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Tirol Berge in Flammen

Es ist der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres. In der mystischen Nacht rund um die Sonnenwende am 21. Juni versetzt uraltes, alpenländisches Brauchtum Einheimische und Gäste Tirols gleichermaßen ins Staunen. Die Sonnwendfeuer sind Brauchtum, Kulturgut und Kunst zugleich.

Berge in Flammen

Wenn Karlheinz Somweber aus Ehrwald mit seinem Team in den Tagen vor dem 21. Juni die Bergspitzen rund um die Zugspitze unsicher macht, dann hat das einen besonderen Grund: Die Ehrwalder Bergfeuer haben inzwischen Kultstatus. Dreidimensional erscheinende Kreuze, Steinböcke, Rosen – was der Ehrwalder Verein "Bergfeuer" auf die Berghänge zaubert, das ist wohl die höchste Kunstform der traditionellen Sonnwendfeuer. "Für die heurige Sonnwende sind wir schon intensiv beim Planen", meint Somweber. Das ist auch notwendig, denn schließlich hat man in Ehrwald die Sonnwendfeuer zur Kunstform erhoben. "Wir sind seit 2010 als immaterielles Kulturerbe der Unesco gelistet. Diese Auszeichnung ist für uns jedes Jahr der Ansporn, Tradition und Neuinterpretation der Bergfeuer miteinander zu verbinden", so Karlheinz Somweber.

Mystik mit Hintergrund

Wenn am 21. Juni der längste Tag des Jahres in die Dämmerung übergeht, dann wird es auf Tirols Bergen mystisch. Die Dunkelheit bricht herein und langsam entdeckt man auf den Bergspitzen die ersten Feuerstellen. Manchmal sind es einfache Feuerstellen, immer öfter aber kunstvolle Feuerfiguren mit christlichen oder alpenländischen Motiven. Am besten sucht man sich dann einen stillen Platz in der Natur, genießt den Sonnenuntergang und die immer deutlicher werden Bergfeuer. Diese Nacht ist voller Mythen und bei schönem Wetter genießen viele Menschen dieses Schauspiel bis spät in die Nacht, wenn die letzten Feuer auf den Bergen verglimmen.

Was heute die Augen verzaubern soll und den Alpenraum in ein mystisches Licht taucht, hat seinen Ursprung in der bäuerlichen Kultur. Markante Zeitpunkte im Jahreskreis wurden schon durch die Kelten mit Bergfeuern markiert. Die Sonnenwende war Zeichen für Aussaat und Ernte. Die Feuer hatten die Funktion eines Kalenders. Ein Feuer zu entzünden, war gleichzeitig Dank an die Götter und hat wahrscheinlich den Ursprung in uralten Sonnenmythen.

Herz-Jesu-Feuer

Sonnwendfeuer
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In Tirol haben die Bergfeuer zur Sonnenwende im Juni aber noch einen Ursprung, der in das 18. Jahrhundert und die Bauernkämpfe gegen Kaiser Napoleon I. zurückführt. 1796 suchten die Tiroler Stände göttlichen Beistand im Freiheitskampf gegen die Franzosen. Sie gelobten beim "Heiligsten Herzen Jesu" das Herz-Jesu-Fest jährlich feierlich zu begehen. Dieses göttliche Bündnis brachte zwar nicht den Sieg über Napoleon, der Brauch ist allerdings mit den ursprünglichen Sonnwendfeuern verschmolzen worden. Darum sieht man heute auf den Bergen Tirol rund um den 21. Juni sehr oft christliche Motive – wie Kreuze oder das Herz. Heute sind vor allem die Jungbauernschaften, Schützenkompanien und andere Vereine dafür verantwortlich, dass die Sonnwendfeuer jedes Jahr entfacht werden.

Sonnwendfeste

Wer die Sonnwendfeuer nicht alleine erleben will, der hat in Tirol bei vielen Sonnwend-Festen jede Gelegenheit dazu. 2014 ist zudem ein Jahr, in dem der 21. Juni auf einen Samstag fällt. So kann man ungestört die kürzeste Nacht des Jahres zum Tag machen.

Ein Beispiel für ein traditionelles Fest rund um die Bergfeuer ist das Kaiserwinkl Sonnwendfest in der Ortschaft Rettenschöss im Tiroler Unterland. Bereits zum 9. Mal warten Besucher im Ortszentrum von Rettenschöss gemeinsam bei Tiroler Schmankerln und Musik darauf, dass die Vereine des Ortes ihre Bergfeuer entzünden.

Das Ehrwalder Sonnwendfest ist mit seinen rund 8.000 einzelnen Feuerstellen ein unvergessliches Erlebnis. Gefeiert wird im Ortszentrum von Ehrwald, wo man einen ausgezeichneten Blick auf den gesamten Talkessel und die Bergfeuer hat.

Am Tiroler Achensee können Besucher die Sonnwendfeuer zu Wasser erleben. Sie fahren mit dem Schiff hinaus auf den See und warten gemeinsam darauf, dass die Bergfeuer entfacht werden.

Eindrucksvoll erleben kann man die Sonnwendfeuer auch in Innsbruck. Hier erleuchtet die Nordkette traditionell im Schein der Bergfeuer. Ein besonderes Highlight bietet hier die Nordkettenbahn. Im Spannungsfeld von Stadt und Berg erlebt man auf den einzelnen Stationen der Nordkettenbahn ab 18 Uhr nicht nur die Bergfeuer, sondern wird auch musikalisch und kulinarisch verwöhnt. dhz

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