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TV-Kritik: ARD - "hart aber fair" über den Lockdown ohne Ende Existenzangst: Der emotionale TV-Auftritt einer Friseurmeisterin

Der Titel war Programm. Mit der Frage "Lockdown und kein Ende: Wie geht es Ihnen in der Krise?" hatte Frank Plasberg seinen Hart-aber-fair-Talk überschrieben. Was dabei herauskam, war in der Tat eine emotionale, aber gleichzeitig auch sehr gefasste Ausgabe der Talkshow – und das lag neben dem einzigen Politiker der Runde an einer Friseurin aus Berlin, die für Gänsehautmomente sorgte. Prädikat: Wohltuend, vor allem im Vergleich mit ähnlichen Talkrunden.

Um zu verstehen, warum diese Ausgabe von "hart aber fair" wohl eine der besten Talkshows der vergangenen Monate war, muss man sich vergegenwärtigen, was fast exakt 24 Stunden zuvor ebenfalls in der ARD gelaufen war. Da hatte Anne Will ebenfalls zum Lockdown getalkt, aber mit einem ziemlich staatstragend-politischen Panel. Dort saßen Politiker wie Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) oder die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mithin also Gäste, die die Lockdown-Strategie verantworten, außerdem aufgrund des und Impf-Desasters mit dem Rücken zur Wand stehen und deshalb eine klare Verteidigungs-Strategie fahren, die die immer gleichen Argumente zu Tage bringt. Zudem eine Journalistin, die einem noch radikaleren Lockdown das Wort redete, und ein Mediziner. Mit Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft war nur ein dezidierter Kritiker der aktuell recht einseitig praktizierten Schließungs-Politik eingeladen. Und so schwankte die Runde zwischen Polit-Sprech und erhobenen Zeigefingern hin und her.

Die Schicksale im Land

Plasbergs Runde am Montagabend indes war deutlich diverser und breiter aufgestellt, was die unterschiedlichen Schicksale und Ansichten im Land angeht. Nicht, dass nicht auch dort Anhänger des aktuellen Lockdowns oder noch härterer Maßnahmen saßen – etwa der Schriftsteller Jan Weiler oder mit Abstrichen die Intensivmedizinerin Carola Holzner. Aber es waren eben mit der Gesundheitspsychologin Monika Sieverding – und vor allem der Friseurin Kirstin Vietze – auch Menschen eingeladen, die Bereiche der aktuellen Corona-Problematik beleuchteten, die in eher sterilen und zur Realität im Land hin bestens abgeschirmten Runden wie der von Will am Vorabend nicht ausreichend zur Sprache kommen. Gut, dass über die Krise auch mal anders getalkt werden kann.

Friseurmeisterin gibt Homeschooling: 60 Mal am Tag das Wort "Mama"

Vietze betreibt in Berlin schon in vierter Generation einen Salon mit 22 Mitarbeitern und einigen Azubis, die dort das Friseurhandwerk, aber auch das des Kosmetikers lernen. Sie hat drei schulpflichtige Kinder, der Vater und die Schwiegermutter leben in häuslicher Pflege. Seit Mitte Dezember ist der Salon geschlossen, und was das nicht nur für die Chefin, sondern auch ihre Familie und die Mitarbeiter bedeutet, schilderte sie direkt zum Einstieg der Sendung in emotionalen Worten. Es sei ein Wechselbad der Gefühle, sagte Vietze, man wisse gar nicht mehr, wie man das alles meistern solle. "Jetzt ist man zwar zu Hause mit drei Kindern im Homeschooling, aber trotzdem muss man sehr viel Bürokratismus bewältigen." Im Homeschooling sei man auch Köchin und Lehrerin, höre mindestens 60 Mal am Tag das Wort "Mama".

Existenzängste, Schlaflosigkeit, kein Licht am Ende des Tunnels

Doch mit dieser anstrengenden privaten Situation war die Schilderung der momentanen Lage noch nicht vorbei. Es sei ein Schuldenberg am Wachsen, da der Salon mit "meinem großartigen Team" nun seit Beginn der Pandemie schon im vierten Monat geschlossen sei. Die Rede war noch von "Existenzängsten", es gebe kein Licht am Ende des Tunnels – und auf die Frage von Plasberg, wie sie schlafe, kam nur die kurze Antwort: "Jetzt doch immer schlechter." Nach 108 Jahren steht das Familienunternehmen auf der Kippe, das wurde deutlich. Sie liebe ihren Beruf, sei mit viel Herzblut dabei und möchte es gerne schaffen, aber: "Was soll ich auch meinen Mitarbeitern sagen, wenn das Konto leer ist?", fragte Vietze. "Man muss ja alles vorschießen." Diese Sorgen konnte auch ein Anwalt, den sich Vietze in den Salon bestellte und der sich auf die Anträge für die staatlichen Hilfen spezialisiert hat, der Meisterin nicht nehmen - im Gegenteil. "Null Euro" habe immer am Ende der Rechnung gestanden, kein Anspruch auf Hilfe. Das saß - und in der Runde herrschte Stille.

Arbeitsminister Heil wirkt empathisch

Antworten musste natürlich der ebenfalls in der Runde sitzende Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Vorab: Ihm gelang es im Gegensatz zu manch anderen Politikern, die in diesen Zeiten durch brachiale Rhetorik auffallen, ziemlich gut, eine gewisse Empathie für die vielen Selbstständigen und anderen nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht Betroffenen des Lockdowns zu vermitteln, die derzeit um ihre Existenz bangen. "Das bedrückt mich", sagte Heil, "aber zudem bedrückt mich die Tatsache, dass dieses Virus auch Menschenleben kostet in diesem Land." Es habe sich ja niemand Lockdown-Maßnahmen ausgedacht, um Unternehmer zu quälen, sondern um Gesundheit zu schützen. Der Kampf um Menschenleben und gleichzeitig der Versuch, Menschen wie Vietze die Probleme zu erleichtern seien die zwei Herzen, die in seiner Brust schlügen. Das war zwar in der Sache das typische Lockdown-Begründungs-Argument, aber es kam ehrlich daher.

Bemühen um Konstruktivität – und auch mal ein Scherz

Überhaupt war bei allen Teilnehmern der Runde das ehrliche Bemühen um einen konstruktiven Abend deutlich spürbar. Intensivmedizinerin Carola Holzner beispielsweise schilderte die Zustände in ihrem Krankenhaus eben nicht in apokalyptischen Worten, was auch angesichts der schieren Todeszahlen gar nicht nötig ist, sondern ordnete ein und differenzierte auch außerhalb ihres eigenen Kernthemas – etwa als sie kein Verständnis für die Schließung von Friseursalons zeigte, wo man sich eigentlich aufgrund der Hygienemaßnahmen kaum anstecken könne. Schriftsteller Jan Weiler gelang es sogar, den einen oder andern kleinen Scherz zu platzieren, etwa als er seinen Platz auf der Impf-Warteliste mit 39.705.506 benannte, was wiederum dem 8. August entspreche. Und Psychologin Monika Sieverding gelangen ebenfalls gute Beiträge aus der Warte ihrer Profession, etwa als sie prognostizierte, dass die Debatte um sogenannte Privilegien, die eigentlich Grundrechte sind, für Geimpfte gesellschaftlich noch ordentlich an Fahrt aufnehmen werde.

Friseure sind "Hygienebotschafter"

Plasberg, der die Runde souverän moderierte, musste nicht ein einziges Mal ernsthaft Streit schlichten, was wiederum deutlich machte, dass es keinen Krawall braucht, um eine gute Talkshow mit Inhalt zu füllen. Immer wieder war es zudem Friseurmeisterin Vietze, die aus der Praxis berichtete. Sie bezeichnete Friseurs gar als "Hygienebotschafter", weil "wir viel gemacht haben in dieser Richtung" und in den Salons kaum Fälle von Infektionen vorgekommen seien. Sie differenzierte auch zwischen ihrer Eigenschaft als Mutter und der als Unternehmerin. Natürlich hätten die Schulen und Kinder bei den Öffnungen Vorrang, aber die Kunden eben auch ein Grundbedürfnis danach, mal wieder zum Friseur zu können. Dem waren offenbar auch mehrere Bundesliga-Fußballspieler nachgekommen, die zuletzt mit auffallend gut gestylten Haaren aufliefen. Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks kritisierte die Einladung zur Schwarzarbeit, die dadurch implizit ausgesprochen werde. Vietze konterte im Studio, dass es bei 240.000 Mitarbeitern in der Branche und 60 Prozent Kurzarbeitergeld auch eine Art Überlebensreflex sei, aber natürlich dennoch "eine Katastrophe".

Eine der besten Talkshows der vergangenen Monate - mit bitterer Quintessenz

Dieser sich durch die Sendungen ziehenden Differenzierung taten auch kleinere Versuche von Plasberg nach mehr Zuspitzung keinen Abbruch, etwa als er Schlagzeilen von Polizeieinsätzen bei Corona-Regelbrüchen einspielte. Dem trat Sieverding entgegen, man wisse ja gar nicht, ob das immer mehr Menschen täten, nur weil in den Medien einzelne Fälle hochgepusht würden. Auch das Thema der Verschärfungen wurde sehr gesittet durchgespielt, die radikalen Vorschläge eines bis zu vierwöchigen Hardcore-Lockdowns verwarf die Runde trotz gewisser Sympathien beim Schriftsteller Weiler. Homeoffice, die Maskenfrage, der Umgang mit Corona-Leugnern – ein wenig ging der Diskussion gegen Ende aufgrund vieler thematischer Sprünge dann allerdings die Puste aus. Das änderte zum einen aber nichts daran, dass diese Ausgabe von "hart aber fair" herausragend in der Talkshow-Landschaft der vergangenen Monate war. Und zum anderen leider auch nichts an der bitteren Quintessenz aus Sicht von großen Teilen des Mittelstands, aber vor allem des Friseurhandwerks. Denn gerade, als Kirstin Vietze erklärt hatte, dass man mit 30 Prozent Umsatzrückgang in der Friseurbranche schon "tot" sei, dass das Ostergeschäft und das Weihnachtsgeschäft 2020 weggebrochen sei, warf Plasberg die Frage ein, was der Gedanke bedeute, dass auch das nächste Ostergeschäft wegbrechen könnte. Die Antwort Vietzes hätte klarer nicht ausfallen können: "Furchtbar!"

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