Meisterstücke -

Mit Räucherkerzen und Maschinenbau auf Erfolgskurs Beim Karzl hat Jürgen Huß den Hut auf

Mit den Räucherkerzen pflegt Jürgen Huß eine Familientradition. Der Erzgebirger ist aber auch als Maschinenbauer erfolgreich und hat einen Youtube-Star erschaffen.

Das Karzl ist Kult. Auf Youtube wollen die Trickfilme, in denen der Kobold im tiefsten erzgebirgischen Dialekt Schwänke aus seinem Alltag zum Besten gibt, regelmäßig weit mehr als 300.000 Leute sehen.

Geistiger Vater der Kunstfigur ist ein Maschinenbaumechanikermeister aus Neudorf, einem Ortsteil der Gemeinde Sehmatal. Und dass Jürgen Huß eine stilisierte Räucherkerze in seinen Trickfilmen auftreten lässt, liegt auf der Hand. Schließlich ziehen sich die Räucherkerzen – Huß selbst bezeichnet sie lieber als Weihrichkarzln (Weihrauchkerzen) – wie ein roter Faden durch sein Leben.

Räucherkerzen herstellen ist wie backen

So erinnert er sich noch gut an die Gerüche in Großmutters Küche, wo die in Handarbeit hergestellten Räucherkerzen zum Trocknen lagen. 1991 lässt er die Familientradition der Räucherkerzenherstellung wieder aufleben und führt mit einer eigenen Firma fort, was sein Großvater Kurt Huß Ende der 1920er-Jahre begonnen und auch sein Vater Siegfried als Nebenerwerb betrieben hatte.

Karzl

Zum Gespräch erscheint Jürgen Huß mit großem Filzhut, sein persönliches Markenzeichen. In seiner rußverschmierten Hand ein winziges Schälchen, in dem eine schwarze Masse glimmt, nicht größer als eine Linse. Ein Versuch, erklärt Huß. Seit den frühen Morgenstunden hat er mit einem neuen Bindemittel für das Trägermaterial seiner Weihrichkarzln experimentiert.

Normalerweise sorgt Kartoffel- oder Maisstärke dafür, dass der Brei aus Holzkohle und Wasser, der später durch die ätherischen Öle von Baumharzen seine Duftnote erhält, beim Trocknen nicht auseinanderbröselt. "Räucherkerzen herstellen ist wie backen", fasst Huß zusammen und betont, dass in seinen Weihrichkarzln ausschließlich natürliche Zutaten enthalten sind.

Räucheröfen statt Räuchermänner

Räucherkerzen gehören im Weihnachtsland Erzgebirge zum Kulturgut. Ohne den uralten Brauch des Räucherns wären die für die Region typischen Räuchermänner wohl nie entstanden. Als Metallhandwerker setzt Jürgen Huß freilich lieber auf die von ihm entwickelten Räucheröfen als passendes Accessoire, deren Sortiment über die Jahre auf 25 verschiedene Modelle angewachsen ist. Mit Metall kennt sich der gelernte Instandhaltungsmechaniker eben besser aus als mit Holz.

Mitte der 1970er-Jahre begann Jürgen Huß seine Lehre in der Spindelfabrik Neudorf, wo sein Vater als Betriebshandwerker arbeitete. Bis auf zwei Unterbrechungen für ein diakonisches Jahr als Hausmeister in einem Heim der Landeskirchlichen Gemeinschaft und dem Wehrdienst als Bausoldat blieb Jürgen Huß der "Spinna" zu DDR-Zeiten treu.

Der ehemalige VEB mit damals mehr als 600 Mitarbeitern ist bis heute einer der großen Arbeitgeber im Ort. Aber die Wende wurde nicht nur für die Spindelfabrik zur Zäsur. Auch Jürgen Huß orientierte sich neu, machte seinen Industriemeister und startete 1991 mit dem handwerksähnlichen Gewerbe der Räucherkerzenherstellung in die Selbstständigkeit.

Das war alles andere als einfach. Mit dem Elternhaus als einzige Sicherheit hielten sich die Banken bei der Finanzierung zurück. Aber dank eines Einstiegskredits von einem Onkel aus Hamburg und der tatkräftigen Unterstützung seines Vaters und seines Schwagers schaffte es Jürgen Huß, schon im ersten Jahr schwarze Zahlen zu schreiben.

Einstieg mit Kinderschaufeln

Es war der Auftakt einer Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. Auch weil Huß seine wirtschaftliche Existenz auf ein zweites Standbein stellte – in der Metallbearbeitung, einer Branche, die er von der Pike auf gelernt hatte. So erwarb er bei einer Versteigerung Werkzeuge und Pressen, mit denen sein junges Unternehmen Kinderschaufeln aus Blech produzierte. "Alle zwei Wochen rollte ein Lkw voll Kinderschaufeln von hier aus nach Nürnberg", erinnert sich Huß.

1993 stellte der Jungunternehmer seine ersten Mitarbeiter ein. Gleichzeitig legte er mit der Ausbildung zum Maschinenbaumechanikermeister den Grundstein für die Huss Maschinenbau GmbH, die heute mit 85 Mitarbeitern, einem modernen Maschinenpark sowie einer Reihe von Zertifizierungen für Qualitätsmanagement und Schweißarbeiten exzellent aufgestellt ist.

Die Geschichte des Unternehmens erinnert gerade zur Weihnachtszeit ein wenig an das Lukas-Evangelium. Mitte der 1990er-Jahre prägte ein alter Stall das Gelände, aus dem mit viel Eigenleistung im Laufe der Zeit ein Standort erwachsen ist, der heute fünf Produktions- und Lagerhallen auf einer Fläche von 3.600 Quadratmetern beherbergt. Mit unternehmerischem Gespür ist es Jürgen Huß gelungen, seinen Betrieb immer wieder den Erfordernissen des Marktes anzupassen.

In Krisenzeiten investiert

Familie Huß

Als viele Ostdeutsche ihre alten Heizungen modernisierten, produzierte Huss in drei Schichten Schornsteinsanierungssysteme. Doch mit Einzug der Brennwerttechnik, die deutlich geringere Abgastemperaturen ermöglicht, verdrängte Kunststoff das Metall bei der Schornsteinsanierung. Jürgen Huß aber investierte in neue Maschinen, setzte verstärkt auf CNC-Technik. Und als in Folge der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 viele Maschinenbauer ins Straucheln kamen, bauten die Erzgebirger eine neue Halle, um dort eine acht Meter lange Fahrständerfräsmaschine unterzubringen. Sie erlaubt die Bearbeitung besonders großer Bauteile. "Ich habe in Krisenzeiten Geld geborgt, um investieren zu können", erklärt Jürgen Huß seine Strategie.

Sie scheint aufzugehen, auch wenn er sich vehement gegen die Aussage wehrt, sein Unternehmen sei zukunftssicher aufgestellt. "Was ist heut schon sicher in dieser vernetzten Welt?", fragt der Maschinenbaumechanikermeister. Trotzdem sind die Weichen für die Zukunft gestellt. Alle sechs Kinder von Jürgen Huß arbeiten im Familienunternehmen Huss mit, ohne dass Druck ausgeübt wurde, wie der Vater extra betont. Und der ist nicht nur als Unter­nehmer begabt, wie die Karzl-Filme zeigen.

Dem Karzl die Stimme gegeben

Den Hut für seine Kunstfigur hat Huß eigenhändig gezeichnet und auch seine Stimme leiht er dem Karzl, aber vor allem die Storys der Online-Videos basieren auf seinen Ideen. Egal ob "Dr Christbaahm", "Holzkrankheit" oder "Schwammeschau" – immer versteckt sich eine zweite Botschaft hinter den flapsigen Sprüchen des Karzls, das ohne Arme daherkommt und nur vier Finger hat. "Damit ist das Karzl kein Mensch und muss sich auch nicht an jede Anstandsregel halten", erklärt Jürgen Huß.

Die neunte Episode mit dem Titel "Sauerkraut" war die bislang erfolgreichste. Für einen Tag hatte der reichlich zwei Minuten lange Videoclip deutschlandweit die höchsten Klickzahlen auf Youtube, obwohl viele Deutsche das Karzl wahrscheinlich nur bruchstückhaft verstehen. Aber die Botschaft kommt rüber: Räucherkerzen sind für vieles gut. Und – im übertragenen Sinn: "Jeder ist für seine Hinterlassenschaften selbst verantwortlich."

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