Corona-Arbeitsschutz "Bauwagen sind am gefährlichsten"

Die Hygiene-Empfehlungen zum Schutz vor Corona haben sich in den vergangenen Monaten immer weiter entwickelt. Der Fokus wechselte vom Vermeiden von Hautkontakt immer mehr hin zum Reduzieren von Aerosolen in der Raumluft. Worauf Unternehmer auf Baustellen und in geschlossenen Räumen achten müssen und warum Pausen so kritisch sind, erläutert Martin Pitschke, Sachverständiger für Innenraumschadstoffe

Barbara Oberst

Auf Baustellen im Freien ist die Ansteckungsgefahr vergleichsweise gering, sagt Martin Pitschke. Die Gefahr lauert in den Pausen. - © Domolytik

DHZ: Zu Beginn der Corona-Pandemie sah man häufig Bilder, wo in Städten großflächig Desinfektionsmittel gesprüht wurde. Sind Kontaktübertragungen immer noch das Thema?

Pitschke: Wenn wir uns das Corona-Infektionsgeschehen ansehen, scheint das Thema der Kontaktübertragung deutlich zu hoch angesetzt. Aus früheren Erfahrungen mit Noro- oder Enteroviren hatten die Gesundheitsämter stark auf Desinfektion und Hautkontaktvermeidung gesetzt, denn diese Erreger werden durch Hautkontakte übertragen. Doch bei Corona spielen Tröpfcheninfektion und vor allem die Übertragung mit Aerosolen die wichtigere Rolle.

DHZ: Heißt das, Arbeitgeber können jetzt auf Desinfektion verzichten?

Pitschke: Da Handwerker viel mit eigenem Werkzeug und Handschuhen arbeiten, sind sie darüber etwas geschützt, vor allem, wenn sie auch die allgemeinen Hygieneregeln beachten. Trotzdem würde ich Kontaktflächen nach wie vor desinfizieren.

DHZ: Viele handwerkliche Arbeiten finden auf der Baustelle statt. Spielen Aerosole hier überhaupt eine Rolle?

Pitschke: Das kommt darauf an. Auf der Baustelle im Freien oder wenn wenige Personen auf gut gelüfteten Flächen arbeiten, wird die Gefahr, sich anzustecken, sehr gering sein. Wenn aber auf großen Baustellen mit vielen verschiedenen Gewerken und in geschlossenen Räumen gearbeitet wird, steigt das Risiko. Je geringer die Abstände zueinander und je schlechter belüftet, desto größer die Gefahr. Wenn beispielsweise für Malerarbeiten die Fenster mit Folien verklebt sind und Lüften schlecht möglich ist, muss ich die Arbeiten so organisieren, dass weniger Leute zusammenkommen und sie gegebenenfalls Masken tragen.

DHZ:Gibt es aus Ansteckungssicht besonders kritische Orte?

Pitschke: Ja, die Sozialräume, beispielsweise die Bauwagen, in denen die Pausen verbracht werden. Hier sitzen die Bauarbeiter längere Zeit auf engstem Raum. Wenn sie essen und trinken, tragen sie hier auch keine Masken. Auf den Baustellen, wo ich Sicherheits- und Gesundheitskoordinator bin, habe ich deshalb versucht, in den zu errichtenden Gebäuden Räume so einzurichten, dass dort bei besserer Belüftung und mit mehr Abstand Pausen gemacht werden können.

DHZ: Stichwort Masken. Wo sind sie nötig?

Pitschke: Das variiert etwas je nach Bundesland. Außerdem gilt seit 26. Januar bundesweit die neue Corona-Arbeitsschutzverordnung, die den Mund-Nasen-Schutz immer dann verlangt, wenn nicht ausreichend Abstände eingehalten werden können. Das heißt: In großen, gut belüfteten Räumen, wo für jede Person mindestens zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen und sie Abstand zueinander halten, sind Masken nicht nötig. In engen Pausenräumen oder auf der gemeinsamen Fahrt zur Baustelle aber schon. Der Arbeitgeber muss für diese Situationen ausreichend FFP2- oder medizinische Masken zur Verfügung stellen. Es ist wichtig, immer wieder auf die Maskenpflicht hinzuweisen, beispielsweise durch Schilder in den Sozialräumen.

DHZ: Stoffmasken sind nicht mehr erlaubt?

Pitschke: Es geht hier wieder um die Aerosole. Stoffmasken sind zwar geeignet, um Tröpfchen aufzufangen. Aber die Porenweite dieser Stoffe ist zu weit, um die viel kleineren Aerosole und darüber transportierte Viren aufzuhalten. Die Stoffweite bei FFP2-Masken oder medizinischen Masken ist durch Glasfaser verengt. Dadurch steigt dann auch der Luftwiderstand beim Atmen. Je dichter die Maske am Gesicht anliegt, desto besser schützt sie. Wer über einen Nebenluftstrom am Rand der Maske vorbeiatmet, verliert die Filterwirkung.

DHZ: Wie können Arbeitgeber ihre Teams überzeugen, die ungeliebten Masken korrekt zu tragen?

Pitschke: Das ist ein grundsätzliches Problem bei Arbeitsschutzvorschriften. Sie können noch so viele technische oder organisatorische Maßnehmen ergreifen – wenn die Leute das nicht ernst nehmen, hilft es nicht. Der Chef muss Vorbild sein, also die Maske auch selber tragen. Zudem kann er versuchen, das Team durch Information zu überzeugen. Wo das nicht gelingt, könnte er Verstöße bestrafen. Weil der Arbeitgeber in der Verantwortung ist, sollte er seine Mitarbeiter auf jeden Fall unterschreiben lassen, dass er sie zu den Corona-Schutzmaßnahmen unterwiesen hat.

DHZ: Was empfehlen sie Handwerkern, die in Büros oder Werkstätten arbeiten?

Pitschke: Die Ansteckungsgefahr steigt mit der Aerosolkonzentration. Die verläuft parallel zum CO2-Wert, der sich leicht mit Messgeräten ermitteln lässt. Lüften ist immer die beste Möglichkeit, um diese Konzentration zu senken. Technische Hilfsmittel sind nur die zweitbeste Lösung. Mobile Luftreinigungsgeräte zum Beispiel bieten nur dann zuverlässigen Schutz, wenn sie regelmäßig gewartet werden, ihre Luftfilter ausgetauscht und sie auch an der richtigen Stelle positioniert sind. Ein Verantwortlicher muss das im Blick behalten, sonst sind diese Geräte eher kontraproduktiv, weil sich alle in Scheinsicherheit wiegen.

TOP-Prinzip gilt auch bei Corona

Wie bei allen Gefährdungen gilt auch im Arbeitsschutz bezüglich Corona das TOP-Prinzip. Schutzmaßnahmen sollten in dieser Reihenfolge ergriffen werden:

  • T echnisch
  • O rganisatorisch
  • P ersonenbezogen
"Falls Abstände nicht ausreichend eingehalten werden können und technische beziehungsweise organisatorische Maßnahmen nicht ausreichen, um für den notwendigen Schutz zu sorgen, müssen situativ Masken eingesetzt werden", erklärt Bernhard Arenz, Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau).
Die BG Bau hat in verschiedenen Broschüren zusammengefasst, worauf Arbeitgeber jetzt achten müssen. Die Links sind hier hinterlegt: