhoffte Magie geht diesem Moment, der für zwei kindgerechte Gags herhalten muss, fast vollkommen ab. Das ist ein wenig schade, ändert aber nichts daran, dass "Pinocchio" unterm Strich ein fantastisch fotografiertes, prachtvoll animiertes und ungemein warmherzig erzähltes Abenteuer für Jung und Alt ist, bei dem nicht nur Handwerker auf ihre Kosten kommen.

"Pinocchio" ist noch bis zum 1. März auf der Berlinale 2020 zu sehen und startet in den kommenden Monaten bundesweit in den deutschen Kinos.

Weitere Informationen und alle Berlinale-Termine

PINOCCHIO Trailer German Deutsch UT (2020)

Live-Action-Adaption der klassischen Geschichte einer Holzpuppe namens Pinocchio, die zum Leben erwacht.

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