Meisterstücke -

Wie ein Hersteller von Fotozubehör die DDR überstand Berlebach: Auferstanden aus Ruinen

Ein Leben für das Holzstativ: Nach dem Ende der DDR hat Wolfgang Fleischer die Traditionsmarke Berlebach wieder auf feste Beine gestellt. Heute sind die Produkte aus Mulda weltweit gefragt.

Wenn Wolfgang Fleischer zwischen den beiden Standorten seines Betriebes im mittelsächsischen Mulda pendelt, dann holt er noch oft den alten B 1000 aus der Garage. Der Kleintransporter, Marke Barkas, steht für den Inhaber der Firma Berlebach wie ein Symbol für den schwierigen Beginn seiner Laufbahn als Unternehmer. Heute ahnt kaum jemand, unter welchen Bedingungen der traditionsreiche Hersteller von Holzstativen 1993 vor der Insolvenz bewahrt wurde.

Damals kaufte Wolfgang Fleischer das Unternehmen von der Treuhand, obwohl er als langjähriger technischer Leiter um die Herausforderung wusste, die vor ihm lag: Die Gebäude marode, der Maschinenpark schrottreif, viele Mitarbeiter entlassen, wichtige Absatzmärkte weggebrochen. "Aber ich habe fest an die Zukunft der Holzstative als Marktnische geglaubt", sagt der heute 75-Jährige, der sich schon als Schüler bei Berlebach in den Ferien etwas hinzuverdiente und später sein gesamtes Berufsleben der Firma die Treue hielt.

Holzstative von Berlebach

Wie unter einem Brennglas erlebte Wolfgang Fleischer am Beispiel Berlebach ostdeutsche Wirtschaftsgeschichte – von seiner Werkzeugmacherlehre im Privatbetrieb über die Zwangsverstaatlichung zum VEB Foto-Kino 1972 und die zunehmenden Versorgungsprobleme ab Mitte der 1980er-Jahre bis hin zur Übernahme des volkseigenen Betriebes durch die Treuhand nach der Wiedervereinigung. Danach wurde er selbst zum Unternehmer.

Mit sieben Mitarbeitern und der Auflage, in den folgenden Jahren 300.000 D-Mark zu investieren, startete Wolfgang Fleischer 1993 sein Vorhaben, der Marke Berlebach neues Leben einzuhauchen. In einer Zeit, als alle namhaften Hersteller von Kamerastativen auf Metall vertrauten, versuchten die Sachsen mit Holzbeinen einen Gegenpol zu setzen. Für beide Materialien gibt es gute Gründe. "Eschenholz ist schwingungsfreier und standfester als Alurohr und Kohlefaser", erklärt Fleischer, der aber auch um die Nachteile bei Gewicht und Packgröße weiß.

Holz- und Metallhandwerker im Zusammenspiel

25 Jahre nach dem Neustart haben Holzstative von Berlebach wieder einen ausgezeichneten Ruf in der Fotoszene. Vor allem Naturfotografen mit ihren schweren Teleobjektiven schätzen die vibrationsdämpfenden Eigenschaften des Holzes und die Stabilität der Berlebach-Stative, die nie mehr als zwei Auszüge haben. Gleichzeitig fertigt Berlebach in seinem Metallbetrieb Stativköpfe für die verschiedensten Anwendungen. "Holz- und Metallhandwerker zusammenzubringen, ist gar nicht so einfach", gesteht Wolfgang Fleischer. Während die einen mit Toleranzen von einem Millimeter arbeiten, müssen die anderen aufs Tausendstel achten. Aber das Zusammenspiel funktioniert. Die 14 Mitarbeiter generieren einen Umsatz von mehr als einer Million Euro bei einer hohen Fertigungstiefe.

Bei seinem Einstieg als Inhaber von Berlebach konnte Fleischer von solchen Zahlen nur träumen, denn es fehlte an Aufträgen. In Zeiten des Eisernen Vorhangs war der VEB Foto-Kino als einziger Hersteller von Stativen Lieferant für den gesamten Ostblock – von der Sowjetunion bis nach Bulgarien. Mit der Einführung der D-Mark waren diese Märkte verloren. Schlimmer noch: Die Altbestände aus den osteuropäischen Ländern überschwemmten zu Tiefstpreisen den Markt. "Unsere Stative wurden an jeder Straßenecke zum halben Preis verschleudert", verweist Wolfgang Fleischer auf einen der bedrohlichsten Momente der ohnehin schwierigen Startphase.

Mit Geschichte der Fotografie verbunden

Derweil versuchte seine Ehefrau, wie ihr Mann seit Jahren im Betrieb, alte Geschäftskontakte wieder zu aktivieren. "Wir haben halt angefangen zu wurschteln", erzählt Wolfgang Fleischer mit sächsischem Humor. Damals hat er die Stative noch persönlich zu den Kunden gebracht. "Da bin ich mit dem B 1000 bis nach Kaiserslautern oder Dortmund gefahren. Start um 2 Uhr in der Nacht und im Laderaum neben der Ware noch 80 Liter Kraftstoff, weil es an den Tankstellen im Westen ja kein Gemisch für Zweitaktmotoren gab." Das Engagement sollte sich auszahlen. Nach und nach wurden der Maschinenpark erneuert, später die Gebäude instand gesetzt und eine neue Halle gebaut.

Der Name Berlebach ist eng mit der Geschichte der Fotografie verbunden. Als der Kaufmann Otto Berlebach 1898 am Standort der heutigen Holzfertigung mit dem Bau von Stativen, Kopierrahmen und Trockenständern begann, steckte das Anfertigen von Lichtbildnissen noch in den Kinderschuhen, entwickelte sich aber rasant. So stieg auch die Belegschaft bei Berlebach schnell auf mehr als 30 Personen, wurden schon 1906 Produkte nach England geliefert, wie ein Hamburger Exporthandbuch verrät.

Schon 1918 verkaufte Otto Berlebach seine Firma, aber die Nachfolger behielten den Namen bei. Als Wolfgang Fleischer 1962 seine Lehre antrat, wurde der Betrieb noch privat geführt. Fleischer qualifizierte sich zum Maschinenbaumeister und Techniker, stieg bis zum technischen Leiter im VEB Foto-Kino auf. An die Verstaatlichung kann er sich noch gut erinnern: "Wir Mitarbeiter bekamen sofort mehr Lohn, später sogar eine Jahresendprämie." Aber als Verantwortlicher für die Produktion blieben ihm auch die Schattenseiten der Planwirtschaft nicht verborgen.

Export nach Westeuropa oberste Priorität

Produziert wurde in drei Katego­rien: Oberste Priorität hatte der Export, allen voran nach Frankreich, England, Holland oder in die BRD. "Das wurde aber ohne unseren Einfluss über den Außenhandel abge­wickelt. So beschaffte sich die DDR die notwendigen Devisen. Wir bekamen zwar, was wir kalkuliert hatten, wussten aber nicht, zu welchen Preisen unsere Produkte in den Westen verscherbelt wurden", erzählt Wolfgang Fleischer.

Berlebach Stativtechnik

Zweitwichtigster Absatzmarkt waren die "gesellschaftlichen Bedarfsträger", womit in der DDR Polizei, Volksarmee oder staatliche Einrichtungen gemeint waren. Der Rest ging an die Bevölkerung. "Diesen Bedarf konnten wir nie befriedigen, obwohl wir jeden zweiten Samstag Sonderschichten einlegten", blickt der ehemalige technische Leiter zurück.

Mitte der 1980er-Jahre nahmen die Probleme zu. Weil es kein Eschenholz mehr gab, musste notgedrungen auf Buche umgestellt werden mit vorhersehbaren Einbußen bei der Qualität. Zu den Materialengpässen gesellte sich akuter Arbeitskräftemangel. Jede Neueinstellung musste vom Rat des Kreises genehmigt werden. Im Winter halfen Mitarbeiter aus der Landwirtschaft aus. Das System der Planwirtschaft hatte abgewirtschaftet, das war für Wolfgang Fleischer schon vor der Wende offensichtlich.

EMV-Stative und Astronomiezubehör

Heute genügt die Qualität der Berlebach-Stative wieder höchsten Ansprüchen, so dass sie weltweit gefragt sind. Zudem gewährt Berlebach zehn Jahre Garantie und verspricht seinen Kunden, 30 Jahre lang Ersatzteile zu liefern.

35 Kubikmeter Eschenholz werden pro Jahr in Mulda zu 7.500 Stative verarbeitet – ein Drittel davon für die Profi-Serie. Dazu gibt es jede Menge Zubehör. Durch das Baukastensystem der Produktpalette können sich die Kunden ihr Stativ aus 14 Modulen auf ihre persönlichen Ansprüche konfigurieren. Aber der Markt für Fotografie stagniert. Deshalb fertigt Berlebach inzwischen auch Stative für Astronomen und EMV-Stative, die Hersteller elektrischer Anlagen und Geräte brauchen, um ihre Produkte auf elektromagnetische Verträglichkeit zu prüfen.

Die Mittelsachsen haben das Luxushotel "Burj al Arab" in Dubai mit Stativen ausgestattet und gemeinsam mit der TU Dresden das weltweit erste Verbundstativ aus Holz und Carbon entwickelt. Aus der maroden Substanz, die die sozialistische Planwirtschaft zum Ende der DDR hinterlassen hatte, hat sich ein Handwerksbetrieb entwickelt, der so fest auf den Beinen steht wie eine Kamera auf einem Berlebach-Stativ.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten